21.01.2016 – 12.02.2016 / 337. – 359. Tag 

Sueden

Also geht es am frühen Morgen mit dem Radkarton auf dem hinteren Gepäckträger mit Überbreite raus zum Airport von Kalgoorlie. Musste mit dem CheckIn dann nochmals einen erheblichen Betrag, trotz  angemeldeter und bezahlter Sportgepäckbeförderung für das Rad, bezahlen. Die Sportgepäckbeförderung umfasst nur Gepäck bis 23 kg und ich doch wieder 30,20 kg im Karton hatte. Verdammt denke ich so bei mir, ich habe schon wieder zu viel Wohlstand angehäuft und hatte Tags zuvor noch extra ein Paket mit 4 kg versendet. Ich muss mehr auf meine Bedürfnisse achten, entscheide ich mich mit der Übergabe der Kreditkarte an den Abbuchungsvollstrecker, vorerst im Unterbewusstsein.
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Im Flieger komme ich sofort mit meinem Sitznachbarn, auch ein Radfahrer, ins Gespräch, bekomme viel Informationen über Adelaide, natürlich auch noch seine Telefonnummer. Am Nachmittag bei er Ankunft in Adelaide bin ich dann doch recht müde, denn es war doch ein schöner, langer Abend mit den Leuten in Kalgoorie.

Routiniert baue ich das Rad zusammen und beende nach wenigen Kilometern den Tag in einem Hostel nahe dem Strand und der dazugehörigen touristischen Vergnügungsmeile.

Die kommenden Tage sind ausgefüllt. Natürlich nutze ich sie hauptsächlich zur wirklich, notwenigen Regeneration. Und auch zur Suche nach einem Hostel, frei von diesen ach so coolen, selbstverliebten meist männlichen Backpackern, denen jegliche Rücksichtnahme und Akzeptanz gegenüber ihren Mitbewohnern aus ihren entleerten, zu gedröhnten Gehirnstrukturen abhanden gekommen zu sein scheint. Denen in ihrem Mensch-Werdungsprozess ein grundlegendes Maß an Intelligenz gewaltig verloren gegangen ist.

Nach einer Woche in Adelaide mit dem Besuch vieler Festen zum Nationalfeiertag und einem nächtlichen Feuerwerk, hatte ich dann auch wieder irgendwie genug von der Stadtzivilisation. Obwohl Adelaide nun wirklich nicht zu den pulsierenden Großstädten gehört, denn ich hatte in der Woche irgendwie immer den Eindruck, dass sich die Stadt in einem Slowmotionmodus befindet.

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Weiter der Südküste entlang Richtung Mehlborn über Hahndorf, Macclesfield, Strathalbyn, Wellington. Alles, Landschaft, Menschen, Distanzen, Streckenprofil ist komplett anders. Immer wieder komme ich durch kleine, sehr gepflegte Orte, fahre ich über kleine Anhöhen vorbei an grossen Landwirtschaften, riesigen Weinfelder, grünen Weiden mit Pferden, begleitet von angenehmem Wetter mit wenig Wind und erträglichen Temperaturen.

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Lange suche ich am Abend einen Weg zum Ufer des Lake Alexandrina. Immer wieder versperrt mir ein Stacheldrahtzaun den Zugang, stehe ich am Ende eines Viehweges. Die kühle, frische Luft vom See, die Aussicht nach einem erfrischenden Bad treibt mich voran, zieht mich weiter Richtung Wasser. Auch ein breiter Kiesweg führt leider auch nicht wirklich an den See. Nun dann schiebe ich das Rad eben durch Weideland mit kniehohem Krüppelsträuchern. Schafe, Kühe schauen verwundert auf und entfernen sich dann gemächlich. Vor einem Drahtzaun 30 m vom Wasser entfernt, ist dann endgültig Schluß und so baue ich mein Zelt davor auf, klettere über den Draht, Pelikanen fliegen auf, schaue über die weite, wild aufgeschäumte, dunkle Wasserfläche. In jede Richtung erstreckt bis zur feinen Linie des Horizonts zwischen Land und Himmel endlose Weite.

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thumb_IMG_7367_1024Unter den dunkelblauen, tief dahinziehenden grauen Wolken überfliegen Vogelschwärme mein Zelt, ziehen in die Ferne. Es ist sehr windig, ich muss nach dem Aufbauen schnell das Zelt mit meinen Gepäcktaschen beschweren damit es nicht wegfliegt, aber alles ist so friedvoll, dass ich erst viel später in der Nacht über  Schlangen, Skorpione und andere australische Gefahren im Busch nachdenke. Ich bin wieder unterwegs und es ist tausendmal besser als in einer Stadt.

Nach einem harten Tag mit viel Gegenwind auf einer langen Strecke, ausgiebiger Mittagspause in Mennige mit wunderbarem Wurst-Käse-Tomate-Zwiebel-Baguette dazu kalte Cola und als Nachtisch Melone schlage ich gegen Abend mein Zelt im nirgendwo auf. Tagsüber auf gerader Strecke kommt mir ein Polizeiauto entgegen und wendet doch tatsächlich nachdem es an mir vorbeigefahren ist. Wie in einem amerikanischen Roadmovie hält der Wagen natürlich hinter mir und auch der entsteigende Polizist wird dem Klischee gerecht. Unter voller Bewaffnung, mit dunkler Sonnenbrille, bestimmenden Gang und Habitus stampft er auf mich zu. Ich denke so bei mir, wenn der Deutsch könnte würde bestimmt die erste Frage sein, „…na was haben wir denn falsch gemacht, vergessen?“ Er spricht kein deutsch und so höre ich, „Where is your helmet?“ Ich „Whitch helmet?“ … und so geht es einige Minuten hin und her. Natürlich weiß ich, dass in Australien Helmpflicht ist, habe bewusste auf eine Helm verzichtet, eine Kontrolle/Strafe einkalkuliert.

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Nun ja ich kann nicht anders. Ich bin seit 30 Jahren täglich Mit dem Rad in Berlin unterwegs, habe als meine Radtouren ohne Helm durchgeführt, habe ungezählte Unfälle, da ich sie kommen sah, ohne Kopfverletzung überstanden. Ich mag einfach keinen Helm und in der Hitze Australiens, bei einer Verkehrsdichte von gefühlt einem Auto pro Stunde, schon gar nicht. Aber bitte, nicht nachmachen und schon gar nicht, wenn das Rad gegen ein Pferd (PIEP !!!) getauscht wird!

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Ok zurück, der Polizist macht jedenfalls auf dicke Hose. Natürlich macht er mir verständlich, dass dieser Fall von schwerer Missachtung des Gesetztes teuer wird. Vorab will er noch wissen, wo ich denn eigentlich herkomme. Ich erzähle ihm meine Reiseroute und das ich mit dem Rad ohne Helm aus Deutschland und in Australien aus Perth komme. Und nun, ich glaube es nicht, nimmt er seine Sonnenbrille von der Nase, ich sehe seinen erstaunten Blick, seine freundlichen Augen, noch einmal fragt er „Woher kommst Du?“ Nun sehe ich in seinem Blick erste Selbstzweifel an seiner Maßnahme, merke das er wohl selber, hier im Nirgendwo ohne jeglichen Verkehr erkennt, dass er sich gerade …ich nenne es einmal suboptimal verhält. Nach seiner nächsten Frage sieht er nun in meinem Gesicht einen erstaunten Blick. „Hast Du ausreichend Wasser dabei? “ Meine Antwort wartet er nicht ab, geht zum Auto und kommt mit zwei kleinen Flaschen kaltes Wasser zurück, übergibt mir diese ohne Kommentar, geht zurück zu seinem Auto und braust davon. Sie sind doch immer wieder für eine schöne Überraschung gut die freundlichen Aussies!

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Tags darauf gegen 19:00 Uhr erreiche ich ein Roadhouse am Salt Creek, gegen meinen Hunger finde ich nicht wirklich etwas Nahrhaftes, fülle aber meine Wasserflaschen auf, kaufe Milch und doch aus lauter Verzweiflung eines dieser furchtbaren Luft-Toastbrote.  Von der deutschen Bedienung erfahre ich noch, dass kurz hinter dem Roadhouse rechts ein Weg zu einem See mit Campground abzweigt. Beim Zeltaufbau stehen plötzlich zwei Emus keine 50 m entfernt am Strand, im feuchten Sand und sind nachdem sie mich gesehen haben, genauso erstaunt wie ich über ihre Anwesenheit, mit dem Unterschied in den Reaktionen. Ich bleibe an Zelt stehen und sie traben schnell auf den nahen Wald zu. Diese herrliche Abendstimmung, die absolute Stille, diese grenzenlose Friedlichkeit überträgt sich spürbar auf mich. Mach Dir keinen Stress, was an Tageskilometern zu schaffen ist, ist ok.  Nur keinen Druck, selbstauferlegten Stress.

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Lange noch sitze ich in der Dunkelheit vor dem Zelt, schaue in den eindrucksvollen Sternenhimmel, nehme die grenzenlose Weite in mich auf, eine spürbare Einsamkeit wahr und …….!?

Die nächsten 10 h regnet es sich ein. Ich komme gut voran, kein Wind, keine Hitze und wenig Steigungen, bin völlig durchnässt als ich in Kingston SE ankomme, aber ok alles Gute geht eben nicht auf einmal. Einkaufen, kurzer Plausch mit zwei Damen aus dem Ort, dann geht es weiter, es regnet weiter, die graue, dunkle Wolkendecke bricht ein wenig auf, es nieselt und auch das nächste T-Shirt ist durch, kurz vor Robe beende ich den Tag, koche mir eine  Misosuppe. Esse gierig, ausgiebig, da ich dies einmal wieder den Tag vergessen habe. Es hört zu regnen auf und so kann ich hoffentlich meine Sachen trocken bekommen. Die gelben Schlangenkadaver unterschiedlichster Größe auf der Strasse nehmen zu. Die Landschaft hüllt sich weiter in einen dunklen, tiefhängende, sichterschwerende  Regenwolkenmantel. Dies wird mir um so deutlicher, als ein Pickups neben mir stop, der Fahrer mir aufgeregt eine Warnweste schenkt, einen Lift zu nächsten Ort anbietet. Dankend lehne ich dies ab! Freundliche Aussies die um meine Sicherheit besorgt sind an einem guten Tag, in einem guten Land, mit guten Menschen, in einer guten Zeit. In Australien ist alles anders. Ich liege an Seen, auf Wiesen, Flächen die bis zum Horizont reichen, mich begeistert diese Weite, sie verzaubert mich, ich bin sprachlos, wenn ich alleine an einem See liege und die Weite mich umschliesst. Asien war völlig anders, übervölkert, überall war ich von Menschen umgeben, nie wirklich alleine. Hier bin ich oft einsam, wirklich einsam, mich umgeben nur die Geräusche der Vögel, der Natur, ich schaue aus meinem Zelt und sehe am scheinbaren Horizont winzige, windschiefe Baume, sehe keine Menschen, muss am Abend nicht fürchten, dass irgendwo irgendjemand noch auf irgendeinem Feld seinen Lebensunterhalt erarbeitet.

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Am Abend sehe ich weite, sonnenverbrannte Wiesen, kleine Sträucher unterbrechen die gelbe Eintönigkeit, langsam bricht die dichte, regenverhangen Wolkenmauer auf, färbt sich der Himmel in allen Blautönen, von hellblau, mittelblau bis noch dunkelblau, gutes Wetter kündigt sich für morgen an. Die Kälte die mich umgab ist gewichen, ich liege im Zelt lese eine verschlungene Erzählung von Murakami. Höre draußen Getrappel, schaue in die Dunkelheit, versuche meine Augen an das Dunkle zu gewöhnen und erkenne wenig entfernt vom Zelt ein Känguru, verharrend, springend, wieder verharrend. Denke bei mir, sehen wir uns, sind wir uns wohl gesonnen? Irgendwann, ich stehe immer noch fasziniert vor dem Zelt verschwindet es ein der Dunkelheit

Die nächsten Tagesetappen sind zwischen 90-140 km weit. An den Abenden Ankunft in Mount Gambier, Portland, Port Ferry, Port Campbell, Apollo Bay. Tage im kompletten Gegenwind, endlos erscheinenden Quälereien gegen den immer aus der falschen Richtung kommenden Wind. Die Knie schmerzen, selbst bergab muss ich treten um voranzukommen. Glücklicherweise bietet die Landschaft einiges für die Augen, viel Grün, viele Wälder,

Nach einer Warmshowerhost-Übernachtung bei der freundliche Familie von Cynthia McLaren mit Rennrad-Ambitionen, ich werde vom TouristOffice abgeholt, guter Bewirtung mit warmer Dusche, reichlich Essen und Bier und grenzenloser Freundlichkeiten mache ich mich am nächsten Morgen von frischen Frühnebel umgeben auf zur Great Ocean Road (GOR).

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Die GOR führt über 243 km entlang der australischen Südküste zwischen Torquay und Allansford im Bundesstaat Victoria. Sie gilt als eine der bekanntesten, sehenswertesten Straßen in Australien. Die erste Idee einer Straße, einer Verbindung zwischen den zahlreichen Orten/Häfen entlang der Küste auf dem Landweg an der Südküste Victorias, geht bis in das Jahr 1864 zurück. Und natürlich stellen die zwischen Princetown und Port Campbell aus dem Meer ragenden Twelve Apostles (zwölf Apostel), als bis zu 60 Meter hohen, im Meer stehenden Kalksteinfelsen eine herausragende Rolle.

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Wie Apollo Bay sind auch alle anderen Orte entlang der Küste von rücksichtslosen Heerscharen lauter Chinesen okkupiert. Es ist nicht wirklich schön an diesen Orten auf diese Spezis zu treffen und so verbringe ich die nächsten Nächte fernab dem Trubel alleine an wunderschönen Stränden im Zelt.

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Auf der Einfallstraße nach Melbourne nimmt der Verkehr extrem zu. Vierspurig in jede Richtung, voller schneller Autos zieht sich der Asphaltstreifen ins Zentrum.

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Meint der mich oder ist da hinter mir noch jemand ? Kurzer Blick nach hinten, nein da ist niemand. Also gilt das Winken der vollbärtigen, schwarzhaarigen, jungen Mannes mit einer Bierflasche mir! Ich halte links an der Seite, sehe sein freundlich lachendes Gesicht, bringe mein Lächeln hervor und geniesse in kleinen Zügen das kalte Bier. Paul, der gute Mensch von Melbourne, lässt mich für die nächsten Tage nicht weg.

Er organisiert telefonisch für die kommende Nacht eine Schlafgelegenheit bei seinen Schwiegereltern und danach ziehe wir gemeinsam in ein gerade neu angemietetes Häuschen am Stadtrand von Melbourne. Und so habe ich wieder einmal unwahrscheinliches Glück durch diesen Zufall. Ich kann mein Rad, meine Ausrüstung ohne weiteres für einige Tage abstellen und mit leichtem Gepäck nach Alice Springs fliegen.

Am Abend buche ich mir dann noch schnell, wie sich später herausstellt zu schnell, einen Flug nach Alice Springs.

Ich habe über meinen La Paz (Bolivien) Flug ja bereits vielen meiner Freunde und Bekannten erzählt, anschliessend herzlich gelacht, und weiß seit dem, dass es auf der Erde mehrere Städte (z.B. Mexico) mit dem Namen La Paz gibt. Hier nun eine neue Story von „BuchungsChaosEngel“.

Ich stehe am frühen Morgen des 12.02.2015 am Qantas-CheckIn-Automaten im Airport Melbourne und es gelingt mir, obwohl deutlich und selbsterklärend beschrieben, doch tatsächlich nicht einzuchecken. Na kann ja auch ein Systemfehler sein, denke ich und gehe zum Counter. Leicht angespannt, genervt erläutere ich mein Problem und lege meinen Pass und das Handy mit der Bestätigungs-Email auf den Tresen und warte. Die freundliche Dame gibt die Daten ein schaut auf den Bildschirm, auf mich, wieder auf Monitor und sagt dann. „Ja, mit dem Ticket ist alles in Ordnung ihr Flug geht am 12.03.2015. So wie sie gebucht haben.“ Hähhhhh, März, wir haben doch Februar und ich möchte heute fliegen!? Das geht leider nicht, denn ihr Flug geht erst in vier Wochen!

Ich kürze an dieser Stelle einmal ab. Ich konnte nicht umbuchen, musste eines neues Ticket kaufen und teuer dafür bezahlen. Musste aber fliegen, da ich mich in Alice Springs für eine Mitfahrgelegenheit verabredet hatte.

Irgendwann saß ich dann im Flieger, dachte schmunzelnd über diese, meine neue Geschichte nach, entspannte mich und freute mich auf spannende Tage im Central Australia.

Der Name bezeichnet das zentrale Gebiet innerhalb des australisches Bundesterritoriums Northern Territory, dass sich in der weiteren Umgebung von Alice Springs befindet.

(Northern Territory 1.349.130 km², 243.800 Einwohnern,Bevölkerungsdichte von 0,18 Einwohner je km²

Deutschland 357.375,62 km², 81.900.000 Einwohner, Bevölkerungsdichte von 229 Einwohner pro km²)

Alice Springs stellt den Ort mit der größten Ansiedlung in Central Australia dar und dessen Bewohner sind zu drei Vierteln anglo-irischer Herkunft. Aborigines sind zu einem Viertel in der Bevölkerung vertreten. Die Aborigines wiederum, stellen fast die komplette Bevölkerung aller anderen Siedlungen in diesem Gebiet. Von den ungefähr 120.000 Menschen, die in Central Australia leben, sind etwa die Hälfte Ureinwohner.

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