JAPAN 31.07.- 05.08.2015 – 163. – 168. Tag 

Fukuoka : Kyoto
Streckenverlauf Fukuoka / Kyoto

Schöne Überfahrt, ruhige See, gute Menschen in der Kabine, keine Nervereien.

Nach dem Ablegen unterhalte ich mich mit einem Japaner und erfahre das die Fähre mit einem japanischen Bad (Onsen) ausgestattet ist. Heißes Thermalwasser in zwei riesigen Becken erwartet auch mich. Vorab eine gründliche Reinigung und dann tauche ich für eine Stunde in das heiße Wasser ein. Ein wunderbares Erlebnis, ich liege im leicht schaukelnden Thermalwasser, alles ist angenehm ruhig und ich schaue aus dem Fenster der Fähre auf das dunkle Meer.

Am Abend verabrede ich mich noch einmal mit dem Japaner, um mehr aktuelle Vorab-Informationen  zu erhalten. Bei einem Bier versichert er mir die umfassende Sicherheit in Japan. Lediglich soll es wohl vorkommen, dass seine Landsleute immer gleich die Polizei rufen, wenn ihnen etwas nicht geheuer vorkommt. z.B. wenn jemand irgendwo zeltet. Das ist nicht verboten versichert er mir, nur die Leute haben Befürchtungen, das dem Zeltenden etwas passieren könnte.

Bei der Einreise gibt es dann einige Irritationen bzw. einige Fragen. Warum ich ein 90 Tage-Visa haben möchte? Wo ich hin will? Was ich in Japan unternehmen möchte? usw.  Nach 30 min bekomme ich dann den Einreisestempel in den Pass gedrückt und ich kann passieren.

Mein Rad steht schon an der Seite der Gepäckausgabe, leider mit defektem, abgebrochenen Spiegel. Ich mache einen Mitarbeiter der Fährgesellschaft darauf aufmerksam und dann folgt die erste Überraschung in Japan. Viele weitere sollen noch folgen. Ein Mitarbeiter fährt echt los, kauft einen neuen Spiegel und überreichte mir diesen, sich ständig entschuldigend. Ich mache große Augen. Das hatte ich nicht erwartet.

Ausserhalb des klimatisierten Fährterminals schlägt mir wieder diese schwüle Hitze entgegen. Gefühlt ist es noch wärmer als in Korea. Jetzt treffe ich doch umgehend die Entscheidung meine Wintersachen nach Deutschland zu schicken. Schnell finde ich eine Post, bekomme ein Paket und packe alle Wintersachen dort hinein. Auch der Versand geschieht völlig stressfrei. Sie werfen einen Blick das Paket, riechen wahrscheinlich die letzten 5 Monate meiner Radtour, nicken und ich kann das Paket verschliessen. Ca. 35 Euro muss ich für den Transport per Schiff bezahlen. Na hoffentlich fällt es nicht über Bord.

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ab die Post

Japan, es herrscht Linksverkehr!!! Jetzt muss ich mich doch erst einmal arg umstellen. Besonders beim Abbiegen lande ich immer mal wieder auf der falschen Seite und schaue oftmals in die verkehrte Richtung. Etwas ausserhalb des Zentrums finde ich ein Hotel, kann auch mein Rad sicher unterstellen, kalt duschen und die Welt ist in Ordnung.

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viel Grün und Wasser in Fukuoka

Am folgenden Tag mache ich mich auf ins Zentrum. Meine Kamera hat doch in den letzten Monaten ziemlich gelitten. Der Staub, die Feuchtigkeit und die Erschütterungen sind der Technik nicht bekommen. Ich brauche dringend einen Canon-Service. Es herrscht Volksfeststimmung und es sind Massen an Menschen in der gesamten Stadt unterwegs. Sehr viele streben Richtung Park, in dem heute Abend ein Feuerwerk stattfinden soll.

Jetzt kann ich mir auch erklären, was die abgeklebten Rasenflächen im Park zu bedeuten haben, die ich bereits am Tag zuvor gesehen hatte.

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japanische Gründlichkeit

So sieht also die Liegeplatzreservierung auf japanisch aus. Das Erstaunliche ist, das dies dann auch wirklich jeder akzeptiert.

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Am Abend bin bin ich an dem See im Park. Einige tausend Menschen sind mit mir auch schon vor Ort. Der Anzahl der Imbissstände nach zu urteilen werden aber noch zig zehntausende erwartet. Und so ist es dann auch.

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Die Wege am Ufer entlang sind geteilt. In die eine Richtung kann der Tross links um den See, in der anderen rechts herum. Alle halten sich daran. Wer es versehentlich vergisst, dies kommt so gut wie nicht vor, wird höflich von den Ordnern per Lautsprecher darauf hingewiesen.

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geordneter Massenausflug

Natürlich kommt er der freundlichen Aufforderung sofort nach. Ich stelle mir diese Abfolgen in Deutschland auf einem Volksfest, z.B. dem Oktoberfest vor. Auch in China kann ich mir eine solche Zwanglosigkeit nicht vorstellen. Das aufrichtige, ehrliche Lächeln, die Zufriedenheit der Menschen hier, steht in keine Vergleich zu der Zwanghaftigkeit, dem Verdruss den ich in den Gesichtern der Chinesen gesehen habe. Ein Lächeln das ich einem Chinesen entgegenbrachte wurde selten bis gar nicht erwidert. Mich anlächeln, wie ich es hier in Japan mitunter erlebe, in China; nie möglich. Wie frei, wie gelöst sind doch die Menschen in einer einigermassen funktionierenden Demokratie.

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unendliche Farbenpracht

Die Demonstration der waffenstrotzenden Stärke der chinesischen Machthaber an jeder Ecke, die lückenlose Videoüberwachung der Menschen an jedem Platz, an jeder Strassenecke, auf jede 100 m Strasse, die Schnüffler, Spitzel auf den Wochenmärkten, all das zeichnet Diktaturen aus. Wie viel Angst haben die diktatorischen Machthaber dieser Welt vor ihren eigenen Völkern. Die chinesische Diktatur wurde in den 1950er Jahren von Mao begründet. Bis zu seinem Tod hatte sie bereits 70 Mio. chinesische Leben gefordert. Nicht durch Kriege kamen diese Menschen ums Leben. Alleine aus Misswirtschaft heraus entstandene Hungersnöte, durch Deportation und durch den angestachelten, politischen verordneten Massenhass der Kulturrevolution.

IMG_2081Am nächsten Tag breche ich Richtung Norden, Richtung Kyoto auf. Die Hitze in  der Mittagszeit drückend. Ich trinke literweise und schwitze literweise am nächsten Hang wieder aus. Komme auf den super glatten Strasse trotz der Hitze gut voran. Viel Abwechslung gibt es nicht. Ich habe keine Übersichtskarte und weiß so auch nicht,  ob in der Nähe, auf der Strecke Sehenswürdigkeiten lauern. Der absolute Höhepunkt des Tages, sowohl in der Streckenführung, als auch emotional war bei der Überquerung der Meerenge zwischen den beiden Inseln. Auf der Strasse lag unmittelbar vor mir der Tunnel. Ok, da werde ich auch in Japan nicht durchgelassen, also will ich die Brücke nutzen. Schon von Weitem ein gewaltiges Bauwerk. An der Mautstellen ist niemand zu sehen, da alles vollelektronisch eingerichtet ist. Na dann fahre ich da also mal locker durch und er viel fragt, bekommt viele Antworten. Zum Fragen ist ja auch niemand da. Ich hatte ja auch bis jetzt immer verdammtes Glück mit solchen Überquerungen und so mache ich mir da erst einmal nicht sehr viel Gedanken. Den Ausländerbonus spiel ich natürlich im Falle eines Falles auch immer voll aus. Nach einer kurzen Steigung kommt erst ein Tunnel von einigen 100 m Länge und dann bin ich auf der Brücke, die wie gesagt gewaltig ist.

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Um diese schnell zu überwinden, trete ich gewaltig in die Pedalen. Am Anfang besteht der Seitenstreifen noch aus  Asphalt, wechselt dann allerdings in einen Gitterroststreifen. So kann ich zwei-/ dreihundert Meter nach unten ins Wasser schauen, muss mich allerdings höllisch konzentrieren, da die Gitterstäbe doch recht weit auseinander liegen und das Rad tüchtig schlingert. Über die Mitte, dem Scheitelpunkt bin ich schon, da höre ich hinter mir schon die Sirene und die Lautsprecherdurchsage. Beides sehr intensiv. Ein kurzer Blick über die Schulter nach hinten. Jupp, da ist die Polizei mit Blaulicht.

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der erste von insgesamt vier Polizeiwagen

Noch bevor der Fahrer aussteigt, steht hinter diesem Polizeiwagen der Nächste und sperrt die linke Fahrbahn mit Kegeln ab. Zusätzlich steht ein Polizist auf der Strasse und schwenkt eine rote Flagge. Ich rechne kurz zusammen und denke: “Jooo, das wird teuer.” Um es kurz zu machen. Da die Polizisten nicht so recht wissen wie weiter, gehen sie auf meinen Vorschlag ein und geleiten mich mit Polizeieskorte von der Brücke. Auf einem Parkplatz warten dann noch zwei Polizeiwagen und zahlreiche Polizisten auf uns. Ich rechne im Kopf weiter das Bußgeld hoch. Oje, oje!!! Nun, allerdings nichts dergleichen passiert. Das Rad und ich werden lediglich in einen Transporter verfrachtet und ausserhalb des Brücken-/Autobahnbereiches gebracht. Dort erklären mir, die weiterhin sehr freundlichen Polizisten, die Weiterfahrt nach Hiroshima.

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irgendwo finde ich immer einen Fleck zum Schlafen

Nach all dem Stress, habe ich die rechtzeitige Suche nach einem Zeltplatz vor Einbruch der Dunkelheit versäumt. So schleiche ich in völliger Dunkelheit am Fahrbahnrand entlang und suche nach einem geeigneten, sicheren Platz. Wie so oft biege ich instinktiv an einem Seitenweg ab, nehme einen kleinen Pfad und entdecke unter Bäumen, auf einer gartenähnlichen Fläche dann auch ein schöner Schlafplatz. Auch um 22:00 Uhr ist es noch so schwül warm, dass im Liegen der Schweiß läuft.

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herrlich, schattiger Bambuswald am Morgen

Die Sonne weckte mich um 07:00 Uhr. Ich bleibe noch etwas liegen, höre einige vorbeifahrende Frühaufsteher und  geniesse den frühen, kühlen Morgen. Es interessiert niemanden, dass mein Zelt unterhalb der Strasse steht. Wie jeden Morgen baue ich schnell alles ab und bin nach 40 min auf die Strasse. An einer Tankstelle finde ich einen Automaten, ziehe mir einen kalten Kaffee, extrem lecker, und geniesse mein Müsli.

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Na da habe ich mich heute Morgen doch ein bisschen erschrocken. Um 06:00 Uhr bin ich wach. Nee, nicht jetzt schon aufstehen!!! Also umdrehen, schwitzen und wieder einschlafen. Plötzlich nehme ich  einen Schatten und eine Bewegung von draußen wahr, im Schlaf, träume ich das….!? Schnell sitze ich senkrecht, reiße den Zelteingang auf und schaue mich vor dem Zelt um. Da läuft eine kleine vermummte Gestalt, ohne sich weiter umzusehen, den Weg auf dem ich zelte entlang. Ok, vermummt, naja, großer schattenspendender Hut mit Schleier und weiter Oberkleidung. In der Hand, über der Schulter eine Hake. Ich schaute ihr hinterher, wundere mich über die Gelassenheit der alten Dame und hole zur Beruhigung noch einmal tief Luft. Scheint so als ob es nichts besonderes ist, dass hier auf dem Weg ein Zelt und ein Rad stehen. Ich habe im ersten Moment echt an ein Tier gedacht, denn der Weg sah nicht so aus, als wenn hier jemand jeden Tag entlang geht.

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Noch einmal schaue ich der kleinen Bäuerin hinterher und muss Schmunzeln als sie vor dem Waldeingang steht, kurz zögert in das Dunkel hinein zu gehen, über die Schulter zu mir zurückschaut und dann mutig in das Dunkel hinein tippelt.  Ich sitze dann im Zelt und eine halbe Stunde später, ebenfalls völlig unbeeindruckt, kommt ihr Mann am Zelt vorbei. Oh man, hier liege ich wohl doch auf einem “Wanderweg”.

Schnell baue ich alles ab, packe das nasse Zelt ein und machte mich auf dem schmalen Pfad runter ins Tal, in den Ort. Unten suche ich mir dann einen ruhigen Supermarkt, frühstückte und beginne meinen Tag. Japan ist mega modern und serviceorientiert. In jedem kleinen Ort gibt es einen Supermarkt, innerhalb des Marktes Wlan und…!!! eine blitzblank saubere Toilette. Waschen, Zähne putzen, alles kein Problem.

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Tags über ist es extrem heiss. Es ist Sommer in Japan und das spüre ich. Der Schweiß läuft in Bächen an mir runter. Alles ist triefend nass und ich halte, wasche die Sachen im Supermarkt mit kaltem Wasser und mache mich wieder auf in die erdrückende Hitze. Immer wieder sprechen mich auch Japaner an. Erzähle ich ihnen meine Geschichte staunen sie, wohl auch über meine Naivität im Sommer diese Strapazen freiwillig zu ertragen. Sie sind auch wirklich interessiert, freuen sich über mein Komplimente für ihr Land und wünschen mir alles Gute.

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20 km vor Hiroshima fahre ich ein paar Kilometer auf einem Expresshighway. Ich finde leider keinen anderen Zubringer ins Zentrum.  Es beschwert sich nicht wirklich jemand, aber mir ist das echt unheimlich und ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen. Hektisch suche ich nach einer Möglichkeit vom Highway runterzukommen. Nehme dann schnell die nächste sich bietende Ausfahrt und fahre über Seitenstrassen nach Hiroshima City. Finde nach einigen GPS Irritationen auch ein Hostel. Kaufe mir Essen, wasche meine Sachen und bin jetzt für zwei Tage selige in Hiroshima.

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