20.03.2016 – 30.03.2016 / 396. – 406. Tag 

s-nach-b-j

Am Morgen setze ich dann mit der Fähre von Harbor, vorbei an der Harborbridge Richtung Norden zum Manly Ferry, weiter über Bilgola Beach, mit der Palm Beach Ferry nach Ettalong (ziemlich teuer u. schaucklig) nach Terrigal über. Der Tag ist regnerisch und bietet nicht viel Abwechslung. Lange, endlos lange fahre ich durch die Vorstädte, durch Industriegebiete mit ungezählten Autobedarfs-Garagen. An den Kampf um meinen Platz, ganz links auf dem schottersteinübersäten Seitenstreifen habe ich mich heute für gewöhnt. In der Dämmerung finde ich einen Radweg etwas dichter an der See und dieser fuhrt mich nun schon im Dunklen durch einen Park direkt am Meer. Besser wird es heute nicht, denke ich bei mir. Und so halte ich vom Dauernieselregen wieder einmal durchnässt unter einem Picknick-Stand. Na das ist doch wohl ein guter Schlafplatz, geht es mir so im Umschauen durch den Kopf. Nach dem Kochen bereite ich mir einen Schlafplatz auf dem Tisch, denn Regel Nr. 2 überall und im Besonderen in Australien: „Schlafe niemals würdelos unter einem Tisch, immer nur oben drauf.“

thumb_p3200193_1024

Im morgendlichen Unterbewusstsein nehme ich einige Jogger wahr. Meinen notwendigen Schlaf stören sie nicht. Erst der Rasenmäher-Mann, der dann auch noch zum Laubwegblase-Mann wurde, treibt mich aus dem Schlafsack. Die ganze Aktion startet um 06:00 Uhr und wirklich fährt der doch 1 Meter neben mir, seine Arbeit verrichtend, direkt an meiner Schlafstelle mit dem Rasenmäher vorbei. Auch der Rasen hat noch geschlafen, denn es gab nichts, wirklich nichts zu schneiden. Angesprochen, was ich hier mache, wie ich dazu komme hier zu schlafen, befragt oder gar belästigt hat mich niemand. Ich war für die Leute einfach nicht da.

thumb_p3200184_1024

Weiter geht es an diesem Tag über Noravill, ab Belmont auf dem Fernleigh Track nach Newcastle, wieder mit einer Fähre nach Nelson Bay. Der Tag umgibt mich bis zum Mittag mega regnerisch, doch dann wurde es wirklich sehr, sehr schön. Immer Wind aus der richtigen Richtung. Immer nur leichte, wenn überhaupt Steigungen. Den Trail über die alte Bahnstrecke, durch lange, dunkle, tropfende Tunnel, abseits der Strasse, nehme ich genussvoll unter meine Reifen.  Immer einmal wieder komme ich an uralte, verfallene Bahnstationen vorbei. Denke ich über die hier im 19. Jahrhundert wirkenden Erschließer nach und bin beeindruckt. Kurz vor Nelson Bay kommen mir irgendwie Zweifel auf, ob es dort überhaupt eine Fähre geben wird. Doch ja es gibt eine, erfahre ich oberhalb des Hafens. Am Fähranleger teilt mir eine ängstlich auf das Meer schauende Dame dann mit: “Nur heute verkehrt diese wegen dem Sturm nicht.” Hääähhhh, ich schaute aufs Meer !!! Was für ein Sturm? Das Meer liegt friedlich, ruhig in der Bucht. Kleine, seichte Wellen schlagen an den Sandstrand. „Ja, ja draussen ist Sturm. Wir fahren ggf. morgen erst wieder.“ Was soll’s, ich bin nicht auf der Flucht und so fahre ich zurück in das „Zentrum“, kaufe mir einige Esswaren und suche mir unten am Strand einen Platz für die Nacht. Gegen 08:00 Uhr soll die erste Fähre ablegen. Na hoffentlich!

thumb_img_8269_1024

Die Nacht wollte ich erst in einem höher gelegenen Park verbringen, doch da haben mich bereits im Hellen die Mücken attackiert und so bin ich an den Strand. So mache ich noch Fotos vom „stürmischen Meer“ und hoffe auf eine ruhige Nacht.

thumb_img_8243_1024

Ok, nun hat mich zum vierten oder fünften Mal ein Polizist bzgl. des Helms, in Australien ist für Radfahrer Helmpflicht, angehalten. Obercool, in dicken Autos, blaues, gelbes, rotes Licht auf dem Dach und an allen möglichen Stellen, nähern sie sich dann, so sie das schwere vergehen erkannt haben. Immer bleiben sie hinter mir stehen, immer sind sie voll mit Drohwaffen behängt, immer haben sie dunkle, coole, undurchsichtige Sonnenbrillen auf der Nase. Und immer gebe ich mich völlig erstaunt: „Helmregel, Vorschrift, verstehe ich nicht. Ich fahre seit Perth ohne Helm, an vielen Highway-Controllern vorbei, was für ein Gesetz/Regel, keine Ahnung….“ klappt immer. Irgendwie sind die Supercoolen dann irritiert, da ich schon so viele Kilometer gefahren bin. „Von wo kommen Sie mit dem Rad? Und niemand hat Sie eher angehalten, ein Ticket verpasst?“ Kommen sich dann doch selber peinlich vor und ich sehe wie es in ihnen arbeitet. Nun ja, ich konnte weiterfahren, der Gute ging zurück zu seinem blinkenden Strassenkreuzer und wird wohl noch ein wenig über meine Person, meinen Weg nachdenken.

thumb_p3240212_1024

Highway ist angesagt, mir bleiben nicht mehr allzu viele Tage. Lief gut ja, aber es treibt mich auch immer zur Fullpower. Ich will das Tempo halten, treibe mich jede Steigung im max. Gang hoch, keuche bis zum Anschlag, will das Tempo halten, aber bin zeitweise völlig breit. Die Nacht habe ich wieder auf einem Picknick-Tisch verbracht.

thumb_p3210199_1024

Doch es regnete die ganze Nacht durchgehend mit starkem Wind und so musste ich immer wieder meine Plane schützend über mich festzurren. Habe trotzdem gefroren, bin nass geworden und konnte mich in der Nacht nicht wirklich erholen. Um 06:00 wollte ich eigentlich aufstehen, doch da war es noch stockdunkel. Gelegenheit erkannt, Nutzen erfasst und noch einmal den nassen Schlafsack bis über die Haarspitzen gezogen.

thumb_img_5108_1024

Ich stehe um 07:00 Uhr dann doch am Ferry Port und war bereits völlig durchnässt. Dicke, schwarze Regenwolken hingen über dem Hafen, über dem Meer, über allem was sich in meinem Blickfeld erkennbar machte. Ein Typ mit Kühlbox tauchte kurz vor 07:20 Uhr auf, informierte mich, er sei der Captain. Er holt schnell das Boot und dann könne ich auch gleich einsteigen und wir dann ablegen.

Und dann taucht ein kleiner uralt Kahn in meinem Blickfeld auf. Putt, putt, sag er vor sich hin auf dem wilden Meer. Ich bin alt, aber zuverlässig. Irgendwie hatte ich etwas anderes erwartet, aber wie so oft kommt es anders als man denkt. Gemeinsam hievten wir das Rad an Bord, es gab um diese frühe Stunde wie erwartet keine weiteren Passagiere, sonst hätte das Rad auf das Dach verfrachtet werden müssen. Ich war natürlich wieder sofort im “Festmodus” und wirklich es ging mit diesem kleinem Boot tüchtig auf und ab. Delphine und grosse Wellen begleiteten unsere einsame Fahrt an diesem frühen Morgen.

Den Highway erreichend setze ich mit Kopfhörer in die Ohren, schalte mir ein Hörbuch an und radle meinem Ziel entgegen. Einen Platten gibt es auch noch. Der hintere Reifen ist echt bis auf das Gewebe runter gefahren. Die extremen Wege in Australien haben sich doch auf das Profil schnell bemerkbar gemacht. Ein dünner Draht, welch Glück genau an eine Rastbucht, verhilft der Luft im Schlauch den Weg nach aussen.

thumb_p3230208_1024

In Port Macqueen wollte ich wieder mit einer Fähre übersetzen, die ist dann wegen Service – out of order –  und zur nächsten Fähre ist es ein ewiger Umweg. Also zurück in die Stadt, zur vielbefahrenen Piste und  auf einer übelsten Wellenpiste die nächsten 38 km Richtung Norden. Die ersten 20 km sind wirklich übel.

thumb_p3230203_1024

Immer wieder schüttelt es mich und das Rad besonders in den Kurven fürchterlich durcheinander. Immer wieder springen die Taschen hinten aus der Halterung, halte ich an um die Schmerzen in den Unterarmen zu lindern. Von links nach rechts und wieder zurück versuche ich den idealen wellenfreien Weg zu finden, kämpfe ich mich voran. Entgegenkommende 4WD nehmen keine Rücksicht, brettern mit Maximalgeschwindigkeit an mir vorbei und hüllen mich minutenlang in eine Staubwolke. Auch das alles geht dann nach einer Ewigkeit zu Ende. Die Piste bleibt eine Sandstrasse, doch glatt wie Asphalt macht es mir die nächsten Kilometer angenehmer. Es lässt sich dann schön durch die grünen Wälder, einsamen Wiesen fahren. Immer wieder einmal taucht eine Ranch auf, Pferde stehen auf riesigen Weiden unter schattenspendenden Bäumen und vermitteln mir ein schönes Gefühl. Einen Platz für uns, Rad, Zelt und mich, finde ich auf einer Backpacker-Wiese. Der Abend endet mit einer Musikprobe seiner Band.

thumb_img_5096_1024

Wieder auf dem Highway spüre ich immer wieder diese gewisse Grundaggressivität bei einigen australischen Autolenkern. Sie sind prinzipiell sehr rücksichtsvoll, besonders die Truckfahrer. Doch einige wenige sind echt auf Krawall aus. Fahren dicht an mir vorbei, nehmen keine Rücksicht. Komisch bei der sonst doch so gepflegten Gelassen-, der Freundlichkeit.  In der Nacht in den Dünen scheint der Mond hell über dem, auf das Meer und ins Zelt. Rhythmisch, lautstark schlagen die Wellen an den Strand. Das Bad, die Erfrischung am Abend war angenehm doch die Strömung mal wieder heftig.

thumb_p3260228_1024

Coffs Harbour, Byron Bay, Southport-Gold Coast sind die Tageshaltepunkte. Nun hat mich in den letzten Tagen doch die Regenkatastrophe begleitet. Alles ist nass, durch, riecht und nicht mehr wirklich ….? Auch der vordere Reifen verabschiedet sich. Ein Profil ist nicht mehr erkennbar und bei diesem Wetter, den nassen Strassen schwer gefährlich. Das Rad liegt unter dem Gepäck, der Geschwindigkeit nicht mehr wirklich ruhig, sicher, Spurtreue auf der Strasse. Doch bis Brisbane muss es irgendwie gehen, setze ich mir in den Kopf.

thumb_img_8262_1024

Brisbane erreiche ich dann am 28.03.2016. Am 404. Tag meines Abenteuers. 24.999 km stehen auf dem Tacho und ich bin erschöpft, stolz, überglücklich, geschafft und um ganz viele Erfahrungen, Erlebnisse, Freundschaften bereichert.

thumb_img_5117_1024

In Brisbane muss ich nun meine Weiterreise vorbereiten, organisieren. Wie immer ist das mit der Suche nach einem Radkarton, Verpackungsmaterial, den besten Weg zum Airport usw. verbunden. Australien hat nicht nur mir, auch dem Rad, der Ausrüstung ziemlich zugesetzt. Da ich mich auf mein Rad, meine wenige lebensnotwendigen Sachen verlassen muss, gestehe ich mir in dieser Hinsicht keine Nachlässigkeit zu. Alles braucht Pflege, Zuwendung, nun ja auch mal eine Streicheleinheit. Besonders natürlich mein Rad, denn bis hier hin lief es wirklich perfekt, hat mich keinen schwerwiegenden Defekt, Ausfall spüren lassen. Ein Wechsel der Kette, des Ritzels, der Reifen ist dringend notwendig. Die Bremsbeläge sind komplett runter und einige Schraubverbindungen bedürfen der Erneuerung. Alles lässt sich natürlich in Brisbane schnell in den örtlichen Radgeschäften erwerben und in der Tiefgarage des Hostel finde ich einen idealen Platz zum reparieren.

thumb_img_5116_1024

Pünktlich, nach drei Monaten Australien, steige ich in den Fliegen und mache mich auf zu meinem nächsten, mit Spannung erwartetem Ziel. NEUSEELAND !!!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.
Menü