23.06.2015

Provinz Xinjiang, die westlichste gelegene chinesische Provinz. Das Hauptsiedlungsgebiet der uigurischen Minderheit. Der westliche Bereich zur Grenze nach Tadschikistan/Kirgisistan von den chinesischen Machthabern in weitern Teilen zum Sperrgebiet erklärt. 5000 Kilometer von Bejing entfernt. Das hindert die Betonkopfchinesen in Bejing allerdings nicht daran, wie überall in China die Bejing Zeit, durchzusetzen. Also mussten wir unsere Uhren bereits an der Grenze um 2 Stunden vorgestellen. Allerdings hindert das die uigurischen, kirgisischen und tadschikischen Minderheiten nicht daran nach ihrer, der wirklichen Zeit, zu leben. Das muss man wissen, denn für jede offizielle Sache mussten wir uns nach der Bejing Zeit richten. Bei den Öffnungszeiten der lokalen Läden gilt dann oft die uigurische Zeit.

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Erste Hinweisschilder in China, hier ist Bilderraten angesagt !!!

Nach einem ausführlichen Frühstück mit warmer Kartoffel-/Kohlsuppe sind wir, Ali mein deutsch-pakistanischer Reisefreund und ich, dann in aller Ruhe Richtung Grenze losgefahren. Wieder an zahlreiche Vorkontrollen vorbei. Von meinem Gefühl her sind sich die  Tadschiken und die Chinesen nicht ganz freundlich gesinnt. Die Grenze ist ziemlich stark gesichert. Patrouillen mit Waffen und Fotoapparat waren beidseitig zu sehen. Ein modernes Grenzgebäude mit freundlichen Grenzern auf der tadsch. Seite ließ uns schnell und problemlos die Grenze passieren. Dann durchfuhren wir ein langes Niemandsland und gelangten endlich an die Grenzkontrolle der Chinesen. Oh man, war ich aufgeregt. Jetzt war ich 4 Monate unterwegs, hatte über 8000 km mit dem Rad zurück gelegt. Wie weit weg war China als ich es mir in Deutschland auf der Karte angesehen hatte. Ich war nicht immer davon überzeugt dort mit dem Rad anzukommen. Eine lange, beschwerliche Strecke lag hinter mir. Schnee, Kälte, Dauerregen in Europa. Hitze, Wüste, Schottenpisten, hohe Pässe in Asien auch das lag hinter mir. Unfassbar nun stand ich vor der Grenze und würde in ein paar Minuten in China sein. Das es mit der Zeit des Grenzübertritts anders kommen würde, ahnte ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die chin. Grenzer standen unter vollen Waffen und mit Schutzschildern an der Straße bzw. vor ihrem Grenzgebäude. An zahlreichen Vorposten wurden unsere Pässe kontrolliert. Junge Kerle, die wohl laut Befehl mit keiner Miene Gefühle offenbaren sollen. Nicht unfreundlich, nicht freundlich nichts, absolute Gleichschaltung des Verhaltens gegenüber den Reisenden.

Das Gepäck wird durchleuchtet, Pässe separat kontrolliert, warten auf die Pässe, wir kommen mit dem Rad nicht weiter. Die nächsten ca. 100 km sind Sperrgebiet, sind zum Grenzgebiet erklärt. Eine individuelle Durchreise ist nicht möglich. Uns wird erklärt, dass es zu gefährlich sein hier mit dem Rad durchzufahren. Die Maßnahme dient ausschliesslich zu unserem Schutz. Die Wahrheit ist, dass das das Regime dieses Riesengebiet nicht absolut kontrollieren kann, bzw. Individualtouristen nicht 100 % überwachen kann.

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berechtigter,misstrauischer Blick des Uiguren

Es ist Stammgebiet der Uiguren und die wehren sich, anders als die Tibeter, massiv gegen die Vernichtung ihrer Kultur. Die Besetzung ihrer Heimat, die Verdrängung ihres Volkes durch die alles beherrschenden Han-Chinesen.

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Mao habe die größte Vernichtung von privatem Grundbesitz, die umfangreichste Zerstörung der Umwelt und die größte Verschwendung an menschlicher Arbeitskraft in der Geschichte der Menschheit zu verantworten. 70 Mio. Chinesen hat er auf dem Gewissen.

Wir müssen einen staatlich, verordneten Pickup nehmen. Natürlich sind die Preisverhandlungen entsprechend. Es gibt ja keine Alternative. Der Fahrer will 500 Yuan für drei Personen u. zwei Räder. Ein bisschen Nachlass wird uns gewährt, 400 Yuan (56 Euro) müssen wir trotzdem zahlen.  Wir das sind Axel, ein deutsch-australischer, völlig zerstreuter Professor, Ali und ich. Axel lebt seit  seit 34 Jahren in Australien, ist Deutscher aus Südschleswig, erzählt viele wirre Geschichten, ist angeblich immer mit einem Dreirad unterwegs. Dies ist ihm unterwegs kaputt gegangen, er hat es dann verschenkt und ist jetzt mit fast keinem Gepäck an der Grenze. Seine Geschichten beginnen und enden immer nach einem ähnlichen Muster. Er fährt mit seinem Dreirad los, dies geht unterwegs kaputt, er verschenkt alles was er nicht wirklich braucht, schlägt sich irgendwie durch. Immer kommt er sofort mit Leuten ins Gespräch, brabbelt sie solange voll bis sie ihm weiterhelfen. Noch im Auto schenkt er mir sofort seinen Helm, opfert sein einziges Hemd zum Abpolstern der Räder. Meine Argumente, dass ich keinen Helm brauche, er nun nur noch sein Shirt hat, nimmt er gar nicht wahr.

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ein schnelles, heimliches Foto im Grenzgebiet von China

Die Räder laden wir lieber selber auf, zurren alles fest und dann geht es los, endlich. Der Fahrer ist ziemlich verschlossen, teilweise abweisend. Ich rede mit Ali über meine Wahrnehmung und er bestätigt mir diese. Nach den freundlichen …stan Bewohnern gleich ein schockender Eindruck. Nach 100 m ist die Fahrt zu Ende. Der Fahrer gibt uns zu verstehen, dass er nun eine Pause machen müsste. Er muss etwas essen und schlafen. Ja, klar denke ich, die zurückliegenden 100 m waren auch wirklich anstrengend.  Sein Handeln wird wohl durch die 100 Yuan weniger bewirkt. Gemeinsam lehnen wir seine Frustpause ab und eine weitere höhere Stufe der Übellaunigkeit erklimmend, fährt er weiter. Sein Versuch das wir einem seiner Kumpels Geld tauschen können, lehnen wir bei dem Schindelkurs resolut ab. Nun ist der Frust-Highpoint erreicht. Schleichend, ohne jegliche Regung, fährt er durch das öde Land auf flüsterleisen Asphalt. Es gibt wenig is gar keinen Verkehr. Ich mache Axel der vorne sitzt auf die geschlossenen Augen des Fahrers aufmerksam und das er bitte aufpassen soll, dass der Fahrer nicht einschläft. Und er macht das was auch ihm Spass macht. Von nun an quatscht er ihm das Ohr blutig.

Wieder folgen Strassenkontrolle. Unsere Pässe hatten wir an der ersten Grenzkontrolle nicht wieder bekommen. Diese wurden dem Fahrer übergeben und dieser legt sie nun an den Kontrollstellen den Posten vor. Wir fahren durch endlose, braun gefärbte Landschaft, die so gut wie nicht besiedelt ist. Hier lauern also die Gefahren auf uns Touristen. Dann kommen wir an die nächste, wohl wirkliche Grenzkontrolle in Wugai, an. Es ist Nachmittags um 14:00 Uhr und das Tor zur Kontrollhalle ist geschlossen. Mittagspause! Ah ja, ne ist klar, denke ich. Jede Menge Reisende stehen bereits wartend, mit schlechter Mine, vor dem Tor. Axel findet sofort drei Ausis, denen er ein paar Geschichten erzählen kann. Die Erleichterung über das Ende seiner Erzählungen ist unserem Fahrer deutlich im Gesicht zu erkennen. Gegen 15:00 Uhr ist dann die Mittagspause vorbei, das Tor wird geöffnet und ein Riesen-Theater beginnt. Das riesige, moderne und protzige Grenzgebäude wimmelt von Uniformierten. Ca. 20 – 30 Leute wollen durch die Kontrolle, unsere Pässe wurden vom Fahrer bereits abgegeben, Uniformierte schlürfen gemächlich durch die Halle, lange Zeit passiert nichts. Erste laute Fragen werden nur von ausländischen Touristen gestellt. Die erste Schleuse mit Metalldetektor funktioniert nicht. Irgendwann erscheint die absolute Unwilligkeit in  Gestalt eines fies, arrogant blickenden Obergrenzbeamten. Er hat die Befugnis uns zu informieren, na dann eben ohne Metallkontrolle. Die unlustigen, frustrierten gemächlich handelnden Beamten mehren sich nun. Einer kommt mit versteinertem Gesicht flüstert unverständlich Namen aus den Pässen, die Hälfte der Leute versteht ihn nicht, dann geht er wieder, unsere Pässe liegen im Stapel ganz unten. So geht das zweimal hintereinander.  Nach einer Stunde kommt er mit unseren drei Pässen und übergibt uns diese ohne Worte. Lesen fremdartiger Namen gehört wohl nicht zu seinen Grenzkontrollaufgaben. Juch hu, wir können die erste Schranke passieren. Gleich erwarten uns die nächsten Anweisungen. In Reihe an vier Grenzschaltern anstellen, nicht sprechen, nicht an die Geländer anlehnen, die zahlreichen gelben Linien beachten und in der Reihe bleiben.  Es macht mir Spass das alles nicht zu befolgen und zu beobachten wie sie darauf reagieren. Auf meine Frage wieso wir in vier Reihen stehen sollen, obwohl nur ein Schalter besetzt ist, bekomme ich als Antwort nur wilde Handzeichen in der Reihe zu bleiben. Ich frage, was denn mit den anderen Schaltern ist, warum diese nicht geöffnet werden, um die Abfertigung mal zu beschleunigen. Die seinen kaputt wird mir wirsch mitgeteilt. In der Reihe bleiben, Anweisungen befolgen und nicht mehr fragen!!! Die Kontrolleure der Kontrolleure sind zahlreich. Mindestens zehn Beamte stehen um uns herum, nur eine sitzt hinter dem Schalter und kontrolliert die Einreisewilligen. Es dauert ewig is der Einreisestempel in die Pässe knallt. Ein Han-Chinese will sich an uns vorbei drängeln. Ja, da ist er bei mir genau richtig. Höchst erstaunt blickt er mich nach einer deftigen Ansage an, damit hatte er wohl in seiner selbstgefälligen Arroganz nicht gerechnet. Ich schiebe Ali als ersten von uns an das Abfertigungsfenster, da der Chinese immer noch rumtobt. Als ich dann selber vor dem Fenster stehe lache ich laut los. Neben dem Kontrollfenster steht ein Gerät mit dem die Einreisenden die Freundlichkeit der Abfertigung über Emojis ? bestimmen können. Leider defekt und auf Nachfrage auch nicht jetzt zu reparieren!!  Als nach einer weiteren Stunde die Gepäckkontrolle erreiche, meine Taschen auf das Laufband lege und diese in den Röntgenkasten verschwinden, geht der Strom im gesamten Gebäude aus. Mein Gepäck liegt in der Mitte der Röntgenmaschine, die Grenzer wissen nicht weiter, der Fall steht wahrscheinlich nicht im Handbuch für Grenzkontrollen. Ich klettere auf das Laufband, verschwinde in dem Kasten und hole meine Taschen raus. Vor mir kämpft Ali mit einem Taschenschnüffler, der unbedingt alle seine Fotos auf seinem Notebook sehen will. Ali kommt natürlich diesem frechen Ansinnen nicht nach. Alle meine Landkarten, besonders natürlich die chinesischen, werden genau kontrolliert, ausgebreitet, gedreht und den zahlreich umstehenden Schnüfflern gezeigt. Plötzlich verschwinden alle Zollkontrolleure, wir stehe alleine an dem Kontrolltisch. Wir warten eine halbe Stunde, dann greife ich mir einen Uniformieren der gerade mit der chinesischen Lieblingsbeschäftigung schwer zu tun hat, SCHLAFEN !!! Frage ihn, ob wir nun weiter können. Er telefoniert, es erscheint ein anderer Grenzer mit vielen Sternen. Ihre Unsicherheit jetzt eine Entscheidung zu treffen die ggf. falsch ist, ist deutlich zu erkennen und doch mit einer letzten arroganten Handbewegung macht er uns deutlich, dass wir gehen dürfen, schnell verlassen wir das Gebäude. Axel steht immer noch auf der anderen Seite der Grenzkontrolle. Draussen zieht ein Gewitter auf, Blitz und Donner und dicke schwarze Wolken verdunkeln den Himmel. Willkommen in China,was für eine Begrüssung. Auf einer breiten, neuen Strasse auf der keine Menschen und Autos zu sehen sind, fahren wir schnell Richtung Stadt.

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