Brasilien

01.09.-02.11.2017 – 773. -803. Tag 25 km (47.595 – 48.600 km)

Ankunft in Oiapoque; Macapa; Santana; Belém; Santa Maria do Pará; Santa Luzia do Pará;  Chachoeira do Piriá; Sáo Luis; Parnaibai; Barroquinha; Camocim; Jijoca de Jerichoacoara; Preá; Acaraú; Itarema; Betâia bis nach Fortaleza

Etappe bis Belém an das Amazonas-Delta
Etappe ab Belém

Freundliche Verabschiedung an der Grenze von Franz. Guayana und ebenso freundlicher Empfang in Brasilien. Die Kontrolle der Einreisedokumente an der wirklichen Grenze verfiel recht oberflächlich. Der Grund wurde mir dann umgehend mitgeteilt. Ich müsse noch in der Stadt zum Büro der Immigration Police, dort erhalte ich dann auch meinen Einreisestempel. Dann also rein in die Stadt zur Immigration Police und Stempel holen. 

Skeptisch?

Wieder auf der Straße verschaffte ich mir wie immer, erst einmal einen Überblick wo ich mich konkret befinde. Die nordöstliche Ansicht auf der Karte zeige so gut wie keine Ortschaften, keine Ansiedlungen, nur Dschungel. Es folgte der Einfall nach diesem Blick auf die Karte; hier starte ich nicht mit dem Rad, fahre nicht durch dieses Endlosigkeit ohne Orte auf über 580 km.  Für dieses Abenteuer fehlte mir auch noch immer  die Motivation (Kraft). Also machte ich mich auf zum Busbahnhof und auf meine Frage bekam ich zur Antwort-Ja es gibt einen Bus, der 12:00 Uhr ist aber schon voll, aber 17:00 Uhr fährt der nächste- ! Das hieß sieben Stunden warten, naja. Nun ist es bei meinen Entscheidungsfindungen so, daß ich mir die Fakten immer mal kurz durch den Kopf gehen lassen, einige Punkte, Fakten, Tatsachen abwäge und dann schnell die anstehende Entscheidung treffe. Ich habe mir abgewöhnt lange über die Dinge zu grübeln. Meiner Ansicht nach führt das zu unnötigen Verzögerungen, eine klare Linie ist so nicht erkennbar und im Kopf kreise die Gedanken durch den Gedankentunnel, sind die Gedanken nicht auf den Moment fokussiert. Nach dem Überfall im Iran habe ich damals auch die Entscheidung getroffen, einmal intensiv über das Geschehene nachzudenken. Tatsachen und Fakten objektiv zu analysieren und dann die Sache aus dem Kopf zu bekommen. In die Tiefen der Gehirn-HDD abzulegen und auf dem RAM zu löschen. 

Küstenfischer

Dann warte ich eben, nehme den Gang raus und schaue noch nach einer Bank, nach Lebensmitteln und verbringe so die Zeit des Wartens. Grenzorte, besonders die ich in Südamerika kenne, sind nun selten sehenswerte, interessante Ansiedlungen. Es herrscht immer ein Kommen und Gehen der örtlichen Händler. Alle sind immer irgendwie auf der Durch-/Weiterreise. Transportunternehmen suchen nach Fracht, Passagiere oder anderweitigen Verdienstmöglichkeiten. Also hatte ich schnell meine Runde gedreht und landete so wieder umgehend auf dem Busvorplatz.

Ich werde bereits erwartet. Bekomme doch in dem 12:00 Uhr Bus einen Platz. Ein sehr freundlicher und äußerst hilfsbereiter Mitarbeiter am Busterminal hilft mir bei allem. Wir verstauen das Rad und meine Packtaschen irgendwie in dem Gepäckraum. Ein letzter, sehnsüchtiger Blick beim Schließen der Ladeklappe auf meinen Begleiter, hoffentlich sehen wir uns in Vollständigkeit wieder. Nach einigen Kilometern wechselt Zustand, Struktur und Farbe der Fahrbahn. Aus dem schwarzen Asphaltband durch den noch grünen Dschungel, wird abrupt eine rotbraune Lehm-Sand-Piste. Hinter dem Bus steht eine dicke, undurchsichtige Staubwand. Jegliche Flora beidseitig der Straße ist mit einer Zentimeter dicken braunen Schicht umhüllt. Gefüllt geht es dann in den folgenden Stunden über 1000 Hügel auf und ab. Es hatte schon so etwas, von auf dem Meer unterwegs zu sein. 

Abendstimmung mit Orchester

Sehr ungewöhnlich für Südamerika, im Bus herrscht wohltuende Ruhe und Dunkelheit und so lasse ich die hinter mir liegenden Wochen, Tage, Ereignisse, Strapazen Revue passieren. ‘Das war ja dann wohl doch einmal wieder die richtige Entscheidung.’ Hier wäre ich krepiert. Über die gesamte Strecke keine Stadt, nicht mal ein Dorf, nur ein paar Hütten am Rand, etwas entfernt von der Straße vor der undurchdringlich erscheinenden Wand des Dschungels.  Vor unserer Ankunft, das erste Licht des Morgens verdrängt die Dunkelheit, springt der Bus auch wieder auf den Asphalt. Eine lange Fahrt liegen hinter mir. Mit einem Lächeln begrüße ich mein Rad und nehme das komplette Gepäck in Empfang. Beim zweiten Anlauf finde ich auch eine Unterkunft in der Stadt.

Brasilien hat ja, bezogen auf die Ballungsräumen der Großstädte, nicht gerade den besten Ruf in Punkto Sicherheit. Auch Berichte über die zunehmende landesweiten Kriminalität tauchen immer wieder in den weltweiten Schlagzeilen der Boulevard Presse auf. Und diese setzen sich in den Köpfen oft schneller fest, verbreiten sich rasant gerüchtweise, selten durch wirkliches hinterfragen. Ist die Lage im Land wirklich so? Gemäß meine Erfahrungen, eindeutig nein!!!

Die Brasilianer sind freundlich, interessiert, oft rücksichtsvoll, helfen gerne und wirklich lebensfreudig. Ich habe nie Abneigung, Bedrohung, Mißtrauen erfahren. Mit darstellenden Händen und Füßen, Gesten, Tanzen (nicht nur meinen Familiennamen) offenen Gesicht bin ich immer weiter gekommen. Wurde mir immer Hilfe zuteil. Endete eine Begegnung mehrmals mit einer Einladung zum Essen. 

In Macapá/Santana, am Ufer an einem der unzähligen Seitenarme im Delta des Amazonas, endet die Straße im Hafen der Stadt. Ab hier geht es Richtung Osten nur noch per Fähre, im Boot weiter. Bis hierhin war es ein sich offenbarender Weg, viel Verkehr, staubige Straßen, schweres Vorankommen, massiver LKW-Verkehr.

Im Hafen steige ich vom Rad und bin sofort vom geschäftlichen Treiben, den ausführenden Menschen und Schleppern umringt. Starker Eigengeruch geht von den endlosen Fischständen aus. Jeder Schlepper für die Fährtickets will mir, mein Ziel kennen sie noch gar nicht, den besten Preis machen. Das alles wirkt ziemlich massiv auf mich ein. Also steige ich erst einmal wieder in den Sattel und verschaffe mir so wieder eine kleine Komfortzone, Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Ich verschaffe mir so einen Überblick und entscheide mich dann schnell über den Sympathiefaktor für einen Ticketverkäufer. 150 Real+ 50 Real für das Rad, das passt und so brauche ich nur noch das Bargeld. Dies erfordert eine lange Suche, verbunden mit vielen Fragen nach einer Bank, einem ATM.  In einer Apotheke im Stadtzentrum werde ich dann erstaunlicherweise fündig. Auch die notwendige Hängematte für die Nachtfahrt finde ich in einem der zahlreich vorhandenen Marktstände. Bei dem Erwerb habe ich mich für das Gewicht, leider nicht für den Komfort entschieden.

Auf der kurze Fahrt zum Hafen am nächsten Morgen steigt dann noch einmal die Anspannung. Klappt das auch alles so wie vom Tickethändler zugesagt? Kommt noch irgendeine stressige Situation? Eine unumgängliche Abzocke? Eine Antwort für meine Fragen bekomme ich beim Einchecken. Das Gefühl, dass mich der Vermittler über den Tisch gezogen hat, hatte ich ja gestern schon irgendwie. Die Extragebühr für das Rad war, wie ich am Counter erfahre gar nicht notwendig. Ich bin mit meinem Rad zzgl. Gepäck da auch noch einer der mit kleinem Gepäck reist. Da haben sich um die wartenden Familien doch bereits ganz andere Gepäcktürme angehäuft. Nun ja ok, um so schneller bin ich mit Unterstützung der Vermittlers, er tut dann doch noch wirklich etwas für seine Gebühr, auf dem Passagierdeck der Fähre. Wieder rede ich mir Zuversicht auf das vorhanden Bleiben von Rad und Ausrüstung im Rumpf der Fähre nach der Ankunft, ein. Auf dem offenen Passagierdeck sind die Familien bereits massiv mit der Einrichtung der Schlaf-/Hängemattenplätze beschäftigt. Ich schaue mir die Abläufe, Handlungsabläufe mit einer gewissen Entfernungen und entscheide mich dann spontan für einen Deckenhaken-Paar in der Nähe der offenen Reling, aber maximal entfernt von dem Toilettenbereich. Die notwendigen Ohrstöpsel für die Nacht habe ich dabei, einen Geruchsfilter für die Nase eben nicht. Ich denke mir noch, das es am Abend und am kommenden Morgen spannend wird, wie sich die Menge an Passagiere, schätzungsweise weit über einhundert, mit den Benutzung der zwei!!! Toilettenhäuschen mit integrierter Dusche, organisieren wird. Hänge dann aber doch erst einmal meine Schlafvorrichtung in die Deckenhaken, deponiere meine Vorder- Radtaschen mit wertvollen Elektronikinhalt wegnehm- und verrutschsicher an einem Pfeiler. 

Zwei Stunden nach meinem Einchecken sind dann auch die letzten Baumaterialien ,  Gepäckberge und die 4 Paletten mit Büchsenbier an Bord, alle haben einen Platz für ihre Hängematte gefunden und so fahren wir dann endlich unserem Ziel Belém entgegen. 

Das gewaltige Amazonasdelta liegt vor uns. 

amazonas.deHier fließen 20 % des gesamten Süßwassers der Erde. Das Wasser fließt 6.400 Kilometer von den Andenquellen bis zur Atlantikmündung und bildet ein gigantisches Flusssystem. Der Amazonas stimmt mit unserer gängigen Vorstellung von einem Fluss nicht überein. Er fließt nicht einfach in seinem Flussbett, begrenzt von Ufern. Jahr für Jahr überschwemmt er für Monate den Dschungel rechts und links auf einer Fläche bis zu 100 Kilometer breit. Der Amazonas wird deshalb häufig als Wasserlandschaft bezeichnet. Während der Überschwemmungsmonate verschwinden ganze Urwaldinseln unter den Wassermassen. Denn der Fluß kann in der Regenzeit um 20 Meter steigen. Erst nach Monaten bei sinkendem Wasserspiegel tauchen die Flussinseln wieder auf. 

Wenn nach der Regenzeit die Ufer wieder sichtbar werden, zeigen sich auch weiße Sandstrände. Dann verwandelt sich das gigantische Flusssystem an vielen Stellen in traumhafte Orte. Dort baden nicht nur die Kinder der Flussbewohner. Hin und wieder sieht man Flusstouristen an den Stränden, zumindest im Umfeld der Städte. Vor allem Passagiere der Flusskreuzfahrten von Manaus aus entdecken die Exotik der Amazonas-Strände. Die Menschen, die am Amazonas oder seinen Nebenflüssen leben, ernähren sich von dem enormen Fischreichtum und den Früchten, Nüssen und exotischen Nahrungsmitteln. Die Quellflüsse des Amazonas entspringen in 5000 Meter Höhe in den peruanischen Anden. Dann suchen sie sich als winzige Bäche ihren Weg über Felsen und durch Schluchten, stürzen in engen Felsbetten hinab und vereinen sich bald zum Amazonas. Allein 10 Nebenflüsse größer und länger als der Rhein

Die Dimensionen dieses Stromes sind kaum vorstellbar: Nach Schätzungen speisen 100.000 Nebenflüssen den Amazonas. Von denen sind 1.100 größere Flüsse. Zehn von ihnen würden sogar jeder für sich aufgrund der Länge und der Wassermenge den Rhein in den Schatten stellen. Der Amazonas fließt fast durch den ganzen südamerikanischen Kontinent und bildet das größte Flusssystem der Erde. Das Amazonasgebiet ist weit größer als die Fläche Europas. Ein gigantisches Flusssystem unglaublichen Ausmaßes.

Die brasilianische Regierung sieht in den unvorstellbar mächtigen Wassermassen ein riesiges Potenzial für Staudämme. Die Ströme des Amazonas sollen gebändigt und genutzt werden. Bereits heute gibt es über 100 Staudämme. In Zukunft sollen mehrere Hundert weiterer Staudämme riesige Mengen Strom liefern. Doch auch der Widerstand ist stark. Denn die Staudämme hinterlassen eine enorme Zerstörung der Flora und Fauna. Das indigene Volk der Munduruku hat es geschafft, den geplanten  São-Luiz-do-Tapajós-Staudamm zu stoppen.

Das gigantische Flusssystem endet in einem Süßwassermeer Nach 6.400 Kilometern schiebt der Amazonas seine Wassermassen in den Atlantik. Die Strecke entspricht der Entfernung von New York nach Rom. Dabei strömt aus seiner Mündung ein Fünftel des gesamten Süßwassers der Erde. Das Flusswasser drängt das Salzwasser des Meeres fast 200 Kilometer weit in die See hinaus.

Der spanische Schiffskapitän Vicente Yanez Pinzón entdeckte das Phänomen, als er im Jahre 1500 die Ostküste Südamerikas erforschen wollte. Auf offenem Meer war er plötzlich von Süßwasser umgeben. Er gab der Süßwasserfläche den Namen El Mar Dulce, das Süßwassermeer. Doch in Wirklichkeit war es die Mündung des Amazonas, die mehrere hundert Kilometer breit ist und erstaunlich große Inseln umfasst. 

Auf den ersten Kilometern kommen wir an Siedlungen beidseitig am dschungelnahen Uferbereich vorbei. In der Nähe dieser Dschungelsiedlungen kommen immer wieder Kinder und Frauen in ihren Einbäumen ziemlich nahe längsseits und warten. Auf was? Auf die Gaben der Passagiere. Ja wirklich, die Leute haben Kindersachen, Süßigkeiten, Essen und vieles Andere in wasserdichten Tüten verpackt und werfen diese dann über Bord zu den Dschungelbewohnern. Ganze Taschen mit Klamotten und Jeans ohne Verpackung werden einfach so ins Wasser geworfen. Was ich augenscheinlich sehe sind es größtenteils keine Altkleider, nein die Leute werfen wirklich auch neue Kleidung über Bord. Für mich ist das ziemlich beeindruckend, denn die Leute an Bord sehen nicht so aus, als ob sie hier etwas besonderes tuen. Es scheint ihnen echt ein Bedürfnis, eine Selbstverständlichkeit zu sein, den Dschungelbewohnern im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Das nenne ich doch mal Direkthilfe, Hilfe ohne Umwege.

Aus meiner Hängematte geht der Blick über die bis an den Horizont reichende Wasserfläche. Was wollte ich hier noch mal machen? Mit einem Faltkajak, vollgepackt mit Fahrrad, Gepäck der Ausrüstung und mir, über das Delta paddeln? Nur gut, dass ich darüber noch einmal nachgedacht habe. Mir noch einmal die Grenzen meiner Möglichkeiten deutlich in das Bewusstsein gerufen habe. Wenn nicht schon vorher, spätestens hier wäre ich im wahrsten Sinne untergegangen. Eine zusätzliche, weitere Bestätigung soll von Seiten der Naturgewalten dann auch nicht lange auf sich warten lassen.

Es herrscht angenehme Ruhe auf der Fähre. Die Brasilianer sind doch recht ruhige Leute. Kein Stress, jeder liegt in seiner Matte und träumt vor sich hin. Gegen Mittag gibt es sogar auch noch einmal etwas warmes zu essen. Jeder  Passagier bekommt ein Reis-Hühnchengericht, dazu eine kleine Flasche Wasser. Am Nachmittag wird es dann recht schnell ungemütlich. Von einem Moment zum nächsten verdunkelt sich der Himmel mit, aus dem Nirgendwo kommenden, riesigen schwarzen Wolken.

Amazonasdelta-null Sicht

Blitzartig zieht ein orkanartiges Gewitter auf und gewaltige Wassermassen ergießen sich über und zu Beginn auch in die Fähre. Die Gelassenheit innerhalb der Besatzung und unter den Passagieren ändert sich durch das Unwetter überhaupt nicht. Mitglieder der Besatzung und wohl auch erfahrene Vielreisende lassen gemeinsam die blauen Seitenplanen runter. Sofort packt der Wind diese Flächen und gemeinsam müssen diese schnell fest gebunden werden. Es kracht und donnert aus allen Ecken. Die Sicht geht keine zwei Meter weit. Alles ist in Wasser gehüllt. Jetzt mit dem Kajak, na Mahlzeit. Immer wieder öffnet sich die Unwetterfront, der Fluss öffnet sich zu einem weiten See. Der Wind peitscht die Wellen über die Wasserfläche. Schon erhebliche Wellen schlagen an die Bordwand und über die Reling. 

Nach einer Stunde klart es auf und gegen 20:00 Uhr, es ist bereits seit einer Stunde dunkel, wird auch das weiße Licht ausgemacht und alle Passagiere strecken sich, nun in Rotlicht getauchter Umgebung, in ihre Hängematten. Es herrscht eine wohltuende Ruhe, nur begleitet von den an die Bordwand schlagenden Wellen. Damit hatte ich aus früheren Erfahrungen nun wirklich nicht gerechnet. Sehr schön auch dies einmal in Südamerika zu erleben.

Wie beschrieben verging die gesamte Nacht. Ziemlich müde trotz der Ruhe erwache ich im Morgengrauen. Schlafen konnte ich nicht wirklich, da ich mich in ständiger Körperrotation nicht in den Schlaf bringen konnte. Dazu kam mein Unvermögen diagonal in der Matte zu liegen, zu schlafen. Begleitet von den unterschwelligen Gedanken nicht unter der Matte auf das Stahldeck aufzuschlagen. Das frühe Aufwachen und die schöne Gewohnheit der anderen Reisenden nach dem Erwachen nicht gleich aus der Hängematte zu klettern, gibt mir die Gelegenheit schnell die anstehenden, drückenden Vorgänge am Morgen zu erledigen. Und ich sag mal, duschen muß ich unter den robusten, hygienischen Gegebenheiten ja nun nicht jede Woche. 

Später entsteht dann doch morgendliche Geschäftigkeit verbunden mit zwei Toilettenschlangen vor nicht abschließbaren Türen.

Vor dem Anlegen bin ich schon unter Deck am Fahrrad. Natürlich ist alles noch da, unberührt und vollständig. Also bleibt mir die Zeit alles wieder an und auf dem Rad zu verstauen, den Anlegevorgang im engen Hafen zu bestaunen und die Gewissheit mir zu verdeutlichen schöne Stunden, tolle Erfahrungen in meinem virtuellen Tourenbuch zu verankern. Runter von der Fähre, rein in das Hafengewusel und mit dem Menschen- und Verkehrschwall auf den Weiterweg raustreiben lassen. Ziemlich müde finde ich dann doch schnell ein Hostel.  Kaufen mir noch etwas zum Frühstück. Um Zeit zu sparen, schnell den fehlenden Schlaf nachholen zu können, sind essen und duschen irgendwie eins. 

Es dauerte ewig bis ich am nächsten Morgen aus Belém raus war. Diesmal doch gefährlich, rasender Busverkehr. Die Hitze hielt sich in Grenzen, immer leicht bewölkt. Über die nächsten Tage kommen mir einige LKW-Machos bedrohlich, stellenweise arg nahe. Leider gibt es einen sicheren Seitenstreifen oft nur außerhalb der Ansiedlungen, aber nicht immer in den verkehrsüberfüllten Städten. Immer wieder mal halte ich an einer Raststätte um Wasser nachzutanken. Ansonsten Kopf runter und vorankommen. 

Platt, mitunter mega-ober-platt erreiche ich nach den täglichen zehn bis zwölf Stunden auf dem Rad, meine Tagesziele. Oft, da kann ich drauf wetten, gibt es vor dem abendlichen Ziel, immer noch mal einen Abendanstieg vom Feinsten. Wie sollte es auch anders sein, so auch an diesem Tag. Nicht immer still, angenehm das es keiner hört, fluche mich über den Anstieg. 

Monoton muss ich die Kilometer abspulen, es gibt keine landschaftliche Abwechslung, ums-mehr dann durch eine Attacke von Stechinsekten, sie wollten einfach nicht von mir lassen.  Endlich wird der hitze-/anstrengungsbedingte Hautoberflächengeruch, die bedingt, mangelhafte Duschhäufigkeit auch mal von jemanden wertgeschätzt. In dieser Situation leider nur von einem aggressiven Schwarm Stecktieren!!!

Ich bewege mich über die küstennahe Strecke, alles bleibt in der mittlerweile vorhandenen Gewohnheit. Bremsender, aber oft erfrischender Wind, der ständige Begleiter an großen Wasserflächen, stetig von vorne. Lange, auf gerader Linie sichtbare, ungezählte Anstieg. Mitunter ist es nicht so schön, dass ich mit dem Erreichen eines Scheitelpunktes vor Freude in die tropisch heiße Mittagsluft springen könnte und weiterhin ist Sao Luis noch ziemlich weit weg. 

Mit argen Beinkrämpfen, offenen Scheuerstellen an ungünstigen Sitzpunkten, liege ich nach einer erfrischenden Straßendusche im Zelt und erinnere mich stolz an die bereits zurück gelegten zig tausenden Kilometer. Es ging doch an jedem neuen Morgen der vergangenen Jahre, am nächsten Tag, von meiner Weltneugier getrieben, immer mit neuem Willen, weiter.  So treibt es mich auch diesmal wieder am Morgen aus dem Schlafsack, auf das Rad, nach Sáo Luis. 

Die von mir, meiner Physis gewährten Belohnung, in einem Bett ausschlafen, ok vorher noch duschen, nehme ich dankbar an. Ich habe in einem, etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Hostels, die Nacht verbracht. Am Vormittag bummele ich ins Zentrum und erlebe eine brasilianische 405ste-Jahrestagsfeier.  An zahlreichen Ständen wird, ich kann immer vorab kosten, leckeres, einheimisches Essen verkauft.

Die Menschen sind entspannt und freundlich. Schnell werde ich angesprochen, muß mich gestenreich erklären und bedauere mal wieder um so mehr meine unterirdischen, diesmal portugiesischen Sprachkenntnisse.

Nach zahlreichen Selfis mit den anwesenden Schönheiten der Stadt, wird ein Lokalreporter auf mich aufmerksam. Das nachfolgende Interview will er mit entsprechenden Fotos in der lokalen Presse veröffentlichen. Bis in den späten Abend haben wir alle viel Spaß und es gibt nicht die Spur von Stress, Bedrohlichkeit.  

Parnaiba erreiche ich in den frühen Morgenstunden, da ich die Nacht einige Kilometer vor der Stadtgrenze verbracht habe. Ich brauchte mal wieder die alleinige Stille einer Nacht im Zelt. So liegt die Stadt noch in der anbrechenden Morgendämmerung. Nur wenige Menschen sind so früh schon unterwegs. Wohltuend empfinde ich diesen ungewohnte Stille.

Diese friedliche, freundliche Atomsphäre. Die Stadt strahlt ein bisher nicht erlebtes Wohlbefinden auf mich aus. Es ist ruhig, saubere Luft umgibt mich, nicht so abgasgeschwängert, wie ich es bisher aus Brasiliens Städten ertragen mußte.

Ich treffe auf Walker, Jogger und stylisch gekleidete Radfahrer auf erstaunlich modernen Velos. Auf separaten, blitzsauberen Radwegen gelange ich ins Stadtzentrum und auch wieder hinaus ins Land. 

Vor mir liegt eine lange, von Sanddünen eingeschlossene Piste. Der Wind errichtet immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, kleine Dünen auf die linke Fahrbahnseite.  Beindruckende Landschaft und so frage ich mich, wo diese Sanddünen hier für mich so plötzlich auftreten können. Ja klar sicher gibt es dafür eine interessante Erklärung. ‘Wer viel(mehr) liest ist klar Vorteil’  Leider liegt mir einen entsprechende Erklärung im Moment meiner Vorbeifahrt nicht vor. 

Der Wind dreht sich aus meiner Frontale und die starken Böen lassen nach. Der Wind beschäftigt sich nun mehr mit den riesigen Dünenlandschaft durch die sich die, vom feinen gelben Sand verwehte Straße, windet. Auch die Autos tasten sich langsam durch den tiefen Treibsand. Ich muß absteigen und durch den knöcheltiefe Treibsand schieben. 

Im Verlaufe er nächsten Kilometer fährt immer wieder mal ein weißer Pickup neben mir her. Der Fahrer, ein älterer, sympathisch erscheinender Mann, schaut zu mir herüber lächelt und entfernt sich dann. Hm, komisch denke denke ich noch, als der Wagen wieder neben mir auftaucht. Die Seitenscheibe runterfährt und der Fahrer fragt, ob alles ok ist. Ich etwas brauche. Es ist mittlerweile Mittag und wie immer tropisch heiß. Natürlich frage ich sofort nach frischem, kaltem Wasser. „Ich habe nichts dabei, aber nach einigen Kilometern kommt ein Stützpunkt für den Straßenbau.“ Sagst und braust davon.  Auf der weit einsehbaren Ebene erkenne ich bereits lange vor der Ankunft den Bauhof auf der linken Seite als mir ein Auto entgegen jagt. An mir vorbeifährt, wendet und neben mir zum Halten kommt.  Zwei Straßenarbeiter springen aus dem Fahrerhaus und deuten auf die Ladefläche. Ich erblicke zwei große Plastesäcke gefüllt mit Eis. Großartig, ein Segen und ohne groß über die Herkunft des Wassers nachzudenken, fülle ich mir schnell meine Trinkflaschen voll. Trinke am Straßenrand gierig die kühlende Flüssigkeit. Bald geht nichts mehr in die Trinkflaschen und in mich hinein und so bedanke ich mich, nehme die Hinweise nun auf den nahen Bauhof zu kommen dankbar an. Nach einigen hundert Meter rolle ich durch das Tor auf das Firmengelände. Nun gibt es viele Fragen an mich, noch mehr kaltes Wasser und reichlich Visitenkarten. Dem folgt dann nach wiederholter Nachfrage, ob ich auch wirklich alles Notwendige für die Weiterfahrt habe, eine herzliche Verabschiedung. 

Immer wieder, ob in Kroatien, Iran, Südkorea, Japan, Australien, Namibia, Botswana, Südafrika, Guayana erlebe ich ähnliche Situationen. Habe ich spontan solche wohl gemeinte, selbstlose Hilfe erfahren, und das tut wirklich sehr gut. Schafft in mir großes Vertrauen in die Bevölkerung der Länder in denen ich mich alleine, oft schutzlos begebe. Führt mir immer wieder vor Augen, mir unbedingt selber objektive Eindrücke von den Ländern, den Menschen zu machen. Mich nicht von den oft subjektiv abgefassten Informationen-Beispiel Iran im positiven/Beispiel Indien im negativen Sinne- beeinflussen zu lassen. 

Ich reise alleine und muß, um in Kontakt zu kommen, um Dinge zu erfahren, immer wieder auf Menschen unvoreingenommen, nicht immer leicht, zugehen. Die Hoffnung, dass die Menschen mir auch vertrauen, mir weiterhelfen, auch mir unvoreingenommen gegenübertreten, steht bei derartigen Begegnungen immer im Vordergrund. Hilfreich für die Menschen denen ich begegne, ist dabei natürlich die Tatsache, dass ich alleine bin. Ihnen ein einzelner, oft schutzloser, Hilfe erbetender Reisender gegenüber steht. 

Genüßlich geht es weiter, ich ordne meine Gedanken und nehme jegliche Hast aus meinen Empfindungen. 

DieAnkunft im dem brasilianischen Touristenort Preá ist ernüchternd. Jede Menge teure Unterkünfte, Kneipen und Kramläden. Die sandige, ungefestigte Hauptstraße durch den Ort verläuft direkt, parallel zur ersten Häuserreihe mit vielen kleinen Hotels und dem Strand. Noch dichter am Strand stehen nur die zahlreichen Kneipen und Restaurants. Es freut mich riesig, dass überall frischer Fisch angeboten wird. Also beschließe ich sofort zu bleiben und meinen Bedarf an Langusten hier zu stillen. Es dauert etwas bis ich eine Pousada nach meinen Vorstellungen gefunden habe. 

Schnell verstaue ich meine Sachen und mache mich wieder auf ins Dorf. Sofort fallen mir die vielen, großen bunten Werbeschilder vor den Touristenagenturen auf. Überall wird mit einer Quadtour zur eindrucksvollen Lagune geworben. Umgehend komme ich vor einer dieser Agenturen mit einem brasilianischem Ehepaar ins Gespräch. Wir beschließen gemeinsam diese Tour zu unternehmen. Vor Ort, an der Lagune werde ich, mit den Füßen im warmen, klaren Wasser, zum Bier eingeladen. Zurück in Preá bekomme ich noch einmal die herzliche Gastfreundschaft zu spüren. In einem Strandrestaurant werde ich zum Langusten-Satt-Essen eingeladen. Eine riesige Platte mit Langustenhälften wird aufgetischt und ich greife reichlich zu! Das dies ein Fehler war, erlebe ich später in der Nacht, dann leider zu spät. 

In der Dunkelheit liege ich im Bett und spüre wie mir langsam aber stetig schlecht wird und sich mein Mageninhalt wieder in der Speiseröhre nach oben bewegt. Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es bis zum Klo. Das Motto, alles muß raus ist leider unumgänglich. Ich kotze mir die Seele und den Magen aus dem Leib. Gleichzeitig kommt auch noch ein mörderischer Durchfall dazu. Da war wohl etwas nicht frisch oder es war einfach zu viel Eiweiß auf einmal. Völlig erledigt liege ich im dunklen Zimmer auf dem Bett und versuche mich noch zu erholen. 

Am Morgen, ich bin noch ziemlich durch, erreicht mich eine weitere schlechte Nachricht: Die Paket mit dem Kajak und dem Anhänger wurden vom deutschen Zoll einbehalten, nicht zugestellt und Franziska wurde zu spät benachrichtigt. Nun sendet DHL diese wieder zurück nach Suriname.  Grrrrrrrrrr, ich könnte noch mal ko……!!!!

Mir fehlt es nach dieser würgenden Nacht noch an Kraft und so belasse ich es bei einem kurzen Tag auf der Straße und dem Rad. Die lange Suche nach einer Bank ist auch bald von Erfolg gekrönt und auch meine Unterkunft ist super. Es riecht nach frischer Bettwäsche und mich umgibt Ruhe, Sauberkeit und Erholung.

Ich brauche noch einige Tage etwas Komfort und so suche ich mir nach der Ankunft direkt am Meer in Itaremadoch noch mal eine sehr schöne Herberge. Die “Pousada 7 Beaufort“, eine Kit-Schule wird von zwei Deutschen betrieben und liegt wirklich keine 10 m entfernt, direkt am Meer gefunden. Schnell entscheide ich mich hier doch einige Tage zu bleiben. Sonne, Kraft und Ideen zu tanken. 

Nach dieser notwendigen, schönen, erholsamen Pause in der man durchaus vergessen konnte, dass man in Brasilien ist, bin ich wieder unterwegs. Auch das tagelange Nichtstun, wenn essen, lesen, fotografieren, quatschen und nur so aufs Meer schauen in diese Kategorie fällt, ist einmal ein angenehme Form Urlaub zu machen. Auf Dauer allerdings nicht wirklich etwas für mich, da werde ich dann doch echt zu träge. 

Zum Weiterkommen wähle ich eine Route entlang der Küste, allerdings mit viel Gegenwind. Finde einen Zeltplatz nahe der Straße unter einem Baum. Verspüre keinen wirklichen Appetit. Versorge meine durch entzündete Wunden, ramponierten Beine und genieße ein kaltes Bier. 

Die Sonne weckte mich im Zelt und so bin ich zeitig los, wieder auf der Piste. Es geht monoton über langgezogene Hügel. In einer kleinen, anmutigen Ortschaft entdecke ich einen Stand mit einer Zuckerrohrpresse. Der Besitzer ist noch am umbauen und gestalten. Doch nimmt er sich sofort die Zeit und versorgt mich mit frischgepressten, köstlichen Saft. Nachdenklich genieße ich das kühlende Getränk und denke darüber nach wo ich schon überall diesen erfrischenden Saft bekommen habe. Auch die sehr unterschiedlichen Freundlichkeit und die differenzierte Gestaltung des Verkaufspreises an diesen Ständen stimmen mich nachdenklich. Dieser hier in Brasilien, ist jedenfalls in jeder Hinsicht einer der Besten.

Am 01.10.2017, den 803. Tag meiner Tour erreiche ich Fortaleza. In den kommenden Tage genieße ich die großstädtische Zivilisation, buche meinen Weiterflug nach Cuba, über Bogota/Kolumbien. 

eingezwängt zum Airport

In einer Sportbar am Meer finde ich auf YouTube die Zusammenfassung des WM-Fußballspiels Brasilien gegen Deutschland (1:7). In der Kneipe hängen riesige TV-Geräte auf denen Bier trinkende, sich begeisternde Brasilianer Fußballspiele schauen. Ach denke ich mir, dies ist ja wohl der richtige Ort mir noch einmal das 1:7 anzuschauen. Ok, ich bin mir der Gefahr schon bewußt hier beim Entdecken des Streams doch ggf. gegrillt, ins Meer, mindestens doch aus der Kneipe geworfen zu werden. Ja klar, so schalte ich den Ton ziemlich weit runter und decke das Handydisplay blickschützend ab. 

Der Tag meiner Abreise ist gewohnte Routine. Radtaschen zusammenschnüren, Fahrrad in Transportkarton verpacken, Handgepäck sortieren und dann mit dem Taxi zum Airport. Auf nach Cuba via Kolumbien. In Bogota treffe ich mich noch mit Claudia und geniesse den Komfort einer Lufthanse-Crew-Unterkunft.

In Cuba werde ich auf Uwe und Castillo treffen um weitere Pläne für unser Haus in der Nähe von Santiago de Cuba abzustimmen. Ich freu mir!!!

ENDE TEIL 2

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