Myanmar   30.10. – 23.11.2016; 594. Tag – 618. Tag 

Route: Kyondoe, Hpa-An, Taung Sun, dunkle Nacht im Reisfeld, Yangon, Pantanaw, Ngatainchao, Nyaungyaung, Kyeintali, Ngapali, Toungup, im Busch an einem Fluss, hinter Ann im Freudenhaus, Dakon, Magway, Awazardaw, Bagan, Myingyan, Mandalay, Abflug nach Kathmandu/Ankunft in Kunming 

Die Fahrt, 7 km bis zur Grenze verlief problemlos. Doch an der Grenze erwartete mich, verursacht durch einen LKW-Stau, in der tropischen Hitze, dicke, stinkende Luft, da alle ihre Motoren laufen liessen.

 

Wie gewohnt war die Ausreise aus Thailand völlig easy und nach einer Brückenüberfahrt auf deren Mitte ich auch die Spur, jetzt herrscht wieder Rechtsverkehr, wechseln musste, stand ich vor den freundlich lächelnden Beamten aus Myanmar. Na hoffentlich bleibt es bei der Freundlichkeit, ging es mir durch den Kopf. Doch ja, alle waren sehr höflich, freundlich und engagiert. Ich musste nur die üblichen Formulare ausfüllen und schon stand ich hinter der Grenze auf  in Myanmar, dem nächsten Land meiner Asiendurchfahrt. Also jetzt ging es wieder auf der rechten Fahrbahnseite weiter. Allerdings erwartete mich gleich eine Besonderheit, eine Verrücktheit von der es doch sehr viele in diesem Land gibt. Birma-bis Ende der 80er Jahre durchgehende Bezeichnung im deutschen Sprachraum; Burma-englische Bezeichnung der ehemaligen britischen Kolonie; Union-Myanmar-der offizielle Name seit 1989 des südostasiatischen Land am Indischen Ozean.

Die Militärmachthaber haben nicht nur das Land von Burma zu Myanmar (alte Bezeichnung) umbenannt, auch einer der Machthaber war in die Zahl 9 verliebt und so lies er 9, 19, 99 Kyat-Scheine drucken. Die jüngste Maßnahme ist die Einführung des Rechtsverkehr. Jedoch fahren noch mehr als 95 %  links gelenkte Autos auf den Straßen.

Tägliche Überraschungen auf den Straßen ließen auch nicht lange auf sich warten und auch das erwartete, noch nicht nervende Hupen setzte ein, immer andeutend… „ Hallo Platz, jetzt komme ich “….

Auf dem weiteren Weg in das Land an diesem Tag musste ich noch zwei weitere Paß-Kontrollen überstehen. Das Militär ist, so nahe an der Grenze, allgegenwärtig und demonstriert Stärke. Gegen Abend fand ich in einer Stadt einen Laden für den abendlich notwendigen Einkauf. Wenig später, nachdem ich eine altersschwache Stahlbrücke überquert hatte, bot sich mir rechts eine geeignete Abfahrt in die nahen Büsche und unterhalb einer im abendlichen Sonnenlicht golden schillernden Stupa, einen, wie ich dachte, geeigneten Platz. Doch bereits vor dem Zeltaufbau, ich musste noch den Spiegel umbauen und wieder einmal die Kette pflegen, attackierten mich und das Rad, inklusive Radtaschen, eine Armee von Mini-Ameisen. Die Biester sind auch wirklich in allen Ländern, in allen Größen, Farben und Formen, vorhanden. Diese kleine, burmesische Gattung zeigte sich besonders aggressiv und ideenreich, um in das Innere des Zeltes zu gelangen und mich dort zu beißen.

Dann bekam ich gegen 23:00 Uhr auch wieder Besuch von einem Nachtjäger. Fast eingeschlafen weckte mich ein mehrfaches Knacken und dann der helle Schein einer Stirnlampe, das Licht direkt auf mein Zelt gerichtet. Aufrecht sitzend im Zelt, die Hand an der Pfefferspray-Flasche wartete ich erst einmal ab. Das Licht flackerte hin und her, wanderte immer wieder in die nahen Bäume, dann wieder in meine Richtung. Minutenlang umkreiste der Nachtschwärmer einen Baum. Leuchtete die Kronen ab, krabbelte in den unteren Büschen herum und irgendwann verschwand er wieder. Ich schlief mit verständlicher Anspannung irgendwann ein und verlief sofort in einen tiefen Traum. Schlafe ich, erwache ich oder bin bereits wach? Ich finde mich nicht zurecht, wieder erwach ich durch Geräusche, versuche aus dem Schlaf zu erwachen, zu rufen, aufzustehen,. Wo bin ich? Ich kann aus diesem Traum irgendwie nicht erwachen. Ich liege im Zelt wie gefesselt und geknebelt und gerate in Panik. Was ist los? Alles erschien mir sehr real. Dann wirklich in Panik gelingt es mir die Augen zu öffnen, endlich den Unterschied von Traum und Realität zu erkennen. Mein Puls rast, die Gedanken jagen durch meine Gehirn, erleichtert schaue ich durch die Gazefenster in die, das Zelt umgebende, Finsternis und lasse mich von der Stille und der Dunkelheit beruhigen. Es blieb allerdings eine Nacht im Halbschlaf.

Die Nacht war früh zu Ende, denn die Sonne weckte mich bereits sehr zeitig. Morgentau hatte das Zelt arg durchfeuchtet und die Ameisen quälten mich weiterhin, trieben mich zu einem schnellen Start. Müde schob ich mein Rad auf die Straße zurück und war gedanklich immer noch bei meinem nächtlichen Traum.

Wieder auf der Strasse dauerte es nicht lange und ich musste, mich meinen Gedanken hingeben zu können, leider wieder die Headspeaker benutzen. Schnell erreichte auch die Sonne ihren Höchststand und die zunehmende Hitze zwang mich immer wieder in kurzen Abständen unter einem schattenspendenden Dach zu halten. Viel Wasser rann heute durch meine Kehle, kühlte meinen Kopf, Körper und das Gesicht.

Ein erster Versuch eine ausreichende Mittagsmahlzeit zu bekommen, glückte. Viele Speisen, die ich teilweise gar nicht gewählt hatte wurden von einem kleinem Mädchen auf dem Tisch serviert und natürlich, obwohl ich manche Sachen echt nicht essen konnte, auch berechnet. Ok, wir reden hier über 2,50 Euro.

Diesen burmesischen Brauch, zu einem gewähltem Gericht viele kleine Schalen mit Suppe, Gemüse, Kartoffeln usw. aufzutischen, lernte ich im Laufe meiner Reise durch dieses Land doch sehr zu geniessen. Und natürlich wurde eine leere Schale immer wieder nachgefüllt. Eine schöne Tradition um mit einer Vielzahl von kleinen Köstlichkeiten satt zu werden.

Gegen 14:00 Uhr und nach einem Blick auf die Karte entschied ich, den heutigen Tag in Hpa-An zu beenden. Schnell fand ich das Galaxie Motel, einigte mich nach einigen Verhandlungen mit der Chefin über den Preis, duschte, bummelte durch die Stadt und genoss das AC gekühlte Zimmer.

Der Verkehr auf den größeren Straßen ist mitunter arg nervig, ja gefährlich. Immer wieder werde ich von entgegenkommenden Autos an den Rand gedrängt. Werde ich zentimeterdicht überholt und vor Einmündungen ausgebremst, da die zuvor überholenden Lenker, dann doch noch abbiegen. Die Ansiedlungen an den Straßenkreuzungen bestehen lediglich aus ein paar Kneipen, einem Marktplatz und jede Menge Mobilfunk-Läden. Die Märkte sind armselig, dreckig und die Auswahl der Ware entsprechend eintönig.

Vor nicht allzu langer Zeit hat ja ein, mit Blödheit reich gesegneter Militär, den Rechtsverkehr eingeführt. Wie ich ja bereits anführte, fahren nun leider alle, wirklich alle, aber noch ihre alten Autos. Sitzen also auf der linken Seite. Können also nicht wirklich beim Überholen den Gegenverkehr sehen.

Mitunter ist es wirklich angsteinflössend, wie es auf den Strassen zugeht. Zumal ich denke, dass ja vorher wahrscheinlich auch keine verbindlichen Regeln eingehalten wurden, bzw. nicht vorhanden waren. Und so entwickelt sich nach den ersten Tagen das Gefühl, dass die Birmanen draufhalten, nicht anhalten, nicht nachgeben, wie die Thais, die Laoten, die Khmer. Eine differenzierte, asiatische Gewohnheit. Um diesen Streß aus dem Wege versuche ich immer wieder auf kleinen Straßen, auf Nebenstraßen auszuweichen.

So fahre ich über den gesamten Tag über kleine, teilweise einspurige Weg. Vorbei an ärmlichsten Hüten, Dörfern und Siedlungen. Die Menschen schauen erstaunt, aber auch verschlossen. Anders als in Laos. Keiner winkt, die Kinder schauen verstohlen in meine Richtung oder rennen zu ihrer Hütte. 8 Stunden sitze ich auf dem Rad und finde erst in tiefer Dunkelheit, nach einem nächtliche Schlammbad einen kleinen Stellplatz für das Zelt. Es ist nicht viel Platz für mein Zelt auf einem Weg, neben einem abgeernteten Reisfeld, hinter Schilfbüschen. Die Mücken fressen mich auf, stürzen sich in Milliarden auf mich. Immer noch ist es ziemlich warm, und doch muss ich mir lange Sachen anziehen, um in Ruhe mein Zelt aufbauen zu können. Kochen, essen, waschen fällt deswegen auch aus. Lediglich eine Flasche warmes Wasser gibt es an diesem Abend. Ich umkreise mein Zelt und stehe bis zu den Knöcheln im Schlamm und so sieht es im Zelt nach kurzer Zeit auch nicht sehr einladend aus. Bis Mitternacht wälze ich mich um meine Längsachse rotierend auf meiner Matte, dann läßt die Hitze etwas nach und ich treibe schweißgebadet, vor Dreck starrend in den Wachschlaf.

Zeitig erwachend, müde, mit Schmerzen in Knie und Beinen schleiche ich aus dem Zelt. Erst jetzt im morgendlichen Licht bemerke ich, dass ich doch ziemlich ungeschützt das Zelt aufgebaut habe und so dauert es auch nicht lange, dann steht, nachdem ich doch alles recht schnell abgebaut habe, der Bauer, der Eigentümer des Reisfeldes, im blühten weißem Hemd mit Wickelrock neben mir. Ein Gespräch ist wie immer nur mit Händen und Füßen möglich. Mich erstaunt immer wieder wie die Menschen es in ihrer ärmlichen Umgebung schaffen, mit so gepflegter, sauberer Kleidung, in diesem Fall einem weißen Hemd, bei den Schulmädchen schneeweiße Blusen, Jungen mit weißen gebügelten Hemden, unterwegs zu sein. Bei den wirklich ärmlichen Verhältnisse in den Dörfern, in den Hütten, muß es für weiße, gebügelte Hemden ein Zaubermittel geben.

Der Tag beginnt, wie immer in Asien, schon recht früh. Ab 06:00 Uhr sind die Menschen aus dem nahen Dörfern mit ihren Mopeds, Traktoren, Dreirädern, Karren oder auch zu Fuß unterwegs. Frauen fahren mit dem Rad und ihrer Ware zu den nahen Märkten. Männer auf, mit mindestens drei bis……Reissäcken beladenen Mopeds zum Großhändler und ab ca. 08:00 Uhr sind alle Kinder auf dem Weg zu ihrer Schule unterwegs. Von den Schulen gibt es in einigen Dörfern gleich mehrere und so erstaunt es mich anfangs, dass nicht alle in eine Richtung strömen. Alle Kinder tragen wie bereits erwähnt schneeweiße Hemden/Blusen. Die Jungen dunkelgrüne, wadenlange Wickelröcke, einige die Kleineren auch kurze grüne Hosen. Die Mädchen alle knöchellange ebenfalls dunkelgrüne, enge Röcke. Zu zweit, zu dritt sitzen sie auf klapprigen Rädern oder trotten schwatzend in Gruppen am Straßenrand entlang.

Am Nachmittag erreiche ich die Vorstädte von Yangon und der Verkehr wird sofort wieder mörderisch. Kolonnen von altersschwachen Bussen drängen sich an mir vorbei. Der Dieselsmog ist fast nicht zu ertragen. Meine Lungen schmerzen, in den Augen beißt der Qualm. Unter dröhnenden Dauerhupen verschaffen sich die Chaoten hinter dem Lenkrad für Sekunden Platz, um dann gleich in einem neuen Stau zu stehen. Rücksichtnahme, Respekt, Toleranz untereinander, fehlt gänzlich. Natürlich befinde ich mich mit dem Rad auf der untersten Stufe der Verkehrsteilnehmer. So dauert es auch nicht lange bis ich brutal in ein übles Schotterbett abgedrängt werde und mich massiv mit dem Busfahrer auseinandersetzen muss. Nachwirkend bewegt hat es sicher nichts bei ihm. Mir hat es vielleicht lediglich meine Knochen gerettet.

Am Ortsrand vor einer Brücken über einen Nebenarm des Irrawaddy-Deltas, fahre ich stur an der Mautstelle vorbei. Noch nie auf meiner Reise mußte ich Gebühren für die Straßenbenutzung bezahlen. Dies soll auch so bleiben. Leute rufen mir hinterher, ignorierend trete ich den Anstieg entgegen. Natürlich erwartet mich bald darauf direkt an dem anderen Ende der Brücke ein Polizist. Mir, seine Bettelnuss gammligen, roten Zähne zeigend, deutet er an hier geht es jetzt wirklich nicht weiter. Ok verstanden, ich brauche einen Plan. Ich fahre erst einmal die Touristennummer; …ich habe nichts gesehen, nichts bemerkt, habe keine Ahnung was er will usw. Stur zeigt er in die Richtung aus der ich gekommen bin und läßt partout nicht mit sich reden. Nachdem ich gefragt habe, wo denn eine andere Brücke zur Überfahrt wäre, zeigt er unbestimmt in eine ferne Richtung. „Och nö,“ da fahre ich jetzt ganz gewiss nicht hin und zeige wiederholt, stur sind wir jetzt beide, auf den Seitensteifen der Brücke. „Ich fahre da ganz dicht, vorsichtig und langsam entlang. Da sollte ich doch keinen behindern.“ Und wirklich, er dreht sich um schaut in die Richtung und winkt , so das ich fahren kann. Na dann nichts wie weg hier.

Das totale Verkehrschaos, verbunden mit beißenden Dieselsmog, begleitet mich von nun ab. Ich komme nur im Schlängelkurs voran. Von links nach rechts über die Spuren, zwischen den kreuz und quer stehenden Autos. Alles hupt, drängelt, nichts geht voran. Rücksicht wird auf niemanden genommen. Konnte ich in den vorherigen asiatischen Ländern noch sicher sein, dass die Lenker immer in letzter Minute anhalten, so ist dies hier, mehrfach erfahren/erlebt !!!! nicht der Fall. Um voranzukommen heißt das Motto Draufhalten und für mich, beiseite springen. In einer Seitenstrasse entdecke ich ein Bierlokal und ziehe kraftvoll die Bremsen. Das kalte, gezapfte Bier rinnt genussvoll, kühlend in mich hinein. Vor dem Lokal an einem Tisch komme ich mit zwei Italienern und einem Spanier ins Gespräch. Die drei Touristen sind völlig begeistert, viele Fotos werden gemacht und mir versprochen, dass ich ab jetzt ihr Held bin.

Nach einigem Hin und Her/Orientierungsschwierigkeiten, finde ich, der Betreiber läßt es sich gewinnbringend bezahlen, auch das Hostel, sauber, modern und freundlich. Essen beim Inder und dann falle ich auch schon todmüde ins Bett.

Gegen 10:00 Uhr erwache ich aus dem Tiefschlaf. Frühstück ist inkl. und so geniesse ich auch den dünnen Kaffee. Rangun, (offiziell Yangon) ist seit 2005 nur noch die Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Yangon-Division. Davor war sie auch Hauptstadt des Landes. Mit rund 5,21 Millionen Einwohnern in der eigentlichen Stadt und 5.998.000 Einwohnern in den angrenzenden Randgebieten, ist Rangun die größte Stadt und das industrielle Zentrum des Landes. Der Sitz der Regierung wurde nach Naypyidaw verlegt. Die ausländischen Vertretungen sind allerdings zum großen Teil in Yangon geblieben. Ich muß meine Weiterreise planen und in Erfahrung bringen, ob ich die Grenze zu Indien in die Region Assam überqueren kann. So mache ich auf den Weg zur Agentur „Exotic-Travel“ und erfahre, dass es im Augenblick nicht möglich sei auf dem Landweg über den einzigen, offiziellen Grenzübergang nach Indien zu kommen. Meinen Erfahrungen folgend, erkundige ich mich noch bei einigen anderen Agenturen, maile meine Fragen einer burmesischen Reisebegleiterin, und auch sie informiert mich, dass es im Moment einmal wieder keine offiziellen Festlegungen seitens des Tourismusministeriums gibt. Keiner weiß nichts bzw. nichts Genaues, oder hat noch nie davon gehört, dass dies möglich wäre. Schade.

Ok, ich finde mich damit ab, da ich es ja nicht beeinflussen kann. Es macht also keinen Sinn an die Grenze zu fahren und dann dort nicht weiter zu kommen. Nun folge ich doch meinen Plan B. Doch erst einmal gönne ich mir noch einen Bummel durch die  Stadt, besichtige die Shamo-Pagode und esse ausgiebig in einer Suppenküche. Am Abend sitze ich noch mit zwei Franzosen und Roberto aus Italien zusammen und quatschen über, nun ja, alles.

Sonntagmorgen und an solchen Tagen sollte ich immer aus Großstädten fahren. Vielleicht noch etwas früher aber der Tag ist super. Zu Beginn wenig Verkehr, wenig Stress und zügiges Vorwärtskommen. Meine Richtung ist nordwestlich, Richtung Mandalay. Von dort werde ich mich per Flug nach Nepal/Kathmandu begeben und dann Richtung Süden durch die Tiefebene Terai, an die indische Grenze fahren.

Lange fahre ich durch die Vorstädte von Yangon. Immer wieder an Sonntagsmärkten vorbei, an denen dann natürlich besonders viel Chaos auf der Strasse herrscht. Jeder bleibt stehen, wo es ihm gefällt bzw. es für notwenig hält, blockiert die Durchfahrt, der Rest hupt und erwartet, dass sich dadurch die Verursacher gemüßigt fühlen sich anders zu verhalten. Was diese, traditionell, naturell bedingt, nicht tun.

Später am Tage setzt dann auch für mich wieder der Stress ein. Dichtes Überholen, entgegenkommende, rasende Chaoten, Ausbremsen, und ein fast Unfall sind die Normalität. Wieder komme ich an diversen Polizeikontrollen vorbei. Die Männer blättern, von vorne nach hinten, dort angekommen wieder auf die erste Seite, nichts wissend, durch meinen Pass. Ich erfahre Polizeibegleitung auf der Straße, leider aber keinen Schutz vor den rasenden Chaoten. Vor Einbruch der Dunkelheit schlage ich mich in den nahen Wald und finde einen geschützten, geeigneten Platz für die Nacht.

Eine anstrengende Nacht im störenden Regen treibt mich früh aus dem Zelt. Ich fahre durch eine grüne Landschaft. Es erstaunt mich in wie vielen Grünschattierungen die Natur leuchtet. Gemächlich, noch ist es nicht allzu heiß, gehe ich die ersten Anstiege mit den Kehrtwenden auf dem Scheitelpunkt, an. Auf einer Passhöhe steige ich aus dem Sattel und schaue mich um. Vor mir liegt eine Abfahrt, unten in der Senke erblicke ich einen LKW, ein Auto und mehrere Menschen die durcheinander laufen. „Na der LKW wäre doch heute Morgen mal ein guter Schlepper,“ denke ich so bei mir und fahre schnell der Situation entgegen. Bereits beim Näherkommen erkenne ich das Geschehen. Ein Mann, eine Frau sitzen am Straßenrand, ein kleiner Junge schreit mit stark blutenden Bein, im Arm seiner Mutter. Im Graben liegt ein Moped. Ist das Moped gegen den auf der Straße stehenden LKW gefahren?  We ich es immer wieder erlebe, stehen die Menschen um die Unfallstelle herum und wissen nicht was zu tun ist. Sind oft mit der Situation überfordert.  Schnell renne ich zu meinem Rad zurück, greife mir meine Medizin-/Erste Hilfe Tasche und schnappe mir den Jungen. In Gedanken frage ich mich was passiert ist?

Dann erkenne ich die Ölspur in der Mitte der Fahrbahn, aus meinem Verbandspack verbinde ich erst die Wunden des Jungen, dann die Schürfwunden der Eltern. Der Kleine wimmert laut, wird von den Männern zum Aushalten angehalten, dann ist alles getan und ich setze meine Tour fort, schon an der nächsten großen Anfahrt hänge ich mich an den LKW der zuvor an der Unfallstelle gehalten hatte, vor der nachfolgenden Abfahrt bedanke ich mich bei dem Fahrer und brause bergab. Ärmliche Dörfer säumen den Weg, immer sind es Schilfhütten, stehe diese dicht an der Stresse, mitunter auch weit im Reisfeld, mit geducktem Dach. Ein anderer LKW überholt mich und der Beifahrer reicht mir eine halbe Flasche Wasser aus dem Fenster, besten Dank. Wieder steht der erste LKW am Straßenrand und der Beifahrer hält mir ein Seil entgegen, so zieht mich der LKW dreimal, immer wieder auf mich wartend, über die Berge. Erstaunlich wie großzügig der Fahrer nun doch ist, da bekomme ich wegen meiner Hilfe vielseitige Hilfe von den Menschen zurück. An einer Hütte bekomme ich sogar zwei Flaschen Wasser geschenkt, der Fahrer hatte wohl auch hier von mir berichtet.

Die Landschaft färbt sich in ein warmes Licht, Rotgold leuchtet der Horizont, alles ist sehr friedlich. Mit Einbruch der Dunkelheit finde ich dicht an der Strasse hinter einer dichten Hecke einen Platz für das Zelt.

Gegen Mitternacht wecken mich Licht, Geräusche, Stimmen nahe am Zelt. Einmal wieder sitze ich aufrecht im Zelt. Lücke durch das kleine Gazefenster in die stockdunkle Nacht hinaus. Versuche die Geräusche zu interpretieren, die Gefahr abzuschätzen. Leute steigen in ein Boot, planschen im Wasser, war da ein Fluss? Den habe ich nicht wahrgenommen, einmal stehen zwei Männern wenige Meter entfernt vor dem Zelt, leuchten in meine Richtung, kommen aber nicht näher. Sprechen leise miteinander. Immer noch sitze aufrecht im Zelt, das Pfefferspray in der Hand? Wieso haben mich die Leute entdeckt? Was habe ich im Dunkeln übersehen ? Dann endlich lassen die Geräusche nach, rudern die Leute den Fluss hinunter. Noch lange Zeit liege ich mit offenen Augen, gespitzten Ohren, in angespannter Konzentration auf meiner Matte. Irgendwann holt mich der Schlaf wieder in die Traumwelt hinüber.

Mit leichten Steigungen geht es weiter an der Küste entlang. Ich bin ziemlich platt, mir fehlt Kraft. Ich kann mich seit zwei Nächten nicht wirklich erholen, liege immer lange im Wachzustand, Schlaf suchend, in Schweiß gebadet, im Zelt. Schlafe immer erst irgendwie gegen 24 Uhr ein, dann wenn es etwas kühler wird. Früh weckt mich aber wieder die Sonne, um 6 Uhr ist die Nacht vorbei, es wird stechend heiß.

Mein Bargeld ist aufgebraucht. ZU spät habe ich registriert, dass ich in dieser Region keinen ATM finden werde. Die Orte sind klein, ärmlich und so gibt es auch keine Bank in der ich Geld tauschen könnte. Ok, 2-3 Tage könnte ich schon ohne Essen auskommen. Das bin ich gewohnt. Doch ich brauche trinkbares Wasser. Wasser bekomme ich auch an den Hütten, Haltestellen. Doch das ist oft Brunnenwasser und ich kenne nicht die hygienischen Verhältnisse um die Brunnen herum. Trotzdem muss ich das Risiko eingehen und mich mit dem Wasser an den Hütten begnügen. Hoffentlich ist es keimfreies Wasser, einmal giesse ich mir heissen Tee in meine Flasche. Den Durst stillt dies nicht wirklich. Quälend trete ich über die kleinen Anstiege. Die letzten 9 km sind sehr, sehr zäh, ziehen schwer am Hinterrad. Die Reifen kleben am Asphalt.  In den erreichten Orten gibt es wieder keinen ATM. Ich frage mich durch, habe Glück, finde eine Guesthouse und, noch einmal Glück, deren Inhaberin tauscht mir auch einige Dollar. Ja, meine Glückssträhne hält weiter an, denn ich finde eine gute Garküche und einen Touristen der mir auf Nachfrage ohne Probleme noch einmal 20 € tauscht. Na, dann werde ich auch noch zum essen eingeladen und finde alles wieder zu meiner Zufriedenheit geregelt.

Wieder ist es in den nachfolgenden Tagen sehr schwül, der rinnt der Schweiß in Strömen, aber ich habe wenigstens wieder alles was ich im Moment brauche. Einheimisches Geld, sauberes Wasser, kaltes Bier und sicher kann ich in den Nächten ausreichend, notwendige Kraft schöpfen.

In den frühen Morgenstunden mache ich mich jetzt immer auf die Straße. Es ist dann noch kühl, angenehm, ruhig auf der Straße. Auf langen, oft bergan führenden Straßenschlangenlinie geht es durch grüne Reisfelder, vorbei an kleinen Orten, kleinen Palmwäldchen. Durch Grün in allen Schattierungen. Entlang an Reisfelder in allen Reifegraden, in denen oft Bauern mit geduckten, gebeugten Körpern ihre Arbeit verrichten, nur die schattenspendenden Strohhüte lassen sie mich entdecken, finden.

In den Dörfern fahre ich immer wieder an den immer zahlreich vorhandenen Betelnuß-Stände vorbei. Der verwendete, gelöschte Kalk färbt das Holz, den Stand in fleckenweißen Farben, die Umgebung in einen roten Fleckenteppich. Die häufig verwendeten Gewürze wie Pfefferminze, Lakritze oder auch Kautabak werden durch Kauen im Mund direkt resorbiert und passieren rasch die Blut-Hirn-Schranke. Dieser Cocktail wirkt nicht nur gegen Ermüdung, meiner Erfahrung nach beeinträchtigt er auch die Reaktionsfähigkeit bzgl. der Wahrnehmung auf der Straße. Aktuellen Schätzungen zufolge kauen mehr als 450 Millionen Menschen. Der rotgefärbte Speichel landet dann in hohen Bögen aus dem schwarzumrahmten Mündern auf den Straßen, die Geschäfte gehen gut.

Immer wieder treffe ich auf Straßenbaukolonnen. Meist sind es Frauen die per Handarbeit diese Schwerstarbeit ausführen. Völlig verhüllt, sich damit gegen die Hitze auf der Straße schützend hocken zwischen den Steinhaufen, sammeln mit den Händen den Schotter in Flechtkörbe und schleppen diese dann zu den großen Schlaglöchern. Dicker schwarzer, beißender Rauch steigt von den Feuern unter den Teerfässern auf. Es ist auf dem Rad beim Vorbeifahren bereits unerträglich heiß. Die Männer stehen atemmaskenlos in dem Qualm, in unmittelbarer Nähe, schutzlos in der Hitze.

Prasselnder Regen weckt mich gegen 6 Uhr. Aus meiner momentanen Perspektive, aus dem warmen, weichen Bett, dem klimatisierten, angenehm temperierten Zimmer, klebe ich fest am Bett, drehe mich noch einmal um, wache erneut gegen 8 Uhr auf. Einige Tage zuvor hatte ich mir ziemlich schmerzhaft das Kettenblatt in einen Zeh gerammt. Nun versorge noch einmal die stark entzündete Wunde und setze mich im leichten Nieselregen auf das Rad.

Durch die leichte Bewölkung ist es angenehm kühl und so holpere ich über die schlechte Strasse weiterhin umgeben von Reisfeldern dahin.

Sonst alles easy, gleichbleibend leichtes Fahren, mit Essen am Mittag, vielen Pausen, wenig hupende Autos/Moped.

Bergauf, bergab und immer wieder durch kühle Niederungen. Dann über die ersten Höhenzüge und den Körper quälenden Schotterpisten. Die Anstiege sind nicht mehr fahrend zu nehmen da; a) meine Kraft mitunter nicht ausreicht; b) die Anstiege zu heftig sind und; c) das Profil der Reifen keinen Grip mehr finden. Also schieben, fahren, absteigen, schieben, aufspringen, fahren usw. Der aufgewirbelte Staub der LKW, Busse die die Pisten ohne Rücksicht entlang rasen, hüllt mich ein. Keiner hält an, fragt nach Hilfe, Wasser, sonst etwas. Das habe ich in Thailand, Kambodscha und Laos anders erlebt. Hier sind die Menschen doch mehr mit sich selbst beschäftigt. Fragt mich einmal einer nach meinem Weg, wohin ich unterwegs bin, stellt sich oft heraus, dass es Sicherheitsleute sind. Sie erkundigen sich nach meinem bisherigen Weg, nach meinen Zielen und telefonieren dann, melden mich Ihren Vorgesetzten. All das erinnert mich immer noch sehr an die Militärdiktatur.

Gegen Abend erlebe ich wieder ein Unfall. Diesmal wird ein kleines Mädchen umgefahren. Zuvor hatten mich die Typen rasend, dicht vorbeifahrend, überholt. Ich halte, helfe erst, versorge die Wunde. Viele Dorfbewohner stehen glotzend um mich herum. Dann entdecke ich auch die beiden Idioten und nehme sie mir verbal vor. Sie hören sich das mit gesengten Köpfen an, bewirken wird es sicher nicht viel. Die Menschentraube die mich umringt wird größer. Die Kleine sitzt auf dem Boden, weint und steht unter Schock. Wir setzen sie dann auf ein Moped und sie braust, wohl mit ihrem Vater vorerst versorgt, davon.

Es ist bereits stockdunkel, allerdings Vollmond und so fahre ich noch ein paar Kilometer und finde dann eine Abfahrt, runter an einen Fluß. Hole mir unter den Büschen kriechend, nasse Füße. Finde aber nirgends hinter den Hecken, eine Stelle für das Zelt. So taste ich mich im Dunklen wieder zum Rad zurück und bleibe oben auf dem Weg, auf einem Holzeinschlagplatz stehen. Routiniert ich der Dunkelheit das Zelt auf. Es ist spät, ich bin müde und es wird schon, wie ich mir immer einrede, für eine Nacht schon gut gehen. Kochen, essen fällt wegen „ habe nichts zur Verwendung“ aus.

VIER TAGE IM ERSTEN GANG 

Vom ersten Tritt am nächsten Morgen, geht es weiter bergan. Es folgen den ganzen Tag über Schotterpisten, löchriger Asphalt bergan und übelste Steigungen. Ich komme nur wenige Kilometer voran, muß immer wieder nach Luft ringend anhalten. Allerdings ist der Ausblick von dem Hochplateau auf die tief unter mir liegenden, grünen Täler schon sehr beeindruckend.

Wieder einmal finde ich für mein Zelt keinen Platz neben der Straße. Rechts geht es steil bergab. Links erheben sich die Wände der Felsmassive. Wieder fahre ich, in mich umhüllender Dunkelheit. Bin alleine auf der Straße. Gedanklich in ich bei den menschen, die auch unterwegs snd und doch ein Lager für die Nacht gefunden haben. Ich halte immer wieder an. Stelle das Rad ab. Schaue in die Dunkelheit neben der Straße. Suche hinter dem spärlichen Bezugs neben der Straße einen kleinen, geschützten, ebenen Platz für mein Zelt. Finden kann ich lange nichts. In der Finsternis, in einiger Entfernung erkenne ich Lichter. Halluziniere ich bereits? Ist das etwa doch noch eine Siedlung oder steht dort etwa ein Auto? Eine Polizeikontrolle? Langsam, immer wieder stehenbleibend, lauschend, komme den Lichtern näher. Aus der schwarzen Wand vor mir schält sich langsam die Silhouette einer einsamen Hütte. Kleine rote, grüne, gelbe, weiße Lichter hängen an einer Schnur unter dem Vordach. Rechts neben der Hütte sprudelt Wasser aus einer Felsquelle und eine Frau steht, Kleider waschend, über einen Kübel. Nichts ungewöhnlich, nur das bunte Licht irritiert mich irgendwie in dieser Einsamkeit. Die Bewohner haben mich nun auch entdeckt und laufen auf der Straße zusammen. Eine der Frauen, es sind nur Frauen und Mädchen, ruft, winkt mir zu. Ich halte am Straßenrand, steige aus dem Sattel, schaue mich um und denke; ich finde heute Nacht keinen anderen Platz mehr. Gefährlich kann mir hier eigentlich nichts werden. Es ist keine Kneipe, Trunkenbolde sind nicht zu sehen. So schiebe ich das Rad über die Straße und endlich geht mir nun auch ein „rotes“ Licht auf. Ich stehe vor einem Bordell. Umgehend werde ich von einigen, mir ihre Dienstleistungen anbietenden, Frauen umringt.  Meine Frage nach einem Nachtlager ohne Die angebotenen Dienstleistungen, diskutieren sie kurz untereinander aus. Ich möchte mein Zelt in einer Ecke des hinter der Hütte liegenden Hofs stellen. Doch das wird mir verweigert. Es könnte potentielle Kunden, die wohl noch erwartet werden, abschrecken. So wird mir in einer Reihe von nebeneinander liegenden Strohhütte eine am äußersten linken Ende zugewiesen. Zum Schlafen liegt eine Bastmatte liegt unter einen Deckenhaufen und nachdem ich mein Rad in die Hütte gewuchtet habe, entsteht für mich eine beschützende Enge. Schnell wasche mich ebenfalls am Brunnen, bekomme zwei Bier und verschwinde in meiner Hütte. Gegen Mitternacht kommt im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung auf. Bewegte Lichter wischen über den Hof. Scheinen durch die geflochtenen, löchrigen Strohwände. Männerstimmen, Gelächter der Frauen sind zu hören. Es ist tüchtig Bewegung auf dem Hof und in den Hütten. Im Halbschlaf dahin dämmernd, erhoffe ich mir bald ein Ende der geräuschvollen, nächtlichen Aktivitäten.

Um 5 Uhr ist die Nacht vorbei. Ich will weiter. Noch umgibt mich die Stille des frühen Morgens. Die Bewohnerinnen schlafen noch. Nur eine kleine, rückengebeugte, alte Asiatin schleicht fegend über den Hof. Ich packe wortlos meine Sachen, schiebe das Rad durch den Hof auf die Straße und bin kurze Zeit später hinter der nächsten Kurve aus dem Blickfeld der Menschen dieser Nacht verschwunden. Wieder um eine Erfahrung reicher, schiebe ich das Rad bald bergan. Ich schmunzle in mich hinein über meine Naivität. Es hatte ewig gedauert bis ich die Situation erfaßt hatte. Eine einsame Hütte mit bunten Lichtern, außerhalb einer Ansiedlung, eines Dorfes. Da kann jeder eigentlich schnell drauf kommen, was dort angeboten wird. Anfangs habe ich mich nur gefreut endlich eine Schlafmöglichkeit für die Nacht gefunden zu haben. Mich nicht gedanklich mit mit den Fakten beschäftigt. Sicher auch, weil diese noch nie in meiner Welt so vorgekommen sind. Aber gut, die Menschen waren freundlich und ich hatte irgendwann eine RUHIGE, sichere Nacht.

Die nächsten 7 Stunden bewege ich mich das Rad schiebend, mit rasenden Puls, nach Luft ringend,  bergan. Nur kurze, sehr kurze Tretintervalle sind möglich, unterbrechen die monotone Qual.

Mühsam, mit gesengten Kopf, die Augen auf die nächsten Meter vor mir gerichtet, schiebe ich die bis zu  24 % Steigungen voran. Übelste Spitzkehren, liegen vor mir. Weit über mir höre ich das Dröhnen der Lkws, die mich vor vielen Minuten überholt haben. Ich erahne was da noch vor mir liegt. Da ich früh unterwegs bin und oft noch im Schatten der Gipfel, auf der Westseite, bin geht es einigermassen mit der Tageshitze.  Immer wieder zerbricht meine Hoffnung, ich sollte es mit der Zeit eigentlich besser wissen, dass hinter einer Bergkuppe, einer Spitzkehre vor mir, selten der erhoffte Scheitelpunkt erreicht ist, mich erwartet. Oft sehe ich nun Stunden vorher, weit oben an dem Felshang, den vor mir liegenden, weiteren Weg. Ernüchternd, monoton, schweiß durchtränkt, oft im 90° Winkel, gefühlt in der Horizontalen, schiebe ich das Rad weiter.

So ich mein Gesicht vom Schweiß getrocknet bekomme, genieße ich die erhabene, grandiose Aussicht. Belohne mich mit einem 360° Rundumblick. Gegen 15 Uhr erreiche ich endlich nach 3 Tagen den Scheitelpunkt dieser Gebirgskette. 10 Pässe habe ich in den vergangenen Tagen überwunden. Die nachfolgende Abfahrt ist gefährlich. Es treibt mich aus einer Rechtskurve, lande im Kiesbett und bekomme im allerletzten Moment das Rad stabilisiert. Mein Blick konzentriert sich ausschließlich auf die Abfahrt. Zeit für die Landschaft, für einen Blick kann ich nicht riskieren. Ich rase talwärts. Minuten später ereilt mich noch einmal eine Extremsituation, kann ich einen Zusammenstoß mit einem Auto, starr vor Scheck, abwenden. Das Rad, meine Knochen, werden extrem beansprucht. Die Bremsbeläge sind runter. Ich höre Metall auf Metall knirschen.

Heisses Wasser für meinen morgendlichen Café bekam ich in einer Garküche und das Müsli mußte an diesem Morgen auch mit warmen Tee als Aufguss schmecken. In einer Ecke sitzend genieße ich diesen Morgen, die noch vorhandene Ruhe in dem kleinen Dorf. Nur leider dauert es nicht lange und schon stehen zwei Männer vor mir, bieten mir scheinbar ihre Hilfe an und fragen mich aus. Der Uniformierte hält sich erstaunlicherweise etwas zurück. Der Zivilist stellt sich als Polizist vor. Fordert meinen Paß, Antworten auf seine Fragen. Mir reicht es mit dieser scheinheiligen Hilfsbereitschaft. Barsch fordere ich den Ausweis des Zivilisten. Den könnte er mir jetzt nicht zeigen, er hat diesen nicht dabei. Aber er hätte sein handy dabei und darauf ist ein Foto von ihm in Uniform. Das müßte doch reichen. Erleichtert fange ich an zu lachen, schüttelt den Kopf, steige aufs Rad und fahre davon. Die beiden Wichtigtuer bleiben staunend mit offenen Mündern am Straßenrand zurück.

Magway, eine Großstadt erreiche ich am frühen Nachmittag. Wieder ist der Verkehr völlig chaotisch. Die Händler stehen mit ihren Warenständen direkt neben der Straße, der Verkehr kommt zentimeterweise voran.  Jeder will sich den weg frei hupen. Haltestellen gibt es nicht. die Busse halte an jeder noch so ungünstigen Stelle. Nur um ja einen zahlenden Kunden zu erwischen. Jeder behindert jeden und zwischen all dem Chaos bahne ich mir schutzlos meinen Weg.

Ab dem Nachmittag des nächsten Tages, säumten immer wieder riesige Affenbrotbäume wie eine Allee die Strasse. Mitunter haben sich die Menschen unter den riesigen Wurzeln ihre Hütten gebaut oder auch nur Stände für den Verkauf ihrer Waren eingerichtet. Das überdimensionalen Wurzel-/Ästegeflecht spendeten nicht nur mir Schatten. Bauern, Reisende und Händler sitzen grundentspannt im Schatten, warten auf….., was ist nicht erkennbar.

Viele Bienenstöcke stehen unter den Bäumen und ich sehe die Leute ohne jegliche Hilfsmittel an/in den Stöcken hantieren.

Ein herrlicher Morgen erwartet mich. Den schönen Schlafplatz der vergangenen Nacht verlasse ich mit einem angenehmen Start. Ein Knall, Aufprall reißt mich aus meiner Träumerei. Ich liege neben dem Rad mit blutenden Unterarm, hinter einem LKW, auf der Straße. Ein LKW hatte mich wieder einmal millimeterdicht überholt, war bedingt durch den Gegenverkehr, zu früh eingeschert und mich am Lenker erwischt. Diesen Cross konnte ich nicht mehr aussitzen, knalle auf die Straße. Der Spiegel ist völlig zersplittert. Der linke Lowrider ist nun endgültig gebrochen. Meine Schulter schmerzt. In den Schürfwunden spüre ich den Schotter der Piste.  Der LKW fährt unberührt davon. Menschen stehen am Straßenrand und glotzen, keiner hilft. Zum Glück sind so zeitig noch wenig Autos auf der Straße.

Mit schwerem Kopf erwacht ich nach einem komischen Traum. Irgendwie hatte ich darin die Glückseligkeit erreicht. War schwerelos und ja, überglücklich. Also eigentlich doch auch wieder wie jetzt in meinem Leben.

Die Piste verlief heute in leichten Wellen auf und ab. Immer wieder in Flussnähe verliefen die Landschaftswellen besonders steil. Die Seitenarme des Irrawaddy River sind allesamt komplett ausgetrocknet. Nach der Regenzeit für mich ziemlich erschreckend. Immer wieder sehe ich nur ein weites trockenes Flussbett. Die Landschaft ist dann auch komplett versandet und der Straßenasphalt endet jeweils vor den Ufern.

Ein Bauer und seine Familie versorgte mich zwischendurch bis zu meinem Abwinken, mit frischen, kalten und köstlichen Melonenstückchen.

Heute war einmal wieder ein Radler-Trefftag. Gegen Mittag kam mir ein Amerikaner, in modisch durchgestylten Outfit, entgegen. Ein komischer Typ mit weichem Händedruck. Lange hielt ich mich nicht bei einem Gespräch auf.

Uwe-Jens Lindner aus Deutschland. In Thailand gestartet

Ca. 3 km vor Myingyan raste mir dann noch ein deutsches Pärchen entgegen. „Huch, ihr seit aber schnell unterwegs“, so meine erste Ansage. Dieser Halt entwickelte sich allerdings zu einer schönen unterhaltsamen Unterbrechung für diesen Tag. Zusammen haben die Beiden bereits etliche Reisen mit dem Rad unternommen und interessierten sich für meine Route durch Myanmar.

Den Tag lasse ich mit einer Übernachtung in einem 20$ Hotel beenden, wohl auch das Einzige im Ort. Der ansonsten nichts zu bieten hat. Ein Besuch in einem Restaurant war ziemlich ernüchternd und frustrierend.

Der Verkehr zum Abend war sehr dicht und in den Städten entsprechend aggressiv. Laut hupende LKW/Busse, dahinjagende Mopedfahrer und viel Smog.

Auch Heute habe sich die Radlertreffen weiter fortgesetzt. Drei Briten kamen mir im Pulk entgegen und hielten für einen kleine Plausch. Schön war’s. So habe ich gleich noch eine Adresse für eine gutes Hostel bekommen. Immer wieder zwickte mich der Bauch, hatte ich ein Übergefühl und so habe ich mich lange nicht an Essen heran gewagt. Was war es diesmal nun wieder? Vielleicht die Melone vom Vortage? Bin mir nicht sicher.

Der Verkehr in Mandalay beansprucht wieder meine ganze Aufmerksamkeit. Natürlich war an der Peripherie wieder die Hölle los. Alles hupte und jagte seinem Ziel entgegen. Die letzten 12 km war die Strasse durch einen Mittelstreifen getrennt und beidseitig dicht durch Bäume überschattet. Viele Behausungen rechts der Strasse, aber auch auf dem Mittelstreifen hatten sich die Menschen eingerichtet.

Sogar einen Karton für das Rad habe ich im Hostel gefunden. Ja, den könnte ich nutzen, teilte man mir mit. Hat wohl jemand liegen lassen. Prima!

Dann suche ich erst einmal ein Hospital, hatte es PIEP versprechen müssen. Mit einer örtlichen Betäubung hat er mir dann den Nagel gezogen und die Wunde versorgt. Das ganze ging unter Beobachtung aller anwesenden, wartenden Patienten vonstatten.

Gekostet hat mich die Behandlung und zusätzliches Verbandszeug, 9.750 Kschat. Ein Witz.

Draussen habe ich dann einen Motorrad-Guide kennengelernt und der hat mich nach kurzem Hin und Her über den Preis, durch die Stadt zu einem Radhändler, zurück zum Hotel, zum Radhändler, zu einem anderen Radhändler, zurück zum Hotel, zur Bank, zu einer anderen Bank, wieder zum ersten Radhändler und dann wieder zum Hotel gefahren. Das ganze für 5.000 Kschat.

Am Nachmittag mache ich mich an die notwendigen Wartungs-/Reparaturarbeiten am Rad. Tausche nach 11.000 km wieder einmal das Ritzel, die Kette und wechsle das Rohloff-Öl in der Schaltung. Dann noch schnell das Rad verpacken und alles verlief wieder easy. Dann bin ich noch mit einem Israeli ins Gespräch gekommen und er hat mir von seinem Israel vorgeschwärmt. Lohnenswerte Ziele für eine Radtour benannt und so habe ich einmal wieder eine schöne neue Idee entwickelt. Eine Nord-Süd-Tour durch Israel.

Der Bauch zwickt immer noch, gegen Abend sogar etwas stärker, leichter Durchfall und beginnende Gliederschmerzen. Oh, oh nicht das es wieder ein qualvoller Flug, ähnlich Shanghai wird. Na noch habe ich ja fast drei Tage mich auszuruhen.

Eine fieberaustreibende Nacht liegt hinter mir. Um 7 Uhr raus, duschen, frühstücken und ab 9 Uhr ab auf eine Besichtungstour durch Mandalay mit vielen anderen Touristen an allen Haltepunkten, vielen Fotos und einige neuen Eindrücken.

23.11.2016 – 618. Tag Abflug nach Kathmandu. Ok, gepackt hatte ich bereits alles, das Taxi kam auf die Minute pünktlich und schnell war ich am Airport.

Nach einer endlosen Warterei, die sich zum Glück gelohnt hat, wurde ich dann mit meinem Übergewicht an Gepäck eingecheckt. Ich sollte 11US$ pro kg Übergewicht, davon hatte ich 20 kg, bezahlen. Puhhhhh, dachte ich, dass ist mal wieder heftig. Versuchsweise begann ich mal mit einer freundlichen Diskussion unter dem Aspekt, dass ich sonst immer nur 100 US$ bezahlen muss. Und siehe da, es klappte. Wir verständigten uns auf 110 US$. Schnell bezahlte ich den Betrag in bar und schlenderte davon. Leider wird allerdings das Gepäck nicht durchgecheckt, so das ich bei einer Zwischenlandung in Kunming (China) noch einmal in die Zwangslage komme, mein Gepäck neu einzuchecken. Na mal sehen wie es dort klappt.

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