Indien

09.12.2016 – 16.12.2016 / 634. – 641. Tag 

Ankunft in der Grenzstadt Raxaul und das vollendete Chaos umgibt mich vollumfänglich. Mit der Geschwindigkeit einer rückwärts kriechenden Schnecke kämpfte ich mich bis auf die Grenzbrücke.

Ein mit unseren Vorstellungen schwer zu erfassendes Gewusel aus haushoch überladenen LKWs, der sofortigen Verschrottung zuführbaren Autos, mit entkräfteten Tieren angespannten Pferde-und Eselkarren, Lasten- und Personenrikschas umgab mich für die nächsten Stunden. Zwischen all diesem Durcheinander versuchen natürlich tausende von Mopedlenker, Fußgänger und einige sture Kühe sich ihren Weg Indien nach Nepal oder umgekehrt zu bahnen. Das jeder dieser sich Vorkämpfenden die Hupe, das Signalhorn mit Dauerton benutzte, bei einigen hatten sich die Kontakte sicher bereits festgebrannt, so das sie beide Hände für gestenreiche Mitteilungen verwenden konnten, sei nur einmal am Rande erwähnt.

Ich hatte mich gerade auf die indische Landseite gewühlt. Hinweise auf Grenz- und/oder Zollgebäude waren nicht zu entdecken, als mir ein, mit Kurtas und der schlafanzugähnlichen Legan, gekleideter Inder, aufgeregt entgegen winkte. In der Mitte der Brücke stand eine arg baufällig aussehende Steinhütte. Das Grenzabfertigungsgebäude!! Oh, wie konnte mir das passieren, ich das übersehen? Mit mißbilligen, bezügliche meiner Nachlässigkeit, kopfwackelnden Unverständnis empfingen mich drei in Zivil gekleidete Grenzbeamte. Hier sei jetzt nur einmal die Zeit erwähnt. Bei meiner Ankunft war es ca. 13:00 Uhr. 

Nun folgte der Wahnsinn der Pass-und Visumkontrolle. Von meinem Gefühl her hatte jeder der Drei seinen Verantwortungsbereich. Nummer eins war für die Passseite mit meinem persönlichen Daten zuständig. Nummer zwei für die Seite mit dem Visum und Nummer drei war der Taschendurchwühler. Meine Daten wurden zuerst in ein typisch indisches, dickes, speckiges, A2 großes Buch eingetragen. Dann übernahm Nummer zwei den Pass und schrieb die Daten auf ein A4 Blatt. Nummer eins bewegte, schleppte sich dann zu einem Zuse Z1 und tippt die Daten, immer wieder der Bedeutung der Zeichen in meinem Pass nachfragend, in das blitzschnell System ein. 

Den Konflikt den die Inder nicht lösen wollten war, dass mein Visa mit dem Einreisepunkt Moreh ausgestellt war. Ich nun aber, da ein Grenzübertritt in Moreh für mich nicht möglich war, hier stand.
So zogen sich die Stunden der indischen Bearbeitung dahin. In der Zwischenzeit reparierten sie ein völlig veraltetes Faxgerät, wurde einer in einen Kopierladen geschickt und war das Büro des Vorgesetzten, mit dem sie seit Stunden versuchten in Kontakt zu treten, für 3 Stunden in der Mittagspause. In dieser Zeit wechselte die komplette Belegschaft einmal. Sichtlich erleichtert keine Entscheidung treffen zu müssen, damit keinen Fehler gemacht zu haben verabschiedeten siech die Drei aus der Steinhütte. Ich mußte dann den neuen indischen Bürokraten alles noch einmal erklären. Nach Ende der Mittagspause gegen 16 Uhr begann dann einer der Inder zu telefonieren und oh Wunder er bekam eine positive Antwort. Gerade als er begann meine Daten in den veralteten Computer einzugeben, fiel der Strom aus und alle saßen im Dunkeln. Nach einer halber Stunde ging dann das Licht wieder an und er begann von Neuem die Daten einzugeben. Ich bekomme dann doch den Stempel, bedanke mich doch bei den Beiden und mache mich schnell davon. Ziemlich durchgefroren, es ist den ganzen Tag über nicht warm geworden. 

Mittlerweile war es stockdunkel, aber das geballte Chaos um das Grenz-Nadelöhr herum, hatte nicht nachgelassen. Die Strasse in den Ort war ebenfalls völlig zu gestaut, nichts bewegte sich, aber alles hupte. Jeder verschloss jedem sich noch bietende Lücke oder blieb einfach stehen. 

Ich hatte mich zwischendurch im Rahmen der stundenlangen Bearbeitung meiner Einreiseformalitäten mehrfach gefragt, ob ich nach all diesem Theater überhaupt nach Indien einreisen sollte. Besser wäre es vielleicht, den erlebten Hinweisen zu folgen. Die Probleme bei der Visumbeschaffung, dem verwerten Grenzübertritt Tage zuvor, den ersten Erfahrungen mit der indisch geprägten Rücksichtslosigkeit auf der Straße, dem Prozedere in dem Grenzhaus und jetzt das geballte, nächtliche Chaos in der ersten indischen Stadt. Immer wieder regten sich Zweifel, ob ich wirklich einreisen soll. Ob mir nicht mein Unterbewußtsein signalisiert, fahre nicht durch dieses Land. Soviel Hindernisse, Schwierigkeiten, Unwägbarkeiten hatte ich zuvor in keinem anderen Land, unter anderem mit dem Grenzübertritt, erlebt. 

Tage zuvor hatte der indische Premier bekanntgegeben, dass die 500 und 1000 Rupiescheine von einem Tag auf den anderen aus dem Verkehr gezogen werden. Jetzt standen alle indischen Männer einer Stadt vor den ATM und versuchten ihr Geld abzuholen. Nein sie standen nicht in einer Reihe, sie warteten nicht bis sie dran waren. Sie standen in Riesentrauben um den Automaten herum, beobachteten jede Bewegung der Umstehenden und schauten genau zu, welche Tasten der Glückliche an dem ATM-Display drückte. Man stelle sich dies mal in D,A,CH vor. Eine weitere Festlegung war, dass es pro Tag pro Person im Moment nur 2000 Rupie aus dem ATM gab. Ich war dann irgendwann an der Reihe, mußte mir erst einmal einen kleinen „Schutzbereich“ erbrüllen und der Hotelbetreiber wollte echt für das Zimmer 1500 R/22US$!!! Leider fand ich auch kein anderes Zimmer und so musste ich den Preis bezahlen.

Im Stockdunklen suche ich mir in einer ziemlich runtergekommenen Garküche etwas zu Essen, zahle 50 R wie ich finde bzgl. Geschmack, aussehen und Menge, völlig überteuert. 

Wie bereits in Südnepal, sitzen auch hier, nun allerdings vielmehr, Menschen an qualmenden Feuern neben der Strasse und versuchen sich zu wärmen. Verbrannt wird alles was sie finden. Jede Art von Müll, Gummireifen, selten Holz, grünes Laub und natürlich jede Art von Tierdung in jeder erdenklichen Konsistenz.

Nun jetzt bin ich in Indien und werde mich auf den Weg Richtung Süden machen. Werde nun mit meinen ersten Eindrücken einschlafen und morgen sieht es vielleicht schon wieder etwas anders, freundlicher, so ich erst einmal aus diesem Wahnsinn an dem Grenzgebiet kommen, aus. Jetzt ist es 19 Uhr, völlig dunkel und von Draussen dringt ununterbrochenes Dauerhupen in mein Bewußtsein.

Mit welchen Worten könnte ich Indien nach dem ersten wirklichen Tag auf den Wegen durch Uttar Pradesh beschreiben? Ich denke, das wirkliche Irrenhaus auf unserer Erde, trifft es schon sehr gut. Beschreiben kann ich es nicht im Detail. Man muss es wirklich erlebt haben, was die Menschen in Indien aus ihrem Land machen oder gemacht haben. Eine einzige Müllkippe in der sich dann vermummte Menschen auf stockdünnen Beinen schlurfend durch die Landschaft, im Strassendreck/-staub und durch die Stadtslums bewegen. Dazu kommt der irrsinnige Verkehr. Irrsinnig im wahrsten Sinne, da nur Irrsinnige unterwegs sind. Indien lieb (weiß) oder haßt (schwarz) man. Einen Gefühls-Mix (grau) gibt es nicht. Ich empfinde nur schwarz.

So bin ich Heute ca. anderthalb Stunden durch bzw. an einem Stau vorbei gefahren. Vierspurig haben die LKWs gestanden. Dazwischen Traktoren, Kuhkarren, PKWs und natürlich jede Menge Mopedfahrer. Alles stand und sie haben trotzdem weiterhin gehupt. 

Der Grund für dieses Chaos? Eine Fahrbahn auf einer Brücke mitten im dem Staub wurde neu asphaltiert. Natürlich gab es keine Absperrung, Regelung oder sonst etwas für den Verkehr. Alles fuhr ineinander und dann gab es kein vor und zurück mehr. Lange Zeit grübelte ich darüber nach, wie sich dieses Chaos jemals auflösen sollte. Es wird für mich ein weiteres Rätsel bleiben, denn auch die Baumaschinen standen völlig eingekeilt in dem Stau. Nach dem Müll und den Lager-/Kochfeuern auf der Straße, muß der Stau bereits Tage andauern.

Fahren musste ich bis weit in die Dunkelheit, da es natürlich schwierig ist, in so einem dicht bevölkertem Teil der Erde einen ruhigen, sicheren Platz für die Nacht zu finden. Wie immer musste ich dann eine schnelle Entscheidung treffen, runter von der Strasse und erst einmal Deckung suchen. Licht, die Stirnlampe, konnte ich natürlich nicht anschalten und so tappte ich in die Finsternis hinaus. Traf dann irgendwann auf zwei Bäume die am Feldrand standen und hielt das für einen guten Platz. Wie so oft sagte ich mir, wenn ich nicht ganz so zufrieden bin mit der Wahl, ach für eine Nacht wird es schon gehen.

Vom Gefühl her war ich schon in der Traumwelt und so realisierte ich das Geräusch um das Zelt herum nicht wirklich. Hielt es für einen Traum. Mit geschlossenen Augen, denn ich konnte nicht wirklich Traum und Realität unterscheiden, lauschte ich den Atem anhaltend dem Geräusch. Um mich herum knisterte es. Dem Geräusch nach, als wenn tausende Blüten aufspringen. Erst dachte ich mir, das sind die Rapsknospen die aufgehen. Dachte dann aber, hähhh bei der Kälte und in der Nacht schon komisch und so öffnete ich dann doch einmal die Augen. Mit einem mal leuchtete eine Seite des Zelts im hellen Feuerschein. Mein erster Gedanke raus aus dem Zelt und das tat ich dann auch und sah nun die Ursache. Etwa 60 m von Zelt entfernt stand ein hoher Baum in Flammen. Musik hatte ich schon den ganzen Abend gehört. Da feierten die Inder wohl ein Fest, vielleicht das Weihnachtsfest, da sollen bekanntermaßen ja auch oft Bäume in Flammen stehen. Na dann selige Nacht!!!

In der Nacht hörte ich die Feuchtigkeit aus dem Baum ohne Unterlass auf das Zelt schlagen und am Morgen lag auch alles in dickem Nebel gehüllt, so dass ich die Strasse nicht sehen konnte und die Leute auf der Strasse mich natürlich auch nicht, dachte ich mir so. Draussen war es naß, neblig, unangenehm und so drehte ich mich um 6 Uhr noch einmal um und schlief wieder ein.

 

Dann hörte ich wieder das bekannte Geräusch wie jeden Morgen in den letzten Tagen. Jemand zog genussvoll, und lautstark, immer bis kurz vor dem Erbrechen nach den Lauten zu urteilen, seinen Innenschleim nach oben und entleerte sich lauthals. Das alles schien Heute allerdings ganz aus meiner Nähe zu kommen und so sprang ich schnell aus dem Schlafsack. Meine Sachen hatte ich aus Sicherheitsgründen nicht ausgezogen und öffnete das Zelt. Und da saß dann auch schon der Spucker vom Dienst vor meinem Zelt in der Hocke und glotzte mich an. Schnell gesellten sich dann noch weitere dazu und wieder war mein Morgen gelaufen. War es mit einem ruhigen Morgen vorbei, denn die Erwartung, dass die morgendlichen Glotzer nach einigen Minuten verschwinden würden. Ihrer Arbeit, Beschäftigung nachgehen würde, wird sich nicht erfüllen. Die Leute haben ja keine Beschäftigung und so alle Zeit der Welt um die Sich bietende Abwechslung zu genießen. 

Bevor also die gesamte Dorfgemeinschaft als morgendliche Nervensäge von dem Ereignis erfahren konnte, packte ich schnell alles zusammen, machte noch ein Video und mich dann, im wahrsten Sinne, vom Acker.

Der Tag auf der Straße verlief wie gestrige. Chaotisch, nerven-aufreibend und in einigen Situationen gesundheitsgefährdend.

So das ich bereits von dem ohrenbetäubenden Lärm Kopfschmerzen bekam. 

In den Städten war es wie immer am schlimmsten. Menschen stehen nicht nur in ländlichen Gegenden, sondern auch in der Stadt am Straßenrand und entleeren sich in aller Öffentlichkeit. Oft auch hockend. Überall liegt der Dreck flächendeckend und stinkt vor sich hin. Dazwischen Hunde, Schweine, Kühe, Ziegen, Schafe und natürlich jede Menge Kinder und Frauen. 

Ein Inder fuhr mit dem Rad neben mir her. Wollte sich mit mir unterhalten und fragte mich, was ich am seinem Land toll finde. Ich sagte nichts, rein gar nichts. Es ist das reinste Irrenhaus! Dann fragte er mich, warum ich dann hier herumreise? Und ehrlich, ich wusste keine Antwort. Außer vielleicht, weil dieses Land da ist und ich mich von all den Geschichten die ich zuvor gelesen, gehört hatte, selber überzeugen wollte. Mir selber ein Bild machen wollte, in welche Kategorie meine Empfindungen einzuordnen sind. Das machte ich jetzt auch und nach den ersten zwei Tagen in Nordindien gehöre ich eindeutig zur Gruppe der “Nicht Indien Liebenden“. 

Na der Süden soll ja etwas besser sein. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Das Wetter ist ziemlich kalt. Heute habe ich den ganzen Tag nicht einmal die Sonne gesehen. Sicher lag es auch an dem vielen Qual aus den Wegefeuern. Dicke Regenwolken gab es allerdings auch in großen Haufen.

Wieder verlangte ein Hotelhalsabschneider für eine unterirdische komfortable Bettstelle 1500 R. Na meine indischen hinduistischen Gauner, nicht mit mir, ging es mir durch meinen Kopf. Nicht jeden Tag die Gier befriedigen und machte ich mich in der Dämmerung wieder aus der Stadt. Auf die Suche nach einem ruhigen, sicherer, geeigneten Zelt-/Schlafplatz. Wieder dringt aus dem nahen der Ansiedlung Musik zu mir herüber, diesmal aber doch sehr sehr weit weg. Ich stehe auf einer kleinen Wiese, hinter einem großen, grünen Busch. Vor mir erstreckt sich ein weites, braches Feld. Na dann schlafe ich wohl gut!

Der Morgen, ..und eigentlich hatte ich doch gedacht, so einen schönen Platz zum Campen hatte ich noch nie in Indien gefunden. Aber es kommt doch oft anders. Erwacht bin ich von dem genussvollem Stöhnen eines Mannes der sich in unmittelbarer Nähe seines Darminhalts entleerte. Dabei ließ er sich wirklich Zeit und wie gesagt genoß wohl auch jeden Austritt aus seinem ….

Nun irgendwann hatte er es geschafft und trottete dann seines Weges. Ich bleib noch einen Moment liegen, dann machte ich mich ans packen. Rechts von mir waren einige kleine Tümpel und dahinter stand ein Hütte, die ich am Abend zuvor im Dunkeln nicht gesehen hatte. Natürlich lebte jemand in der Hütte und nach kurzer Zeit hockten auf der anderen Seite des Tümpels zwei Gestalten und schauten in meine Richtung. Nach einer weiteren halben Stunde war ich mit meinen Reparaturen, ein Haltehaken von der linken Packtasche war beim gestrigen Auffahrchaos abgerissen, dem Packen fertig und schob das Rad auf einen erkennbaren Pfad. Hinter mir hörte ich Rufe die rasch näher kamen und so beschleunigte ich natürlich auch mein Tempo ohne mich umzudrehen. Dann machte ich doch einen kurzen Schulterblick und sah, dass mir drei junge Kerle rennend auf den Fersen waren. Einer hatte mich bereits fast eingeholt und so hielt ich und stieg vom Rad. Auf die Frage was los sei, hielt er mir die eine Hand hin und schlug mit der anderen in die Handfläche. Wollte der Geld oder was? Ok, ich schüttelte den Kopf und schob weiter. Er rannte an mir vorbei, stellte sich mir in den Weg und hob einen Erd-/Lehmklumpen auf und wollte gerade werfen. Da ich mein Pfefferspray immer in der Lenkertasche habe, waren meine folgenden Bewegungen alles eins. Radständer runterklappen, Spray raus, Rad abstellen und angreifen. Geschockt ließ er den Stein fallen, die anderen Beiden bleiben bereits auf Abstand und der erste Angreifer rannte davon. Ich bin dann noch ein Stück hinter ihm her, dann aber doch drohend stehen geblieben. Mein Glück, dass die ziemlich geschockt waren, denn sie gaben wirklich richtig Fersengeld. Schnell war ich dann auf der Straße und trat tüchtig in die Pedale, schaute allerdings ziemlich oft in den Rückspiegel. Drehte mich noch häufiger um, die Situation in meinem Rücken kontrollierend. 

An diesem Tag ging der Kampf auf der Straße seinen chaotischen Gang. Mehr als einmal mußte ich mich von der schon äußersten linken Seite in den Schotter retten, um nicht von überholenden, auf mich zuhaltenden Vollposten umgefahren zu werden. Und noch öfter mußte ich den Schlenker nach links machen, weil mich indische Fahrzeuglenker im Zentimeterabstand überholten. Diese drängten ebenfalls nach links, um nicht mit dem Gegenverkehr, der wiederum dort ein Fahrzeug überholte, zusammenzustoßen. 

Auf den Straßen werde ich immer wieder von indischen, tüchtig tretenden Radfahrern stolz überholt. Kurz danach ist bei ihnen die Luft, das Interesse raus. Durch mein kontinuierliches Tempo hole ich sie dann allerdings schnell wieder ein und das wurmte die Sekundensprintern dann noch mehr.

Und dann passierte etwas, was ich gar nicht in Indien gebrauchen konnte. Wieder ging mein Telefon aus und ließ sich nicht mehr starten. Dies geschah auf der Brücke über den Ganges nach Buxar. Verzweifelt hielt ich am Anfang der Brücke und während ich leise hoffte, dass es sich noch einmal überreden ließ, pinkelten zwei Milchverkäufer genussvoll neben mir in den Ganges. Scheu, Respekt, Anstand, Benehmen, Kultur keine Spur !!! Mit offener Hose schlurften sie, dabei ihre Kleider ordnend, zum Rad mit den Milchkannen. Zuvor hatte ich gesehen, wie sie mit einem tief eingetauchten Becher ohne Henkel die Milch mit der Hand aus den großen Kannen verkauften. Natürlich tauchten sie auch dabei ihre Hände in den Milchbottich. Was lernen wir daraus? Trinke niemals gelbe Milch in Indien!!!

Der Akt mit dem Telefon, ich nutze es als GPS-Gerät für meine Orientierung, gestaltete sich echt schwierig. Natürlich hatte ich anfangs noch die Hoffnung, dass ich über iTunes das Dinge mit einem UPD wieder zum Laufen bekomme. Doch ein Hotel mit WiFi fand ich leider nicht, obwohl Buxar keine kleine Stadt war und einige Hotels hatte.

Also suchte ich mir einen großen Samsung-Store, fragte nach WiFi und bekam auch das PW. Natürlich war innerhalb einer Minute der Laden brechend mit glotzenden Indern voll. Alle standen um mich rum, keiner sagte etwas  und keiner zeigte Respekt, Anstand oder akzeptierte meine Komfortzone. Das ist schon mal eine harte Nummer. 

Das iPhone ließ sich nicht mehr für meine weitere Unterstützung überzeugen. Mein Reserve-handy stieg ebenfalls aus und so mußte ich mir eine andere Lösung überlegen. Kostengünstig erwarb ich ein Handy indischen Fabrikats. Die nächste Überraschung für mich war, dass ich als Ausländer in Indien zwar ein Telefon, aber keine SIM Karte kaufen kann. Oh, man und Indien nennt sich das IT-Super-Land! Dann fiel mir die nepalesische SIM Karte ein, ich fragte ob die funktionieren würde. Das probierten wir aus und siehe da, es funktionierte wirklich. 

Wieder war es in der Zwischenzeit, ich über 4 Stunden in dem Laden gewesen, stockdunkel. Auf der Straße regierte das abendliche Chaos und ich brauche noch ein sicheres Dach über dem Kopf. Also fragte ich die hilfsbereiten Jungs im Laden nach einer Unterkunft. Natürlich empfahlen sie mir das beste und kostenintensivste Haus in der Stadt. Ja ein Reisender aus Europa ist für die Inder per se ein reicher Reisender. Die anwesenden Männer, ca. 15 an der Zahl, überlegten untereinander welche Unterkunft sie mir nun offerieren könnten, ohne das sie einen Fehler dabei machten. Ich suchte mir aus der Maße einen dem Aussehen nach pfiffigen Jungen heraus und fragte nach einer Unterkunft in der auch einfache Inder absteigen. 

Gemeinsam fanden wir diese. Der Preis war ein Minimum und lag sehr gut in meinem Vorstellungsbereich. 

In der nacht traf ich dann eine Entscheidung: „Morgen fahre ich nach Varanasi um ggf. das iPhone in einem Servicepoint reparieren zu lassen.“  Dort entscheide ich auch wie es weitergeht. Ob Abflug aus diesem Chaos oder weiter Kampf bis nach Channei. 

Es ist echt ungemütlich, nicht wirklich schön in Indien. Für mich verbreiten viele Menschen ein schlechtes Karma. Seit vielen Tagen herrscht schlechtes Wetter. Mehr als mir gut tut treffe ich nur auf schlechte, übel mißtrauische Leute. Alles zusammen macht keinen richtigen Spass. Das aber soll mir die Reise bereiten. Ich will mich quälen ja, aber ich will nicht meine Gesundheit durch das Verhalten von Menschen aufs Spiel setzen, die frei von jeglicher Empathie sind.

40.000 km irgendwo auf dem Weg nach Varanasi

In der Nacht habe ich nun den unumstößlichen Entschluss gefasst meinen Aufenthalt in Indien zu beenden. Dazu werde ich nach Varanasi fahren und mir die entsprechenden Flüge buchen. 

Also machte ich mich früh aufs Rad und zog voll 12 Stunden auf der Straße durch. Im Schnitt mit 25 km/h. Ich wollte auf keinen Fall im Dunklen in Varanasi ankommen, denn das was ich gelesen hatte, über das Chaos in der Stadt, wollte ich auf keinen Fall im Dunkeln erleben. 

Wieder musste ich mich mehrmals mit einem Schlenker auf den Schotterstreifen retten und auch all der andere Stress wurde nicht weniger. Die Leute sind nach wie vor sehr abweisend in ihrer Art. Mir z.B. etwas zu essen zu verkaufen und auch merke ich an den unterschiedlichen Preisen, dass sie immer versuchen mir einen höheren Preis abzuziehen. Nun ich habe die Straßen hoffentlich überlebt und das mit der Abzocke ist mir jetzt auch schon egal. Dann kaufe ich halt nichts und beiße mich durch, ist hier mein Motto.

Die Ankunft in Varanasi war wie erwartet. Die Stadt ist das völlige Chaos. Zeitweise stand ich 20 min auf der Stelle umgeben von all den Chaoten und es ging keinen Zentimeter weiter. Einmal wurde ich von einem Jeep umgefahren und wenn ich nicht so eng zwischen all den Mopeds gestanden hätte, wäre ich auf die Straße geknallt. Mehrfach fuhren mir die Inder mit ihrem Moped gegen das Rad. Die hinteren Packtaschen wurden aus der Verankerung gehoben. Ich musste drängeln, schieben, egoistisch sein, um zentimeterweit voranzukommen. Natürlich stand die Luft bzw. das Medium das all diesen Wahnsinn umgab. Luft, Sauerstoff war da wohl am wenigsten noch vorhanden. Der Smog biß mir in den Augen, der Gestank der Abfälle die in riesigen Haufen neben der Strasse lagen, die Kloake, all das machte diese Fahrt durch die Stadt zur Höllenfahrt. Ich musste vom Husten mein überreizten Lungen ständig quälen. Dazu kommt auch noch wieder eine Erkältung von den vergangenen kalten Tagen. Heute schien gegen Nachmittag einmal kurz die Sonne. Am Vormittag fror ich ziemlich stark und mußte mir sogar die Hände warm reiben.

Ok, Hostel gefunden. Ein Restaurant gefunden, warm geduscht und ersten Flug nach Delhi gebucht. Morgen in den Serviceshop wegen meinem iPhone, weiteren Flug buchen und dann weg hier.

15.12.2016 – 640. Tag. Heute Morgen ist mir dann doch endlich die Buchung für den Flug nach Delhi gelungen.Ok, dann schnell die Sachen aufs Rad und ein letztes mal durch das Chaos zum Airport. Gestern hatte ich mir bereits Verpackungsmaterial besorgt, doch so richtig zufrieden war ich damit nicht. Zwei halbgrosse Kartons, ein wenig Folie und Klebeband. 

Auf dem Weg zu Airport habe ich mich dann immer wieder nach einer grösseren Plane oder ähnlichem umgeschaut, doch natürlich nichts passendes gefunden. So etwas liegt ja in Indien nicht einfach auf der Strasse rum. Das brauchen die Menschen wohl eher zum Hausbau/-abdichten.

Dann hielt auf halbem Weg ein Auto vor mir. Ein kleiner, untersetzter Inder winkte und ich hielt am Straßenrand. Sofort brabbelte er mich voll. Woher, Wohin, wieso, wenn ja usw. Ob ich Hilfe brauche. Ja die brauche ich. Ich suche Verpackungsfolie. Ok, er kann mir helfen und so fuhr ich ihm hinterher. Erst einmal wurde ich allen Mitarbeitern vorgestellt und sie wurden informiert was ich mache und wer ich bin. Dann gab es Tee und Leute wurden losgeschickt etwas passendes an Verpackung für mich aufzutreiben. Und wirklich wir fanden zwei große Plastikplanen die genau richtig waren. Juchhu, wie sich doch so manches, auch in Indien fügt. Erstaunlich! So habe ich unter 1,7 Milliarde Indern doch noch einen hilfsbereiten, höflichen Menschen kennengelernt. Ist für Indien keine umwerfende Quote aber immerhin, der Fall ist nicht hoffnungslos.

Am Airport gab es dann den üblichen, indischen Stress. So wie ich es immer kennengelernt habe. Alle sich wichtig nehmenden Personen verwerten mir den Zutritt zum Airport. Ich sollte schon außerhalb des Gebäudes alle Sachen auf einen Scanner legen. Halb der Aufforderung nachkommend, war es dann aber auch nicht richtig. Ich muss erst zum Fluglinien-Counter, IndiGo-Schalter. Der bestätigte dann mein Ticket und um weiteren Stress zu vermeiden, baute ich das Rad außerhalb des Hauptgebäudes auseinander.

Ankunft in Delhi und Übernachtung in einem Delhi-Hotel. Schlechte Entscheidung. Schlecht geschlafen und wieder Magenprobleme. Ich vermute es liegt am Essen. 

Dann doch wieder eine Überraschung. Am Counter werde ich sehr freundlich, aufmerksam und überaus kulant bedient. Ich muss keine, trotz 18 kg Übergewicht, zusätzliche Gepäckgebühr bezahlen. Erhalte auf Nachfrage sogar den Beinfreiheit bietenden Fensterplatz an der Tür und alle interessieren sich für meine Reise.

Dann steigt die Maschine sachte ich den Himmel. Ich freue mich auf einen neuen Kontinent, auf Afrika, auf Namibia. Bin so froh dieses Land, dieses für mich nicht mehr zu ertragende  Chaos, gesund zu verlassen. Ich bin mir ziemlich sicher nie wieder eine Zehenspitze in dieses Land zu setzen. Psychisch hat mich Indien sehr belastet. Jeden Tag das endlose Elend, der Dreck, das völlige Fehlen an Strukturen untereinander. Oft habe ich mich gefragt, warum unsere Erde nicht schon längst auseinander geflogen ist. Wie lange diese Umweltvernichtung noch erträglich ist. Denke ich an die indischen Lebensumstände in den Großräumen von Mombay, Kalkutta, Delhi usw. dann stellen sich mir die Nackenhaare auf, bekomme ich Angst. 

Erleichtert schaue ich aus dem Kabinenfenster und freue mich maßlos und zugleich ziemlich aufgeregt auf Namibia. 

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