Laos   

04.10. – 21.10.2016 // 568. – 585. Tag

Strecke: Tay Trang nach Pang Hok/Laos, Ban Houyayson, Oudomxay, Thabou, Luang Prabang, Phathang, Houay Pakpore, Vientiane

In der Hitze der asiatischen Tropen kämpfte ich mich über langer Anstiege zum Grenzübergang von Tay Trang nach Pang Hok/Laos hinauf. Es ging elendig bergan, bergan und in Steigungen bergan. An der vietnamesischen Grenze angekommen, verspürte ich nicht viel Lust mich weiterhin in Vietnam aufzuhalten, kaufte noch einige Flaschen Wasser, tauschte nach einigem Hin und Her die Dong in Kit (Geld) und überquere die Grenze am Checkpoint von Vietnam nach Laos. Lange fahre ich weiter über die hohe Ebene und von einem laotischen Checkpoint ist nichts zu sehen. Einmal komme ich über eine asphaltierte Ebene mit einigen Statuen, einem Schild Welcome in Laos, aber keinem Grenzpunkt.

Gegen 11:00 Uhr erreiche ich dann doch den laotischen Grenzposten. Alles sieht sehr verschlafen aus und so ist es auch. Von 11.00 – 13:00 Uhr ist hier Mittagspause, erfahre ich nach einigem Nachfragen in einer Garküche und in einer Schlafbaracke. Die Beamten liegen in Unterwäsche vor ihren Unterkünften im Halbschlaf, sicher auch wohlverdient bei dem regen Grenzverkehr und den damit verbundenen Anstrengungen.

Der Grenzposten, das Gebäude ist menschenleer. Alle Türen und Fenster sind offen. Die Arbeitsplätze der Grenzleute verweist, aber die Formulare, die Stempel, alles liegt da. Kurz blitzen mir der angetroffenen Situation entsprechend, eigene Aktivitäten der Formalitäten durch den Kopf. Doch mich haben bereits zu viele Leute gesehen und die Kommunikationskette würde mich sicher nach einigen Kilometern und dann die entsprechenden Konsequenzen einholen.

Also heißt es für mich, und nur für mich, denn andere Grenzgänger sind nicht zu sehen, warten, etwas in der nahen Garküche essen und mich nach dem Essen wieder mit der Rechnung über den Tisch ziehen zu lassen. Die Rechnung ist wieder einmal unverschämt überzogen und sicher habe ich damit den Garküchenbertreiber zu mindestens fünf umsatzfreien Ruhetagen verholfen. Die Mittagspause ist um und nun kommen die Grenzformalitäten und damit die wirklich schamlose Abzocke die alles bisher Erlebte in den Schatten.

13:00 Uhr soll die Grenze wieder offen sein. Natürlich ist dies nicht so. 13:45 Uhr ist dann einer der Beamten da, will meinen Pass, ein Foto und 34 US$. Ok, damit hatte ich gerechnet, alles vorbereitet und so übergebe ich das Geforderte. Bekomme dann einige Formulare zurück, fülle diese aus und erfahre nach der Übergabe, dass der nächste Beamte, es ist derselbe Raum, der selbe Tisch, nur einen Meter weiter an einem neuen Fenster, noch nicht da sei. Wann dieser erscheinen würde, kann der Erste allerdings nicht beurteilen. Es war halt Mittagspause und es ist ja auch noch wirklich nicht so viel Zeit vergangen. Gegen 14:30 kommt dann ein schlendernder Uniformierter und beginnt monoton, ohne Kommentar, mit seiner schweren, meine Formulare abstempelnden Arbeit, verlangt 20.000 Kit. Meine Frage wofür dieses Geld sei, ignoriert er, hält meinen Paß zurück und schaut mich gelangweilt an. Ich bezahle, eine Quittung verweigert er, dann reicht er mir meine Formulare, den Paß und weist mir mit einer, all seine Kräfte aufbringenden Handbewegung, den Weg zum nächsten 20 m entfernten Fenster. Nach wie vor war ich der Einzige Grenzgänger in der gesamten Zeit dieser Prozedur und bei mir hatte sich auch bereits leichter Unmut angestaut, da ich noch einen weiten Weg bis in den nächsten Ort zurücklegen mußte. Ok, also legte ich, dass Rad schiebend den weiten Weg zum nächsten Fenster zurück. „Das Rad darf hier entlang nicht die Grenze passieren. Es muß unten auf dem Fahrweg über die Grenzlinie bewegt werden”, rief mir ein Grenzbeamter entgegen. Natürlich verstand ich in diesem Moment kein Wort von den Anweisungen und bewegte mich auf die bereits gierigen auf mich wartenden Zollbeamten zu. „Das Rad muß runter auf die Fahrstraße. – Das hätten Sie mir vorher sagen sollen, dass bekomme ich jetzt dort nicht mehr hin, ist zu schwer. – Sie müssen zurück, so können sie nicht die Grenze passieren.- Ich kann das Rad in diesem engen Korridor nicht wenden und rückwärts schieben geht nicht.- ok, ihren Pass.“ Natürlich ließ er mich gleich all seine Macht spüren. ” Die Stempelgebühr beträgt 20.000 Kit. -Für was? Ich habe bereits einen Einreisestempel! – Nicht vom Zoll und nicht von mir. 20.000 Kit sind zu zahlen. – Auf Grundlage welcher Festlegungen? – Ist so, steht hier auf dem Plakat!“ Dort stand natürlich irgendetwas auf Laotisch, was auch die Speisekarte der Garküche hätte sein können. “Stempelgeld halt, für meine Anstrengungen. Wollen sie nun einreisen oder nicht?- Ok, dann aber bitte mit einer Quittung! – Ich fragte Sie bereits, ob sie einreisen wollen oder zurück nach Vietnam wollen!?“ Rrrhhhh, mit mahlenden Kiefer bezahle ich, sehe das Geld in seine Jackentasche verschwinden und haue ab. Frieß oder stirb, denke ich noch bei mir und das der erste Eindruck von diesem neuen Land hoffentlich nicht prägend in meiner Erinnerung bleibt.

Natürlich musste ich das alles akzeptieren, denn die Leute bekommen vom Staat selten ihren Lohn. Halten so ihre Familien über Wasser. Doch ist dies für mich schon  sehr ärgerniserregend und ich mußte schon meinen Unmut äußern, nicht kommentarlos alles hinnehmen. Der Unmut blieb lange, auf der folgenden Abfahrt, in meinem Kopf. Sehr lange, denn so bin ich. Ich kann und werde Unrecht nicht akzeptieren und schon gar nicht gleich in meinem Kopf beiseite legen.

Dann brauche ich meine Aufmerksamkeit auf der abfallenden Piste. Es geht steil hinunter, immer weiter hinunter. Gegen Abend finde ich, nach langem Suchen, dicht neben der Straße eine kleine Lücke in der rechten Felswand. Begrenzt am hinteren Ende von einem Zaun, dahinter ein kleiner Fluss, auf der anderen Uferseite ein verschlossenes Tor. Es ist bereits dunkel. Ich bin in einem neuen Land, kenne die Gepflogenheiten auf der Strasse nicht. Habe nicht mehr viele Alternativen für diese Nacht. Also biege ich den Draht auf, löse das Schloß aus der Verankerung, schleppe das Rad die Böschung runter, durch den Fluß, die Böschung hoch und stehe vor einer ärmlichen, verschlossenen Hütte. Puh, ok soll ich, kann ich hier bleiben? Was ist, wenn ich der Nacht der Bewohner heimkehrt? Meine Anwesenheit feststellt? Es ist jetzt tiefschwarze Nacht und ich entschliesse mich zu bleiben. So verbringe ich, immer wieder aus dem Halbschlaf erwachend, eine unruhig Nacht zwischen stinkenden Fischteichen, unter alten Bananenstauden, auf einem schmalen Damm.

In den kommenden Tagen erfahre ich erste Eindrücke, sammele Bilder von Menschen in Laos. Alles ist ruhiger, freundlich, weniger Verkehr. Die Zurufe sind nicht mehr Hallo, sondern Bin day, einen schönen Tag/ guten Tag.

.. weiter, weiter über Landschaftswellen, über Steigungen bergan, an Flüssen entlang. Mir begegnet wenig Verkehr, kein Hupen, ich geniesse es nach all dem Stress in Vietnam in den Kopf hebenden Zügen. Da ich durch recht ärmliche Ansiedlungen komme,  gestaltet sich meine Essensversorgung/die notwendige Energiezufuhr/Batterieerhaltung, in Laos ein wenig schwieriger, für Asien eigentlich ungewöhnlich. Gegen Mittag finde ich eine Garküche die gegrillte Frösche, Klebereis und ein Art Fisch, die Gattung ist nicht erkennbar, anbieten. Mit geschlossenen Augen und ausgeschalteten Sinnen, stille ich meinen grossen Hunger. Schnell werde ich entdeckt und von Frauen in lokalen Trachten, die mir Früchte, Handschmuck usw. anbieten umringt. Mit vollem Mund verneine ich ihre Angebote und schliesslich werden sie von der Garküchenbetreiberin verjagt.

Eine schöne Nacht liegt hinter mir, denn doch noch habe ich gegen Abend recht schnell einen Platz oberhalb der Strasse gefunden, nachdem ich auf der linken Seite der Strasse am Fluss leider keinen Zugang/Platz finden konnte.

Schnell ist das Zelt aufgebaut, der Kocher an und dann liege ich selig im Matratzenbett. Im Wegdämmern höre ich noch zwei Männer die sich unter lautem Lachen auf französisch unterhalten, Musik hören und irgendwie ein schöne Stimmung verbreiten. Abrupt verstummt dann auch diese abendliche Unterhaltung und ich sacke müde in meine Träume.

Am Morgen hängen noch dicke Schleier über den nahen Bergkämmen, in den Tälern. Doch schon eine Stunde später als ich abreisefertig auf der Strasse stehe herrscht schönster Sonnenschein, von Wolken, Sonnenschatten nichts mehr zu sehen.  Vom ersten Tritt an geht es weiter bergan und in langen Kurven zwischen der Bergkämmen entlang.

Um 8:30 Uhr erwachte ich aus dem Tiefschlaf und das tat gut.

Zwischen 10-14 % geht es auf langen Anfahrten, gefolgt auf gefühlte nicht so langen Abfahrten stetig voran. So fahre ich Bergrücken über Bergrücken auf einer Strasse die nicht nur für laotische Verhältnisse traumhaft ist. Glatter Asphalt, betonierter Seitengraben, keine Unterspülungen aus den Bergen. Ideale Bedingungen um entspannt an diesem Tag voranzukommen.

Am Morgen fragte ich mich noch wie weit meine Kraft Heute wohl reichen wird. Ein Blick auf die GPS Karte zeigte mir was mich erwartete und gegen Mittag verspürte ich immer noch Kraft, trat manche Steigung im dritten Gang und fühle mich nicht müde, nicht fertig, nicht kraftlos. Weite Berglandschaften beidseitig der Strasse kennzeichnen das Bild meiner Strecke. Mitunter sehe ich hoch in einem Hang eine Hütte und frage mich, was machen die Menschen, wie und von was leben sie dort oben an einem Hang mit 40 Grad Gefälle? Landwirtschaft zum Überleben geht doch nicht? Geht aber wohl doch!

Ich treibe mich weiter voran und schaffe doch echt mein, am Morgen fixiertes Tagesziel. Finde in der Stadt an einer Kreuzung doch echt einen Laden der Müsli, nun ja sagen wir mal Frühstücks-Cerealien eines Markenherstellers verkauft. Erstaunlich wie sich doch immer wieder meine Wünsche erfüllen. Tags zuvor hatte ich in der „Großstadt” ewig nach Müsli gesucht. Nichts gefunden und hier, ich wollte eigentlich Wasser, Nudeln, Zwiebeln usw. kaufen, finde ich das Gesuchte. Sehr, sehr schön.

Anschliessend beginnt die Suche nach einem Nachtplatz und die gestaltet sich einmal wieder als recht zeitaufwendig. Nach einer Stunde komme ich dann an einem Parkplatz vorbei und rase über diesen quer in die dahinterliegende Reisfelder. Schnell weg von der Strasse, raus aus dem Blickfeld, ist immer erst einmal wichtig. Schnell weg von der Strasse und umschauen, ob nicht doch jemand auf den Feldern arbeitet. Natürlich immer gebückt, abducken und warten. Zwischen Fischteichen, Reisfeldern und Bewässerungsgräben schiebe ich das Rad kreuz und quer voran. Hole mir wieder einmal nasse Füße. Entscheide, nein dies ist nicht der richtige Platz, nein sagt mein Bauchgefühl und das hatte wie später erkannt, wieder einmal recht. Spät finde ich doch noch einen guten Platz zwischen einem Reis- und ….? Gurkenfeld?

Aufgaben die ich noch erledigen muß wie Rad-, Zelt- und Sachenpflege kann ich Heute nicht noch einmal aufschieben, müssen nun erledigt werden. Dann schnell kochen und ab ins Zelt. 18:00 Uhr und es wird sofort dunkel.

Wassertropfen von der Decke meines Zelts wecken mich. Es ist 6:00 !!! Uhr und ich bin nicht gewillt dem Wasser und der Helligkeit nachzugeben. Ich will noch schlafen, bin müde. Meine Knochen schmerzen, sind verkrampft. Strecke meine Beine aus, spüre den Genuss und schaue durch das kleine Gazefenster in den morgendlichen Himmel.

Nahe meinem Flusszeltplatz fällt ein Schuss, höre ich ein lautes Aufschlagen ins Wasser. Ok, ich sollte mich doch aus dem Zelt machen, denke ich so bei mir. Hier gibt es eine Menge Aktivitäten in der Umgebung.

Wieder haben die Ameisen oder waren es doch größere Tiere mit, an der, Abfalltüte ganze Arbeit geleistet. Erstaunlich was so kleine Tiere, die es wirklich überall auf der Welt gibt, doch mit ihrer Kontinuität und Masse an Mitgliedern anrichten können. Wir Menschen sind da schon anders, leider nicht intelligenter. Nun ja, ich spule die morgendliche Routine ab und bin irgendwann auf der Strasse.

Feststellen muß ich an diesem Tag leider, dass beide Lowrider und die Halterung der Lenkertasche gebrochen sind. Die Halterung an der Lenkertasche muss ich sofort, wegen dem Bremszügeverlauf reparieren. Das mit den Lowridern hat Zeit, es nervt nur das Quietschen. An einer Tankstelle, beobachtet von einem kleinen, neugierigen Jungen und seinem Vater, finde ich eine Lösung bezüglich der Halterung.

Dann treffe ich Jean-Cloud, der Name nimmt es vorweg, aus Frankreich. Freudig winkt er mir schon von Weitem entgegen. Wir unterhalten uns sehr lange. Tauschen viele Gedanken aus, finden eine gemeinsame Wellenlänge. Ich erfahre, dass es easy ist ein Visum für Myanmar in Vientiane zu bekommen, bin beruhigt und freue mich ihn getroffen zu haben. Beide wollen wir wohl weiter unsere Erlebnisse austauschen, doch treibt uns die Zeit zum Aufbruch und so ist der Abschied herzlich, aber professionell.

Ich komme in Luang Prabang an und denke, nach einigen Eindrücken, ja ausruhen, aber nicht bleiben. Mich schnell mit den notwendigen Dingen versorgen. Müsli kaufen, viel essen und dann schnell weg von hier.  Der Ort ist echt schlimm. Ok, es ist gut für die Menschen, dass es diesen Tourismus gibt, doch muss es wirklich immer diese vollumfänglich Befriedigung der touristischen Bedürfnisse sein, die Aufgabe aller ethnischen Identität? Geht es nicht auch unter der Beibehaltung der lokalen Gegebenheiten? Warum akzeptiert die Mehrheit der Touristen nicht einen lokalen Standart, authentische lokalen Gegebenheiten ? Immer ist es doch das was die Touristen suchen, ablichten wollen und dann doch am Ende vermissen, weil sie keinen internationalen, touristischen Standart, wie immer der auch definiert sein mag, vorfinden.

Ankunft in tiefer Dunkelheit in den Bergen und was war das für ein Tag? Am Ende hatte ich nicht mehr ausreichend Kraft zu stehen und mein Zelt aufzubauen. Immer wieder rutschte ich aus, kniete ich neben dem Zelt und versuchte mit zittrigen Händen das Gestänge des Zelts in die erforderlichen Ösen zu bekommen.

In den letzten 6 Stunden dieses Tages ging es stur mit 12 % bergan. Wobei es in Laos gemäß der Beschilderung, immer nur 10 oder 12 % gibt und ich mir ziemlich sicher bin, dass der Steigungswinkel definitiv darüber lag. Es war bereits völlig dunkel als ich, nach etlichen Kilometern schiebend, über eine Passhöhe komme und in ein Tal tief unter mir in den Nebel blicke. Um mich herum nichts als schwarze Berglandschaft und Nebel. Hohe Gipfelspitzen, Regen und entmutigende Dunkelheit. Frierend, vor Kälte zitternd, jegliche Faser an meinem Körper ist naß, lasse ich mich langsam in die unter mir liegende Dunkelheit tragen. Ich habe so gut wie kein Trinkwasser mehr und nur noch ein Paket Nudeln. Schemenhaft erkenne ich in der Nebel umwabernden Dunkelheit der nächsten Anstieg. – Essen ist nicht wichtig!Ich brauche noch Wasser, unbedingt! -geht es mir hämmernd durch die eiskalte Stirn. Im Dunkeln, unten im Tal erkenne ich eine Station für Reisende. Ein aus Bambusstangen gefertigter, mit einigen Planen abgedeckter Unterstand. Männer liegen auf Bastmatten. Ein wenig Licht, ich hatte es von weiten gesehen, kommt aus solarbetriebenen Batterien. Natürlich errege ich großes Erstaunen! Verwunderung, wo ich jetzt und überhaupt herkomme. Ich frage nach Wasser, nach Essen. Wasser bekomme ich. Essen haben die Reisenden wohl selber nicht. Bleiben will ich nicht. Die Situation erscheint mir in dieser Einsamkeit, Umgebung für mich nicht wirklich kontrollierbar. Sicher täusche ich mich, doch meine erste Intuition leitet mich und so mache ich mich, schnell von der Dunkelheit eingefangen, noch einmal auf den Weiterweg. Weiter bergan. Nichts, wirklich keine ebene Stelle zu finden für mein Zelt. Ich bin fertig, am Ende für diesen Tag. Die Waden, die Knie, der Rücken, alles ist nur noch ein Bleiender Krampf. In der Finsternis erahne ich eine kleine ebene Fläche. Gleich danach öffnet sich ein Abgrund. Lange versuche ich das Zelt irgendwie, für mich schlafgerecht zu positionieren. Kochen und Essen, zu beidem muß ich mich zwingen, findet in der Finsternis der mich umgebenden Berge statt. Geschmack ist nicht wichtig. Die Wärme und Energie zählen. Und dann falle ich auch schon völlig erschöpft auf meine Matte. In der Nacht wecken ich immer wieder die bergab donnernden LKWs . Im Halbschlaf fraglich mich immer wieder, werde ich für den nächsten Tag in dieser Nacht genug Kraft tanken können, denn ich sehe in der Nacht an den Lichtern der Lkws was mich am kommenden Tag erwartet.

Und von dem ersten Meter geht es bergan und die kommenden Kilometer ändert sich dies nicht. Zwei Stunden trete ich monoton bergan, Wiegeschritt um Wiegeschritt. Nicht nach oben schauen, vorne schauen, um nicht entmutigt zu werden. Nicht hoffen, dass hinter der kommenden Kehre der Pass kommt, denn da kommt nur die nächste 12 % Steigung. So geht es weiter bis ich dann wirklich im alles umhüllenden Nebel stehe und auf dem Scheitelpunkt bin. Steil geht es mit gezogenen Bremsen auf der Piste bergab. Die Abfahrt kann ich nicht wirklich geniessen. Leider geht es über Schotterflächen und einer verschlampten Strasse nur ganz vorsichtig Haig und langsam talwärst. Wie schon am Tag zuvor, greift dass Hinterrad nicht mehr richtig, dreht durch und ich komme nicht mehr voran. Der Schlamm verwandelt das Rad innerhalb kurzer Zeit in ein braunes Etwas und alles knirscht und quietscht.

Am Nachmittag nun wieder auf guter Strasse treffe ich auf eine französisch/chinesische Radlergruppe. Lange stehen wir am Strassenrand und unterhalten uns. Sie überschütten mich mit Früchten, Wasser und Begeisterung.

Den Abend finde ich einen Platz am Fluss. Es geht eine steile Böschung mit ausgetretene Pfaden hinunter, was mich bereits wunderte und die Erklärung dafür ließ auch nicht lange auf sich warten. Am Ufer angekommen, kann ich mich nicht sofort für einen Platz entscheiden. Erst baue ich das Zelt hinter einem dichten Strauch auf, doch der Platz ist sehr klein. Dann schleppe ich das Zelt doch auf die davor liegende Wiese und freunde mich mit der Situation an. Routiniert baue ich alles auf, repariere meine Hose und schon entdeckt mich der erste Laote. Kurze Zeit später bekomme ich dann auch die Ursache für den ausgetretenen Pfad präsentiert. Zwei Wasser-Büffel-Herden werden von der gegenüberliegenden Flußseite auf meinen Zeltplatz zugetrieben. Schwimmend, teils watend bewegen sich die Tiere gelassen durch die starke Strömung. Durch die Rufe der zwei Hirten angetrieben, einer an der Spitze, einer hinter der Herde, erreichen sie meine Uferseite und steigen völlig gelassen aus dem Wasser. Über meine Anwesenheit sehe ich nur bei den Hirten Erstaunen. Die Gelassenheit der Büffel, ich habe diese bereits bei vielen Gelegenheiten bewundert, lässt um keinen Deut nach. Ein kleines Kalb schreit zwar ziemlich laut seiner Mama hinterher, doch alle Tiere tappen gemächlich aus dem Wasser und benutzen den Pfad zur Strasse hoch. Die ganze Prozession zieht am Zelt vorbei. Ich kann und will mich aber nicht woanders verstecken und bleibe wo ich bin. Bade im wirklich reißenden Fluss von dessen Ufer ich keine 5 m wegkommen. Auf der gegenüberliegenden Uferseite zeichnet sich im tiefsten Schwarz eine Gipfelkette hinter der anderen ab. Von tiefschwarz über grau bis hellgrau erstrecken sich die Bergflanken vor dem Abendhimmel. Im breiten Flussbett rauscht das wilde Wasser an mir vorbei. Ich denke, niemand wird mich in der Nacht beunruhigen, denn nun werden alle im Dorf die Info über meine Anwesenheit erhalten haben. Wieder einmal schwitze ich im Zelt vor mich hin.

Eine aufregende Nacht war es dann doch wieder. Immer wieder einmal kamen Bauern die Furt hinunter auf die Wiese. Zogen sich schnell bis auf die Unterhose die Sachen aus und watete zielgerichtet erst weit nach rechts bis in die Flussmitte und von dort wieder nach links zur dem erkennbaren Hohlweg auf der anderen Flussseite, der sicher zu einem nahen Dorf führte.

Das ganze Prozedere setze dann am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, wieder in meine Richtung, also entgegengesetzt, ein. So war es einmal wieder eine kurze Nacht, ein früher Morgen mit einem erfrischenden Bad im Fluss, einer schweißtreibenden Schlepperei der Taschen und des Fahrrads auf die Strasse und dann allerdings endlich einmal wieder einem Start auf ebener Strasse.

Noch einmal traf ich das französisch/chinesische Radteam und wieder wurde ich aus ihremBegleitfahrzeug heraus in wundervollen Abständen mit kühlem Wasser, frischem Obst und Begeisterung versorgt. Gegen Mittag, ich saß gerade mit dem Chinesen bei einem kalten Drink unter einem Garküchendach, zieht ein Fernradler an uns vorbei. Rufe stoppen ihn und schnell kommen wir auf deutsch ins Gespräch. Sören, ein junger Mann aus Leipzig, ist seit 7 Monaten von Deutschland aus unterwegs. Ein Blick, die beiden Chinesen sind bereits wieder auf der Strasse, und wir sind uns einig, die verbleibende Strecke bis Vientiane, gemeinsam zu fahren. Er legt dann allerdings gleich ein strammes Tempo vor und wie so oft, treiben wir uns nach kurzer Zeit zu Höchstleistungen. Der Tag endet in einem einfachen Guesthouse.

Lange sitzen wir noch im Dunklen vor dem Zimmer und tauschen unsere Erlebnisse, Erfahrungen aus.

Der kommende Tag wurde dann zu einem deutschen Fern-Radler-Treffen, denn Christine stößt gegen Mittag auch noch zu uns. Sie ist seit einigen Monaten, zu Beginn mit ihrem Freund, jetzt seit zwei Tagen alleine, mit dem Rad unterwegs. Natürlich unterhalten wir uns sofort, über den Rädern stehend, fast eine Stunde am Strassenrand und entscheiden dann zu dritt nach Vientiane zu fahren. Schön vergeht dann die Zeit auf der Strecke, da sich immer mal wieder im Wechsel jeder mit jedem unterhalten kann. Wir aufeinander Rücksicht nehmen und so locker und entspannt in Vientiane ankommen. Der Verkehr ist natürlich beileibe nicht so schrecklich wie in Hanoi. Schnell finden wir ein gemeinsames Hostel und sitzen kurze Zeit später vor dem Hostel bei einem kalten Bier und sind grundentspannt.

Nun ja. Die erste Wahl war bei diesem Hostel nicht die Beste. Eine Mücken geplagte Nacht und am Morgen dazu noch laute, rücksichtslose Abreisende und frühe Bauarbeiten, ließen mich nicht lange schlafen.

So stehe ich zeitig auf, und mache mich nach dem Frühstück mit dem Rad auf den Weg zur Botschaft von Myanmar. Mein Antrag wird schnell entgegengenommen, allerdings ist heute Freitag, dann WE und Montag Feiertag. Dienstag wird dann erst wieder gearbeitet und so kann ich Mittwochnachmittag erst mein Visa bekommen und Donnerstag erst zur indischen Botschaft traben. Nun ja ist halt so.

Am Nachmittag quäle ich mich durch die Online Antragstellung für das indische Visa. Immer wieder gehen die eingegebenen Daten verloren. Das WiFi im Hostel bricht ständig zusammen. Nach dem 6 Versuch die Daten zu übermitteln, gebe ich genervt auf und suche mir ein Café mit schnellem Netz, fange wieder von vorne an und bin irgendwann am Nachmittag endlich fertig.

Sofort am Morgen hatte ich mich auch noch entschlossen, mir für die kommenden Tage ein anderes Hostel zu suchen. Die Mücken haben mich echt gequält in der Nacht.

Schnell finde ich dann auch ein B & B nach meinem Geschmack für einen vernünftigen Preis.

Der Abschied von den beiden anderen Fernradlern beim gemeinsamen Frühstück war herzlich und schnell. Sie fahren jetzt gemeinsam weiter und haben leider einen Regentag erwischt. Tropische Regengüsse gehen über Vientiane nieder und das wird sich wohl Heute auch nicht ändern.

Einige notwendige Reparaturen am Rad konnte ich während der Wartezeit bis zum Checkin im neuen Hostel auch ausführen. Die Low-Rider sind nun wieder auf beiden Seiten gebrochen und so musste ich wieder einmal meine Drahtverbindungslösung anwenden. Halten wird es sicher. Der Dynamo in der Vorderradnabe hat seinen Dienst wohl durch das Wasserbad im Dschungel von Kambodscha beendet.

So wie in Kuala Lumpur, so waren auch die Mitarbeiter der Botschaft von Myanmar in Vientiane sehr freundlich und es stellte kein Problem dar ein neues Visum ohne irgendwelchen zusätzlichen Kram zu bekommen. Antrag ausfüllen, Passbilder, Geld und Pass abgeben und ein paar Tag später, sogar früher als erwartet hatte ich mein Visa.

Nun für das Indienvisa war da schon etwas mehr Aufwand zu betreiben. Es gab sogar einen Waschzettel auf dem alle erforderlichen Punkte aufgeführt und abzuarbeiten waren. Halt die allgemein bekannte indische Bürokratie. Extra aufgeführt war auch eine Hin- und Rückflug-Buchung, ein Kontoauszug. Da musste ich mich dann doch den halben Tag Zeit für das Selbstbau-Flugticket nehmen. Allerdings wollte ich erst einmal so probieren, also ohne Ticket. Die Grenzübergänge hatte ich auf dem Antrag im Inland angegeben. Nach einigen Rückfragen und dem Erstaunen wegen der Abgabe von zwei Reisepässe, schaute mich der indische Konsularbeamte an, wackelte in bekannter Weise horizontal mit seinem Kopf und sagte. “Ok, wir haben alle erforderlichen Angaben und brauchen fünf Tage für die Bearbeitung.” Ich weiß nicht, ob er gehört hat wie mein innerer Blockadestein zu Boden fiel. Mein breites Lachen und das glückliche Gesicht hat er aber sicher wahrgenommen.

Heute Abend gehe ich zur Feier des Tages noch einmal richtig schön Essen, denn ich habe mein Indienvisa früher, nicht erst am Montag, bekommen. Juchuuuuuu, bin ich froh, endlich wieder auf dem Rad sitzen, endlich weiterkommen, endlich Strecke machen.

Der Grenzübergang nach Thailand liegt in unmittelbarer Nähe der Stadtgrenze und so brauche ich nicht lange um wieder im erholsamen, vertrauten Thailand zu sein. Über die Mekongbrücke erfolgt dann, über die sich kreuzenden Fahrspuren, noch schnell ein Wechsel der Fahrrichtung. Ab jetzt geht es wieder auf der linken Seite vorwärst.

Wieder bin ich im Land des Wohlfühlens, des entspannten Radfahrens.

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