Namibia

17.12.2016 – 27.01.2017 / 642. – 683. Tag

Nach zwei Tagen, einer Nacht in Doha erreichte ich ziemlich fertig Windhuk. Obwohl ich in Doha kostenlos von Qatar eine Hotelübernachtung erhalten hatte, war es doch mit dem Magenprobleme nicht einfach die Reise zu bewältigen. Egal, ich habe das Gefühl im Paradies angekommen zu sein. Es herrscht eine wohltuende Ruhe am Airport. Die Reisenden sind insgesamt freundlich und so setze ich mich erst einmal in eine Ecke außerhalb der Ankunftshalle und hole tief Luft. Atme saubere Luft und wälze mich in dem mich umgebenden Wohlfühl-Kokon. 

Windhuk begrüßte mich mit 36 Grad und viel Wind, egal. Nach und nach legt sich meine Anspannung. Beantworten sich ein Großteil meiner Fragen – Wie wird Afrika? Was erwartet mich in Namibia? Wie ist es hier mit dem Rad unterwegs zu sein? – wie von selbst. Ich blickte seit langer Zeit endlich wieder in offene, freundliche Gesichter. Seh Menschen die lächelten. Das tut schon einmal sehr gut. 

Die Einreise stellte keine Probleme dar. Ich erhalte ein 3 Monatsvisum on Arrival. Niemand durchwühlt mein Gepäck, niemand begegnet mir mit finsteren Blicken. Schnell montiere ich, diesmal ja ohne Kartontransport und alles ist heil geblieben, das Rad. Bis auf eine Delle im Querrohr scheint auf den ersten Blick alles schadenfrei und nach einigen Kilometern auch alles funktionsfähig zu sein. 

Meine beiden Lieblingsschweizer Jeanette & Werner haben mir vor einigen Wochen bei einer Autovermietung ein Paket aus Deutschland hinterlegt. Schnell finde ich nun die Niederlassung der Autovermietung und freue mich auf die notwendigen Ersatzteilen. Vielleicht auch noch eine Überraschung von Piep. Dann mache ich mich auch schon auf in Richtung Windhuk und wie schön ist das denn auf einer super asphaltiert Strasse, ohne nervende, rücksichtslosen Autoverkehr und mit Rückenwind dahin zu flitzen. In langgezogenen sachten Anstiegen und mit nachfolgenden Abfahrten mit 50 km/h geniesse ich die Strecke. 

Die Profile beider Reifen sind seit langem so ziemlich runter und so ist es nur eine Frage der Zeit bis sich ein Stein/Dorn durch die dünne Decke bohrt. Ok, mein erster Platten in Afrika. Macht nichts, jetzt ist nur Entspannung angesagt. Ich setze mich in das Gras am Straßenrand und denke gelassen über die Reparatur nach. Leider bricht dann auch der Ventilansatz der Luftpumpe. Glück im Pech, da ich mehrere Schläuche mit unterschiedlichen Ventileinsätzen dabei habe. Auch dieses Geschehen bringt mich nicht aus meiner Ruhe. Ich bin in einem zivilisierten Land mit freundlichen Menschen. Die namibische Landschaft nimmt mich von den ersten Metern für sich ein. Müll, Dreck, Abfall ist so gut wie nicht zu sehen. Keine offene, qualmende Feuer, kein unmittelbares Elend. Das wenige Hupen interpretiere ich als Begeisterung für meine Fortbewegung, denn die aus den Autofenstern Winkenden, lassen nicht anderes zu.

Windhuk erreichte ich nach zwei Stunden und gönnte mir an der ersten Tankstelle erst einmal in gelebter Tradition, einen kleinen Imbiss. Im Chameleon-Hostel sind leider alle Betten ausgebucht. Meine Buchungs-Email haben sie nach eigener Aussage nicht erhalten.  Aber die Leute sind um eine Lösung bemüht und so schlafe ich die erste Nacht erst einmal in meinem Zelt. 

Ein Österreicher im Nebenzelt nimmt mich mit zu einem angeblich, deutschen Stammtisch. Ok, dachte ich vielleicht treffe ich interessante Leute und erfahre einige Insider-Tipps. Mir begegnen aber, ja schon komische Charaktere. In meiner ersten Einschätzung fast alles gescheiterte Existenzen, diese Deutsch-Südwest-Afrikan. Alle mit vom Alkohol mehr oder weniger gekennzeichnete Gesichter, aufgeschwemmten dicken Bäuchen und schrägen Ansichten. Alle natürlich mit jungen, afrikanischen Frauen unterwegs. Nun ja, jeder lebt nach seinen Ansichten und einige interessante Dinge erfahre ich auf Nachfrage doch, und das Bier schmeckt auch mir. 

Die Nacht verlief regenreich und mein Frühstück war gut und ausreichend. Der Magen-/Darmtrakt grummelt noch heftig und ich habe mir vorgenommen nicht eher zu starten bis dieser Bereich wieder völlig in Ordnung ist. Jetzt geschwächt auf Strecke zu gehen ist wirklich nicht klug. Die Hitze wird mir noch einiges abverlangen. 

So ist Heute erst einmal Sonntagsruhe angesagt. Die Geschäfte haben eh geschlossen und ich entspanne.

Immer noch grummeln es in meinen Verdauungsorgane und zunehmend fühle ich wie mein Körper gegen etwas in ihm ankämpft. Da werde ich wohl mit Ruhe, Regeneration und ein bißchen Medizin nachhelfen müssen, um schnell wieder kraftvoll meinen Weg zu fahren. Also starte ich am Montag meine Einkaufstour. Ich brauche eine neue Luftpumpe, Tabletten, Shampoo, Sonnencreme und Lebensmittel für unterwegs und für den Abend. 

Für die erste Etappe der Tour nach Swakopmund brauche ich Müsli, Konserven, Nudeln und jede Menge Wasser. Lange habe ich mir die asphaltierte Strecke und die alternative geschotterte Route an den Atlantischen Ozean auf der Karte angesehen. Vor- und Nachteile, Risiken und Streckenprofile verglichen. 

Es dauert dann auch weit länger im Vergleich zu den täglichen Startvorbereitungen bis ich das zusätzliche Essen, das Wasser und die anderen Sachen auf und u das Rad herum, verstaut habe. Mehr geht nicht. Alles in Allem wohl 15 kg zusätzliches Gewicht, die ich über die Straße, an mein Ziel, durch die wüstenähnlichen Gebiete des Namib-Naukluft National Park, bringen muss. 

Leider bin ich an diesem Morgen erst um 9 Uhr losgekommen. Das war, wie sich später herausstellen sollte, schon mal der erste Fehler. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und spendete unbarmherzig afrikanische Hitze. Die ersten 50 km ließen sich auf glatten Asphalt bei wenig Verkehr wunderbar fahren.  Allerdings endete dieser Komfort dann abrupt. Weiter ging es ab jetzt auf einer Schotterpiste, die mir von den ersten Meter durch die mittelgroßen Schottersteine, Tiefsand und die Querwellen viel Kraft kostete. Immer wieder geriet ich in tiefen Sand, musste das Rad mit Körperbalance irgendwie auf einigermassen festen Boden zurück bringen. Immer wieder raubten mir die Steigungen auf dem Schotter die Kraft, ließen diese Steigungen meinen Puls ins Unendliche steigen, schmerzten meine Lungen von der trockenen, staubigen Luft. Mein Hals schmerzte mit zunehmender Tageszeit, da mit jedem Atemzug die heisse Luft jegliche Feuchtigkeit im Rachenraum eliminierte. Radtouring war das nicht, eher Rad-Vorwärst- Schiebung.

Immer wieder musste ich runter vom Rad, schiebend die Anhöhe bewältigen. Auch in kleinen Gängen fahren war nicht effektiv, da das Hinterrad auf dem losen Untergrund keinen Trip fand und immer wieder durchdrehte. Natürlich fehlte mir auch irgendwann die Kraft auf dem Untergrund, in der Hitze und mit geschwächter Kondition, die Steigungen zu bewältigen.

Einmal hielt ein Auto, eins von dreien an diesem Tag. Der Fahrer starrte mich ungläubig an, reichte mir aber trotzdem eine Flasche kaltes Wasser hinaus. Kopfschüttelnd, nachdem ich ihnen erzählt hatte wo mein Ziel liegt, fuhren sie weiter.

An einer kirchlichen Stiftungsstation fand ich noch einmal einen freundlichen Menschen der mich mit kaltem Wasser versorgte. Ich füllte alle meine verfügbaren Flaschen auf, hatte nun um die 9 Lieber Wasser am Rad. Doch die zugeführten Erfrischungen verdunstete in mir, so wie ich diese trank. 

Den ganzen Tag über hatte ich bei afrikanischen Hitze nur einen Gedanken. Wo bekomme ich noch sauberes Wasser her. Ich füllte mich zunehmend wie durch einen Backofen gezogen. Fühlte mich völlig kraftlos. Umgeben von Hitze, Staub, Wüste, einem endlos erscheinenden Steinmeer versuche ich am späten Nachmittag an einer Viehtränke aus einem Tiefbrunnen Wasser zu bekommen. Aus dem Bohrloch kommt ein dicker Schlauch, der dann in meterlangen Schlangen auf dem Boden liegt. Das darin enthaltene Wasser ist kochend heiß. Damit kann ich so schwer etwas anfangen, denke ich bei mir. Finde einen Elektrokaten etwas abseits vom Brunnen und schaffe es die Pumpe in Gang zu kriegen. Leise höre ich in der Tiefe die Pumpgeräusche. Doch nachdem ich das brühend heisse Wasser aus dem Schlauch abgelassen hatte, kommt kein Wasser mehr. Verstummt die Pumpe. Was ist denn nun los? Verdammt wieso kommt jetzt kein Wasser mehr? Ist der Brunnen trocken? Enttäuscht mit leeren Flaschen mache ich mich wieder auf dien Piste. Keine gute Situation denke ich. Ich brauche unbedingt vor der Nacht noch Wasser, sonst kann ich mich nicht wirklich erholen, regenerieren. Nein, meine Wünsche erfüllen sich nicht. Ich finde keine weitere Wasserstelle. Keine Farm, keine Viehtränke mit einem Windrad. 

 

Die Nacht verbringe ich inmitten der Wüste. Kraftlos, völlig am Ende baute ich auf den Knie kriechend das Zelt auf, muß mich immer wieder ausruhen. Mache noch ein Feuer, doch mir fehlt die Kraft zum Kochen. Ein wenig trockenes Brot und die Büchse Fleisch, mehr bekomme ich, trotz Magenschmerzen, Entkräftung und leichten Fieberschüben, nicht runter. Irgendwann krieche ich ins Zelt. Falle einfach auf meiner Matte um und in einem unruhigen Schlafzustand. Wo bekomme ich Wasser für Morgen her? Warum bin ich so platt? Wogegen kämpft mein Körper? 

Es war erschreckend still in der Nacht. Die Stille weckte mich einige Male und ich lauschte in die Dunkelheit. Wohl auch mit dem Gedanken, ob mich hier umherstreifende Raubtiere aufspüren und ich in Not gerate. Das ich aus einem anderen Grund bereits ein wenig in Not war, kam mir bewußt noch nicht in den Sinn. 

Um 6 Uhr machte ich mich, noch immer nicht wirklich fit, aus dem Zelt. Die Sonne schob sich gerade über den Horizont. Verdammt zu spät, dachte ich. Der zweite Fehler. Aber ich war noch immer völlig breit und nach den gestrigen 10 Stunden Qual brauchte ich den Schlaf, die dringende Erholung. 

Schnell Milchpulver in kaltes Wasser auflösen, Müsli runterwürgen und dann vorsichtig zurück auf die Piste. Die Schlangengefahr schien mir extrem groß. Unter den zahlreich umherliegenden Steinen und bei der morgendlichen Frische vermutete ich die Gefahren.

Nach zwei Stunden kommt mir das erste Auto an diesem Morgen entgegen. Mit einer leeren Flasche winkend, signalisierte ich mein Begehren. Der Fahrer stop und geklärt mir, dass er kein Wasser dabei habe. Für mich in meiner Situation unverständlich und katastrophal. Doch informiert er mich noch, dass wohl in 15-20 km ein Brunnen kommt. Ok, dann weiter.

Nach 10 km komme ich an einem Gebäude vorbei, stelle das Rad ab, öffnete das Gatter und schaute mich nach Wasser um. Alle Türen, Luken und Fenster sind verschlossen. Die außenliegenden Wasserzapfstellen sind abgestellt und/oder ausgetrocknet. Niemand ist auf dem weitläufigen Gelände oder auch in der Umgebung zu sehen, zu finden. Zwei grosse Wassertanks weit hinten am Rand des Zaunes erregten dann doch noch meine Aufmerksamkeit. Mein Rad steht weit vorne am Zaun, da wird ja wohl nichts passieren und so bewege ich mich, immer wieder umschauend, auf die Wassertanks zu. An einem kann ich ein Ventil öffnen und tatsächlich Wasser fließt aus. Eine erste Geruchsprobe, ok! Man hat mich schon zuvor vor Wasser aus diesen Tanks, wenn sie offen sind gewarnt. Mitunter fallen bei Saufen Affen von oben in den tank, können nicht mehr raus und ertrinken. Dann verwesen die Tiere auf dem Grund der Tanks und verseuchen so das Wasser. Mhhhh, also nach verwesten Affen riecht das Wasser hier nicht! Allerdings habe ich auch noch nicht viele Erfahrungen mit verseuchten Affenwasser machen können.  Also zapfe ich mir meine Flaschen voll, schütte zahlreiche Mikropur-Tabletten rein und hoffe das es dadurch genießbar wird. Die Trübung ist allerdings etwas wunderlich. Nun ja, am weniger Guten das Positive erkennen. So lautet mein Motto. Schlechtes Wasser ist besser als kein Wasser. Magen-/Darmverstimmungen ertragbarer als zu Verdursten.

Wieder am Rad verstaue ich die zahlreichen Flaschen irgendwie am Rad, auf den Taschen und kämpfe mich, auf der nicht besser werdenden Piste, weiter voran. Kein Kilometer ohne mindestens zwei zermürbende Steigungen. Immer wieder weicher Sand. Selten kann ich den Schwung abwärts nutzen, um den dann folgenden Anstieg mit Unterstützung zu erklimmen. Jetzt einen Sturz kann ich nicht riskieren. 

Am späten Vormittag ist dann mein Akku grundentleert, sind alle Reserven aufgebraucht. An einem Hang sacke ich auf die Knie und blicke über mein Rad in die gnadenlose, hoch am Himmel stehende Sonnenscheibe. Ich finde einen kleinen, etwas Schatten spendenden Baum und lege mich, alle Gefahren ignorierend, in den staubigen Pistenrand. Ausruhen, nachdenken, etwas erholen, diese Gedanken surren durch mein Hirn. Irgendwann meldet mein stechendes Hirn, mein sonnenschmerzender Kopf wieder in der Gegenwart, der Realität zurück: „ Wenn Du jetzt keine Entscheidung triffst, geht das hier nicht gut aus.“ 

Und ich treffe eine Entscheidung. Egal aus welcher Richtung das nächste, herbei ersehnte Auto kommt, halte ich den Daumen hoch. So bleibe ich im Schatten liegen und lausche. Nach einer Stunde höre ich das Donnern eines näher kommenden Jeeps. Müde, entkräftet stelle ich mich an den Rand der Piste, trete aus dem Schatten und hoffe auf Hilfe. Ein freundlicher, hilfsbereiter Farmer hält und versichert mir ohne lange Fragen seiner Hilfe. Das Rad und die Taschen sind schnell auf der Pritsche verstaut und so sitze ich im nächsten Moment im kühlen, über die Piste rasenden Pickup, in Richtung Windhuk. 

Zurück im Chameleon-Backpacker, in der Zivilisation, am Pool, an der Bar, in Sicherheit bin ich wirklich maßlos erleichtert.

Nun kenne ich meine Grenzen, weiß das auch mein Akku irgendwann leer sein kann. Jetzt ist es soweit, dass ich völlig entkräftet, schmerzdurchflutet, rückblickend, die gefährliche Situation, alleine mit dem Rad im Sommer durch die Wüste zu fahren, realisiere. Mein Körper sendet mir unentwegt Signale. Ich muß, soll Pause machen. 

In den kommenden Tagen bricht nun endgültig das Fieber in meinem Körper aus und so muß ich nun wirklich einmal die Sache mit Antibiotika behandeln. Was habe ich mir denn da noch in Indien eingefangen? Ist es wirklich nur die Entkräftung oder wirklich eine Infektion? Und gegen welche Viren kämpft mein Körper? Wehrt sich mein Immunsystem? Kurz denke ich darüber nach ins Krankenhaus zu gehen und einen Bluttest zu machen. Doch dann entscheide ich mich, erst einmal die Wirkung des Antibiotika abzuwarten. 

An einem Ausflug nach Katutura-Township, den die Hostelbetreiber organisieren, nehme ich trotzdem teil. Für die Kinder nehmen wir Obst, frisches Gemüse und Brot mit. Die Freunde bei den Betreuerinnen und den Kindern ist riesig. Alles wird trotz des großen Ansturms und der Aufregung bei den Kindern, gerecht verteilt. Es soll nicht die übliche Menge an Kindern anwesend sein. Für mich ist die vorhandene Schar aber schon erschreckend groß genug. Ca. 100 Kinder wuselten um uns herum, sonst sind es wohl um die 600 !!! Die Armut ist groß im Township und die Eltern kümmern sich wenig um die Versorgung der Kinder. Einige der Kleinen, so erfahre ich, sollen auch Waisen sein und sich alleine in dem Hüttengewirr rumtreiben. 

Einigen sieht man das Elend, in dem sie gezeugt und aufgewachsen sind, schon sehr an. Wieder zurück im Hostel denke ich noch lange über diese Begegnung nach und bin traurig, dass es trotz des Reichtums in der Welt, immer noch soviel Kinder gibt, die ihre Kindheit nicht genießen können.

Weiterhin spüre ich, dass sich mein Körper gegen irgendetwas wehrt. Ggf. muß ich doch mal einen Arzt aufsuchen.

Die Weihnachtstage verbringe ich im fünf Stunden Rhythmus zur Tabletteneinnahme mehr im Bett als am Pool. Das Positive dabei, mir geht es zunehmend besser. Ich spüre wie die Kraft in meinen Körper zurückkehrt. Das der Plan zur Fortführung meiner Reise mich erneut motiviert.

Die Augenschmerzen lassen nach. Die Fieberschübe sind vorbei. Lediglich schmerzt noch ein wenig die Oberfläche meines Kopfes, genauer die Fläche die mit Haaren bedeckt ist. Ist das ein Hinweis zum Friseur zu gehen? Doch da war ich doch gerade in Kathmandu?! Die starken Nackenschmerzen haben auch nachgelassen und ich hege die Hoffnung, dass ich mich bald wieder auf den weg machen kann. 

In den letzten Tagen ist ein neuer Plan entstanden. In den zurückliegenden 22 Monaten habe ich ca. 44.000 Kilometer mit relativ wenig Pausen zurückgelegt. Ich bin im Winter in Deutschland gestartet und ab Iran eigentlich, mit wenigen Ausnahmen, durch sommerliche Regionen, Länder gefahren. Jetzt ist es doch einmal Zeit, dass ich mich etwas länger an ein „Power-Akku-Ladegerät“ hänge. Ich werde mir einen Camper mieten und die kommenden 11 Tage mit diesen durch den Süden, an die Küste und in den Etoscha National Park reisen. Es erscheint mir nach dem Zusammenbruch in der Wüste sinnvoll, jetzt nicht schon wieder gewaltige Strecken durch wüstenähnliche Gebiete im namibischen Sommer mit dem Rad zu bewältigen. Auch wenn es für mein Ego nicht ganz einfach ist, ich werde mich jetzt für einige Tage einmal mit einem motorisierten Fortbewegungsmittel auf den Weg machen.

Die nächsten 11 Tage sind Entspannung pur. Ich habe alles on Board, komme kräftesparend in den Süden, ans Meer und in den Etosha. Meine Ziele sind die Sossusvlei-Dünen, der Fish River Canyon, Naukluff Park, die Skeleton Coast und natürlich der Etosha. Da sind große Entfernungen zurückzulegen und das oft durch eine Nichts aus Sand, Geröll, wenig Gegenverkehr und grandiose Landschaften. Dabei gibt es insgesamt wenig asphaltierte Straßen. Der überwiegende Teil der Verbindungen zwischen den wenigen Orten besteht aus Schotterpisten, Gravel Roads. Fit bin ich noch immer nicht. Das leichte Fiebergefühl ist nach wie vor da. Na es wird mal schauen.

Am 31.12.2016, den 656. Tag meiner Reise komme ich gegen Abend, nach langen 122 km Wüstenfahrt in Klein Aus Vista vor Lüderitz, an. Leider ist der Zeltplatz ausgebucht, doch da es in Namibia nicht üblich ist, Leute am späten Nachmittag wegzuschicken, suchen die Betreiber lange nach einer Lösung. So bekomme ich einen Platz hinter dem offiziellen Campground zugewiesen. Ich habe keinen Wasseranschluss, keinen Stromanschluss oder sonst was, aber einen Platz allein in völliger Stille und später in rabenschwarzer Dunkelheit einem grandiosen Sternenhimmel. Silvester, nicht meins! Ich gehe um 22 Uhr schlafen.

2017

Neujahr und alles bleibt wie es ist. Viele Nachrichten von Menschen die mich seit langem durch ihre übermittelte Aufmerksamkeit begleiten. Keine Nachrichten von Menschen von denen ich eine erhofft hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Am 666. Tag, den 10.01.2017, setze ich mich wieder aufs Rad und fahre so das zweite Mal aus Windhuk. Diesmal allerdings nicht wieder über die Piste C28, sondern über die B1 in Richtung Okahandja. Diesmal geht es kraftvoll über eine schöne Strecke mit ebenen Verlauf und wenig rücksichtslose Autofahrer, denn dafür soll Namibia bekannt sein. Doch so schlimm wie in dem letzten Land meiner Reise kann es gar nicht sein. Zu meinem Schutz und für ein ruhiges Verbleiben auf der Straße habe ich mir noch einen Warnabstandhalter an die rechte hintere Seite meines Rads gebaut. Ich hoffe, dass der große, weit leuchtende Signalwimpel mir die all zu dicht überholenden Autofahrer vom Leib hält.

Einige kleine Anstiege auf langen geraden Strecken gilt es zu überwinden und bis zum Mittag wird es nicht wirklich heiß. Ich versuche am Morgen mit dem Frühstück, so mein Rhythmus, erst einmal recht viel zu trinken. Nach ca. 2 Stunden brauche ich dann aber doch Wasser und fange immer nur mit drei kleinen Schlucken, zu trinken an. Der Mund trocken dann mit dem frischen Wasser schneller aus, verlangt so nach mehr Wasser. Die Schlucke, ich versuche mich an den dreier Rhythmus zu halten, werden allerdings zunehmend größer. Ich muß auch hier sparsam mit meinem Wasser umgehen. Die Strecken zwischen den Wasserstellen sind sehr groß und ich muß es unbedingt vermeiden, wieder in ein tiefes „ KEIN WASSERLOCH“ zu stürzen. Noch ist aber alles im Rahmen. Ich habe jetzt 6 Liter Wasser am Rad und damit versuche ich, mit einer kleinen Reserve, über den Tag auskommen. Natürlich muß ich dann gegen Abend etwas zum Auftanken finden. Heute ist es ein Campplatz für 75N$ auf einem Farmgelände dicht an der Straße und schön, auch ein kaltes Bier ist möglich. 

Wieder fängt es, begleitet von Donnergrollen, zu regnen an. Allerdings ist es nur ein spärliches Gewitter. Sonst ist alles ruhig und angenehm. Unweit von meinem Zeltplatz ist ein Eselgatter und immer mal wieder schreit der Eselhengst herzerweichend nach seiner Eselstute. Pferde laufen träge durch den Sand, verstecken sich dann aber schnell wieder unter einem schattigen Baum.

Auf dem Weg nach Otjiwarongo geht ein gewaltiges Gewitter über mich hinweg. Es krachte unglaublich und grelle, lange Blitze durchfahren den tiefschwarzen Himmel. Unglaublich wie klein ich mich in all dem Chaos fühle. 30 m neben dem Zelt schlug der Blitz in einen Baum ein und mit lautem Getöse kracht eine Baumhälfte zu Boden. Ich liege in meiner kleinen Zeltbehausung, nein ich sitze eher aufrecht und hoffe, daß das Himmelschaos an mich vorüber zieht. 

Am frühen Morgen mache ich mich zurück auf die Strasse. Noch ist es angenehm kühl, der Wind kommt aus der richtigen Richtung und so geht es wieder richtig zügig voran. Schnell spule ich die Kilometer bis Otayi runter. Schnell finde ich ein Guesthouse und schnell kann ich im nahen Superstar einige Dinge zum Essen kaufen. So schlafe ich nun im Guesthouse und sorge mit gutem Essen für gute Laune.

Nicht zu glaube in Afrika, aber es regnet den ganzen Tag ununterbrochen, mal als Nieselschauer, mal wie aus Kannen und auch aus Kübeln. Immer wieder einmal, wie so oft auf nassen Strassen, setzen mich vorbeifahrende LKW’s völlig unter Wasser. Dies geschieht nicht wirklich aggressiv, eher gedankenlos, denn einige sind auch echt rücksichtsvoll und machen, so es möglich ist, einen großen Bogen um mich. Anders allerdings einen Tag zuvor, als ein hirn- und rücksichtsloser Kleinbusfahrer meine „Begrenzungs-Warnflagge“ abfährt. Wieder einmal muß ich ins Schotterbett ausweichen, um so einem Crash zu entgehen, mich zu retten. Glücklicherweise gibt es von diesen Rücksichtslosen Lenkern wirklich sehr wenige auf diesen Teil meiner Reise. 90 % sind aufmerksam und dafür „Danke Afrika“.

Ansonsten liess sich die Strecke gut fahren. In Otavi im zweiten Anlauf ein Hotel gefunden, da ich doch ziemlich durch war. Der erste Hotelbesitzer, er hatte die meisten Schilder am Wegesrand aufgestellt, erwies sich als totales Ar….loch. Wahrscheinlich deswegen auch die vielen Schilder!? War total patzig, unhöflich und wollte mir das Wort verbieten. Eine Ansage später war ich dann wieder auf der Strasse und habe mir ein anderes Hotel gesucht. Es regnete weiterhin und auch heute war ich arg durch und verfroren. Das in AFRIKA !!!

Der Vormittag verlangt bei mittleren Gegenwind etwas mehr Krafteinsatz als in den vergangenen Tagen. Zum Ausgleich zeigt sich die Strecke sehr abwechslungsreich und reizvoll. Die Straße führt rechter Hand um Stunden entlang einer eindrucksvollen Gebirgskette, leider auch nach Orientierungssuchen für mich unbekannten Namens. Gegen Nachmittag fahre ich dann genau, in eine sich vor mir abzeichnenden Gewitterfront, hinein. Dunkle, rabenschwarze Wolken tauchen den gesamten Horizont in Tiefschwarz. Bald durchzuckten erste, gewaltige Blitze die schwarze Wolkenwand. Das wenige Sekunden nachfolgende Donnern kündigte ein starkes Gewitter an. Ich zähle die Abstände zwischen Blitz und Donner, und die Sekunden werden weniger. Dann zucken die Blitze und rollt der Donner ohne zeitlichen Abstand und ich stehe Mitten in dieser Naturgewalt, alleine ohne nennenswerten Schutz. Nicht gut für mich jetzt auf der Strasse alleine unterwegs zu sein, gent es mir durch den Kopf.  Ich habe das Gefühl, die Welt bricht über mich zusammen. Dicke, schwere Regengüsse knallten mit gewaltiger Wucht auf mich nieder. Schwere Regentropfen schmerzten auf den ungeschützten Hautpartien. Auf den Händen und im Gesicht. Binnen Sekunden bin ich völlig durchnäßt. In den Ärmeln, in den Taschen meiner Regenjacke, sammelt, staut sich das Wasser. Meine Schuhe laufen voll und das Wasser quellt aus ihnen heraus. Die Straße gleicht einem reißenden Fluss. Der Asphalt und angrenzendes Land stehen komplett unter Wasser. Den Rest an einer trockenen Faser nehmen mir dann die vorbei rasenden LKW’s. Diese Fontänen lasse ich mit gesengten Kopf, geschlossenen Augen und Mund, dann einen Schrei ausstoßend über mich hinweg gehen.

Keine Hütten, keine Bäume. Im weiten Nichts war ich ein offenes Ziel für die Blitze. Soll ich weiterfahren, soll ich mich erst einmal an den Straßenrand setzen und die Gewalten abwarten. All das raste durch meinen Kopf, beschäftigte mich und lenkte mich auch ein wenig ab. 

So schnell und gewaltig wie die Gewalt der Natur über mich kam, so schnell ging es auch wieder vorbei. Das Zucken der Blitze entfernte sich zeitlich vom Donnern und somit ein sicheres Zeichen, dass das Gewitter sich entfernte. Also fahre ich pitschnaß, gegen den starken Wind ankämpfend, einfach weiter, denn der Wind wird mich und meine Sachen schon trocknen und Stillstand, anhalten bedeutete ja auch immer frieren. 

Die weiten Entfernungen zwischen den Orten, den Ansiedlungen sind mitunter schon sehr monoton und mürbe machend. Zum großen Teil sind die Straßen in einem sehr guten Zustand, da ja auch nur wenig Verkehr auf ihnen unterwegs ist. Die Distanzen allerdings sind eine erhebliche, nicht zu unterschätzende Kopfsache. Wenig Abwechslung, eigentlich keine und eben auch extreme Wetterumschwünge. Also muß auch immer wieder andere Abwechslung her und das ist Musik, sind Hörbücher. 

Ansonsten denke ich, dass meine Streckenwahl zu dieser Jahreszeit jetzt genau so richtig ist. Die Asphaltstraßen trocknen schnell ab und lassen mich gut vorankommen. Warum soll ich mich da auf Schotterpisten, die schnell einmal unter Wasser stehen können bzw. sich in Schlammpisten verwandeln, kaputt machen?

In der Lodge für diese Nacht finde ich einen Trockenplatz für meine Ausrüstung, Kleidung. Geniesse ein ausgiebiges Abendessen, werde zum Bier und zu einem Billardspiel eingeladen und lerne so eine typische namibische Familie kennen. Wie froh und erleichtert bin ich doch nun in einem so friedlichen, freundlichen, sicheren Land unterwegs zu sein. Hatte ich anfangs noch Zweifel am Abbruch meiner Indienreise, so erhalte ich nun jeden Tag eine 100 %ige Bestätigung für meine Entscheidung. Alles richtig gemacht, denn ich habe wieder den Spaß am unterwegs sein zurückgewonnen.

Das Camp für diese Nacht erreiche ich 4 km abseits der Straße und es war wirklich beschwerlich das Rad in dem weichen Pulversand oder durch den Schlamm voran zu schieben. Doch wie immer in solchen Fällen, unverhofft kommt oft. Doch der Reihe nach. 

Es ist unglaublich, denn im Moment friere ich in Namibia, in Afrika und dies hatte ich wirklich nicht erwartet. Nach der Tortur vor ca. 14 Tagen, dem Versuch bei 48 Grad über die Schotterpiste nach Swakopmund zu kommen, ist das jetztige Wetter unglaublich. So muß ich nun mitunter doch, auch ohne Regen, über den Tag mit Jacke fahren. 

Auch die Landschaft bleibt weiter abwechslungsreich. Braungraue, hellgraue Felsmassive säumen linker Hand die Straße. Es sind auch Kalkfelsen zu sehen und immer ist alles mit einem satten Grün überzogen. Kleine Wälder, durchzogen von Flüssen mit schnell dahinfließenden braunem Wasser bieten ein imposantes Bild. 

Windig, immer von vorne bleibt es weiterhin. Dazu scheint erträglich die Sonne. Die Landschaft ändert sich am Nachmittag, weite, offene Ebenen zeichnen nun das Landschaftsbild. In den überschwemmten Grasebenen steht klares, frisches Regenwasser und fließt unter der Straße auf die gegenüberliegende Straßenseite. Ich nutze diesen Naturpool, obwohl es doch recht frisch ist, mehrfach für ein schnelles Bad, für eine willkommene Abkühlung. 

Tag um Tag, Stunde um Stunde, treibe ich mich von Kilometer zu Kilometer. Sehnsüchtig halte ich nach einer Übernachtungsmöglichkeit Ausschau. Und im richtigen Moment erscheint das Hinweisschild auf das Paradiescamp. Allerdings wie bereits erwähnt sind es bis dorthin 4,3 km. Es hilft nichts, da muß ich mich noch hin kämpfen und die ersten Meter nach dem Abzweig auf den Sandweg geht es auch ganz gut. Dann jedoch ist das Fahren nicht mehr möglich. Ich schlingere nur noch durch den Sand. Bleibe in Schlammkuhlen stecken und pumpe, das Rad schiebend, mal wieder wie ein Maikäfer. Wobei? Wie und warum pumpt eigentlich ein Maikäfer?? 

Ich schaue mich immer mal wieder um und lausche in die Stille um mich herum. Ein motorisierte Hilfe, vielleicht ein Schubunterstützung wäre jetzt nicht schlecht, zum Abend, nach den vielen zurückgelegten Kilometern am heutigen Tag. Und schups, da kommt doch wirklich hinter mir ein Kleinwagen um die Buschecke. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein Auto neben mir und aus dem offenen Fenster sprechen mich zwei junge Frauen an. Wir wechseln drei Sätze und merken schnell, dass Deutschland unser gemeinsames Herkunftsland ist. Natürlich bieten sie mir ihre Hilfe an und so schmeisse ich schnell mein Gepäck, meine Taschen, ins Auto. Winkend und mit kurzer Verabschiedung verschwinden sie um die nächste Wegbiegung. Der Weg bleibt weiterhin zwischen schlammiger und pulveriger Oberfläche abwechslungsreich und oft ist auch ohne Gepäck fahren unmöglich. 

Schweißdurchtränkt erreiche ich das Camp. Meine beiden Helferinnen sitzen bei meiner Ankunft bereits an der Bar und genießen einen kalten Apfelwein. „Für mich ein kaltes Bier bitte“, rufe ich der freundlichen Besitzerin entgegen. 

Dann folgt ein erfrischender Sprung in den Pool, ein schneller, routinierter Aufbau des Zelts, ein leckeres Abendessen und noch lange Gespräche. 

Glücklich, zufrieden mit dem Tag und mit mir, sinke ich im Zelt auf meine Matte und schwebe hinüber in die Traumwelt.

Am Morgen zurück auf der Straße, geht es im gewohnten Up and Down in gerader Linie weiter Richtung Norden. In den frühen Morgenstunden läßt es sich in der noch kühlen Luft angenehm fahren. Es herrscht wenig bis kein Verkehr und die wenigen Autos, welch ein Wunder, begegneten sich nicht dauert auf meiner Höhe, so dass ich nicht ständig bedrängt werde. 

Denn wirklich ist es oft so, dass ich lange Zeit alleine auf der Straße fahre. Nähern sich dann allerdings einmal Autos, dann oft gleich aus beiden Richtungen und, was mich immer verwundert, dass sich dann immer die Autos auf meiner Höhe begegnen. Das sollte doch auch einmal von einer amerikanischen Uni untersucht werden. Oh Ton: Die amerikanische Universität sowieso hat herausgefunden, dass sich in der Weite annähernde Autos immer auf der Höhe des Worldcyclist treffen, weil…….!? Eine große Erkenntnis für die Welt der Fernradfahrer dieser Welt, hihi !

Wieder ging es mit leichtem Gegenwind schnurgerade aus Richtung Horizont. Über lkeine, langgezogene Straßenwellen durch nun immer grüner werdende Landschaft. Ich nähere mich über Grootfontain, Rund, Katere und Bagani dem grünen Norden, dem Okavango Delta und dem Caprivi. Im Laufe des Tages nimmt die Besiedlung wieder mehr zu. Immer dichter stehen die Kral umfassenden Hütten der Bauern beieinander, werden die wenigen Weiden von vielen Kuhherden durchwandert. Die Lehm-/Stroh-/Schilfhütten sehen doch sehr ärmlich, teilweise elendig aus. Feste Unterkünfte sind zu sehen. Oft ist es nur eine Blechhütte in der die gemeinschaftlichen Vorräte gelagert werden oder der Brunnen vor, ja was auch immer, geschützt wird. Große Dornenhecken, durchflochten von trockenen Ästen, Stämmen, Strauchwerk, umschließen die bewohnte Fläche, wohl auch zum Schutz vor Elefanten, Löwen und menschlichen Bösewichten. 

In kleinen Gruppen, Geschlechter getrennt, ziehen die Schulkinder in einheitlichen Uniformen ab Mittag täglich in Richtung ihrer Dörfer an mir vorbei. Wohl jeden Tag müssen sie die weiten Wege zu den Schulen hin und zurück zu Fuß bewältigen. Natürlich gibt es keine Busse, besitzen sie keine Fahrräder und selten habe ich gesehen, dass sie von vorbeifahrenden Autos mitgenommen werden. Trotzdem sehe ich immer ein Lachen auf den neugierig staunenden Gesichtern. Nie mißtrauische Blicke. Halte ich an und frage nach einem Foto, laufen erst alle zusammen. Doch dann, so sie die Kamera sehen, bleiben nur die Mutigen, oder vielleicht die Neugierigsten, stehen. 

Gegen Nachmittag setzt dann wieder das schon gewohnte Starkgewitter ein. Wie jeden Tag kommt es schnell näher, so auch heute und ich muß mir immer wieder schnell etwas zum Unterstellen suchen. Die Wassermassen sind doch immer sehr gewaltig. Begleitet von grelle, krachende Blitze, die mich vorsichtig werden lassen. Sturmböen peitschen den Regen fasst waagerecht durch das Gebiet, mitunter fegt es mich fast von der Straße, wenn ich nicht rechtzeitig einen Baum zum Schutz finde. Völlig durchnässt, frierend und mit dicken Beinen erreiche ich meine gesetzten Tagesziele. 

Bevor ich Rundu am Morgen verlasse schaue ich mir noch einmal die Karte an und schlau wie ich mich halte, fahre ich über kleine Wege Richtung Nationalstraße. Merke allerdings bald, dass das keine gute Idee war, denn durch den Township führen nur tiefsandige Wege und bald bewege ich mich nur noch schiebend vorwärst. Mit Erreichen der Nationalstraße bin ich bereits einmal bei der Tagesschwüle schweißnaß und den Rest besorgt umgehend der einsetzende Regen. Der starke Frontwind, die Steigungen an diesem Tag reduzieren mein Vorankommen auf wenige Kilometer pro Stunde. 

Zum Camp sind es von dem Abzweig weitere 8 Kilometer. Nach 3 Kilometern zweigt ein kleiner Sandweg in Richtung Camp ab. Tiefer Sand, matschige Regenlöcher kennzeichneten der Rest des Weges in das Camp. 

Kurz vor dem Erreichen des Camp treffe ich auf den Eigentümer, der seine Arbeit an einem Zaun unterbricht und mich freundlich begrüßt. Mir den Weiterweg erklärt und einen sehr freundlichen Eindruck bei mir hinterläßt. Ausgesprochen freundlich ist auch sein Frau. Ein wunderschön gelegenes Flußcamp,  mit gefülltem Kühlschrank, steht mir für diesen Abend zur Verfügung und der zugewiesene Platz für mein Zelt ist ausgesprochen komfortabel. Eine abendliche Flußfahrt auf dem Okavango, verbunden mit einem kurzem Abstecher, visumfreien Besuch der nahen, angolanischen Grenzstation machen großen Spaß. Die Frauen des Dorfes haben sich in der Nähe zur gemeinsamen Reinigung der Kinder zusammengefunden. Unter lautem Geschrei, wohl der Temperatur des Wassers geschuldet, müßen die Kleinen dies über sich ergehen lassen. Die größeren Kinder toben unweit, allerdings aus Freund schreiend, im Fußpferde und Krokodile durchsetzen Okavango. Wir verabschieden uns, leider die Einladung zum Bleiben ablehnend, dann doch von den freundlichen Dorffrauen und Grenzposten. 

Nach einer herrlich erfrischenden Dusche gab es ein köstliches Abendessen in einer fröhlichen Runde. Der Abend verlief sehr schön, sehr familiär. Vollumfänglich genoss ich diesen Abend und freute mich über meine Entscheidung, hier einen Stop eingelegt zu haben.  

Ein Tag an dem die Beine doch wieder einmal sehr schmerzen. Nun ja, aber es gab ja zuvor ein herzhaftes, superleckeres Frühstück mit einer überaus freundlichen Verabschiedung. 

Dann geht es an einer Kreuzung rechts ab Richtung Nationalstraße und immer wieder schaue ich auf die Uhr, auf den Tacho und die Karte. Noch sind es 140 Kilometer bis nach Divoudu. Ist das Heute noch zu schaffen? Eher nicht, denn der Wind macht das Vorwärtskommen nicht leicht. Der Hinweis auf das Shamvura River Camp kommt im richtigen Moment um wieder einmal einen Tag in Ruhe zu geniessen. Das Nauturcamp ist ok. Es gibt eine Dusche, ich bin alleine auf dem Platz und geniesse mein Essen.

Vom Gefühl ist es so, dass ich mich irgendwie über die Tage quäle. Ich benötige große Motivation, viel Kraft um die notwendigen Strecken zu bewältigen. Immer wieder nutze ich die Möglichkeit einer Pause mit kalten Getränken an einen Straßenshop. Na jedenfalls bekomme ich es immer wieder hin, dass die Kraft reicht um die Etappen zu überwinden. Nach den ersten 50 Kilometern auf der Schotterpiste, folgten 3 Stunden angenehmes Fahren neben dem Okavango. Viele Dorfbewohner winken mir freundlich zu. Nichts ist von der immer wieder durch Weiße hinterfragten, angeblichen Aggressivität der Afrikaner zu spüren. Keine Gewalt, kein spürbares Mißtrauen. Die Qualen erwarten mich nur auf der Strecke, nie von den Menschen. Kinder aus den Dörfern winken mir zu, rufen, laufen schreiend neben mir her. Wollen sich mit mir messen und stehen bald nach Luft ringend am Wegesrand, bleiben mir nachwinkend zurück. Gerne winke ich, auch wenn es manchmal ein bißchen nervt, ist es doch tausendmal besser zu winken, als einmal mit Steinen beworfen, angegriffen zu werden. Immer wieder stimmen mich aber auch die Kinder und Frauen nachdenklich. Oft arbeiten diese in Gruppen, einige auch allein, auf kleinen Feldern nahe den Hütten. Bearbeiten mit Haken der trockenen, wohl steinharten Boden, um die Saat einzubringen, der Erde, dem Feld ein wenig der notwenigen Nahrung abzuringen. Den Moment wenn sie aufblicken, mir nachschauen, mir zurück zuwinken, nehmen sie sich trotzdem. Wie schön und guttuend! Wie anders sind doch diese Menschen, die auch in Armut leben und doch im Wesen freundlich sind. Größer kann der Gegensatz zu den mir, überwiegend mißtrauischen begegneten Indern, nicht sein.

Über kleine, sandige Wege, ich wollte einmal wieder ein Abkürzung fahren, war die Ankunft im Rainbow Camp etwas anstrengend. Im Camp, dicht am Ufer des Okavango, treffe ich ein französisches Pärchen. Sie sind mit einer Enduromaschine im Süden Afrikas unterwegs.

Wir bauen unsere Zelt unweit voneinander auf. Die sympathischen Franzosen sind, wie sich  aus unserer Unterhaltung bald herausstellt, auf einer kleinen Weltreise. Klein deshalb, weil Arnulf Jahre zuvor wirklich mit dem Motorrad alleine die Welt umrundet, durchfahren hat. Das sind mir natürlich die liebsten Nachbar, denn nun haben wir sofort ein nicht entenwollendes Gesprächsthema. Sie sind mir auch sofort sehr hilfreich, denn sie bieten sich sofort an, mir Lebensmittel aus dem entfernten Supermarkt mitzubringen. Oh ja, sehr gerne und schnell schreibe ich meinen Einkaufszettel. Ein wirklich tolles, interessiertes Paar. Und sie sprechen englisch, auch so können Franzosen sein. Ich freue mich sehr über diese Begegnung und geniesse die Geschichten der früheren Welttour mit dem Motorrad. 

Zahlreiche Tiere lassen sich immer wieder an der Oberfläche des Okavango sehen. Tauchen die Flußpferde unter, verschwinden und heben ihre riesigen Köpfe an anderen Stellen wieder aus dem Wasser. Erstaunlich das diese so freundlich ausschauenden Tiere doch so aggressiv sind. Bekannter-maßen immer wieder angreifen, so sie sich in ihrem Gebiet gestört fühlen. Sie reißen drohend, mächtige Laute ausstoßend, ihre Mäuler auf und verschwinden dann wieder unter der Wasseroberfläche.

Ein schöner, erlebnisreicher Abend geht zu Ende. Schnell wird es dunkel und ich krieche bei leichtem Regen ins Zelt. Noch 400 Kilometer bis zu den Victoria-Falls. 

 

Ein Tag mit einem langen, beschwerlichen, monotonen Weg, doch auch mit schönen Begegnungen, geht zu Ende. Ich treffe auf drei, mir entgegenkommenden, Radfahrern. Ein junges Pärchen aus Deutschland und einem Chinesen. Alle kommen aus Ostafrika (Tansania) und wollen noch bis nach Windhuk. Nach vielen Fotos, langen Erlebnisaustausch, mache ich mich dann wieder an die noch vor mir liegende Strecke. Weite, heiße Kilometer liegen vor mir. Immer häufiger muß ich zur Wasserflasche greifen und bald geht auch die Reserve zu Ende. Eine Siedlung ist nicht in Sicht. Nach der Info eines Rangers, der mich darauf aufmerksam macht, dass ich nicht im National Park übernachten darf, es keine Hotels, Camps usw. gibt, liegen Ansiedlungen auch immer so um die 40 Kilometer auseinander. Noch sind es 120 Kilometer und das ist heute echt nicht zu schaffen. Also schaue ich mich bald einmal nach Übernachtungsmöglichkeiten im Zelt um. Muß also verbotener Weise, doch im National Park übernachten. Zuvor halte ich doch noch einmal in einem Dorf bei einer Gruppe mit Frauen und vielen Kindern. Werde sofort von allen umringt und frage nach Trinkwasser. Ich bekomme eine Flasche Wasser, kann allerdings nicht sehen, wo dieses herkommt, denn der Spender holt das Wasser aus einem Brunnen hinter den Hütten. Wie der Brunnen, die Umgebung, beschaffen war, sehe ich nicht. Naja zum Kochen wird es wohl reichen. 

Dann treffe ich auch noch einmal das holländische Frauenpärchen aus dem Mukuku-River-Camp. Die Rettung, eine großzügige Wasserspende, kommt wie gedanklich gewünscht. Nach 150 Kilometern an diesem Tag reicht es mir und ich schiebe das Rad schnell links der Straße in den Busch. 

Nach 200 Metern Entfernung von der Straße baue ich das Zelt auf. Es dämmert bereits und so hoffe ich, dass mich niemand gesehen hat. Umgeben, attackiert von Mückenschwärmen koche meine Rest an Verpflegung und merke, dass es mal wieder zu viel war. Ich habe nach der Anstrengung nicht wirklich Appetit, will eigentlich nur noch schnell ins Zelt. Ich bin nun doch wirklich im Busch, muß mich also entsprechend verhalten. Also lege ich noch einmal den Weg bis zur Straße zurück und entsorge meine Rest in den Müllbehältern. Auf dem Rückweg riecht es plötzlich sehr stark nach Tiger. Überrascht bleibe ich auf dem Fleck stehen und wirklich sehe ich in einiger Entfernung einen großen, gelben Rücken durch das hüfthohe Gras streichen! Ist das wirklich ein Löwe? Habe ich von diesem den Geruch wahrgenommen? Täuschen mich meine Sinne, mein Instinkt? Eine kleine, schnell wachsende Unruhe regt sich in mir. Unschlüssig stehe ich vor dem Zelt. Still, mich umschauend, beobachte ich die noch ein wenig im Abendlicht liegende Umgebung. Kann ich jetzt wirklich ins Zelt gehen? War das wirklich ein Löwe oder habe ich halluziniert ? Ich befinde mich in einem national Park. Die Wahrscheinlichkeit das das ein Löwe war ist relativ groß. Die Warnung des Rangers bezog sich ja auch auf die Gefahr vor Löwenangriffen. Nur was soll ich jetzt unternehmen? Wie mich verhalten? Ich kann nicht die halbe Nacht auf einem nahen Baum hocken. Ich brauche den Schlaf, die Erholung und so krieche ich bald müde, angespannt ins Zelt.

Verständlicherweise folgt eine Nacht im leichten Schlaf und ein frühes Erwachen. Ja ich habe eine unruhige Nacht gehabt. Doch nun werde ich über Tag mit Rückenwind belohnt. In Kongola, einer grösseren Ansiedlung mit Tankstelle und Supermarkt versorge ich mich mit ausreichend Essen, Wasser und Energie. Auf dem Rasen vor dem Supermarkt genieße ich ein warmes Reisgericht und ein kaltes Bier. Dann geht es schnell wieder auf die Piste ehe mich die Müdigkeit nach dem Essen einholt. Der National Park liegt dann auch bald hinter mir und so setzt auch wieder eine dichtere Besiedlung ein. Wieder lasse ich mich treiben. Nehme die Hast der vergangenen Tage raus und halte wieder häufig an den straßennahen Shops. Bei kalten Getränken im Schatten der Terrassen komme ich immer wieder mit den Local-People ins Gespräch. Immer treffe ich auf interessierte, freundliche, hilfsbereite Menschen. 

Am späten Nachmittag beginnt die Suche, Umschau nach einem Camp für die Nacht. Heute ist mal wieder ein Tag an dem in loser Reihenfolge alles schmerzt. Mal die Hüfte, mal die Knie, mal jeder Muskel usw. Hilfreich ist, dies alles zu ignorieren und einfach in gewohntem Rhythmus weiter zu ackern. Das klappt und die Schmerzen verschwinden. 

Unweit der Strasse finde ich einen geschützten Platz für die Nacht. Schlagartig ist es dunkel und ich bin schnell im Zelt verschwunden. Schlaf finde ich erst mit der nach Mitternacht einsetzenden Kühle.

Noch lange lauschte ich in der vergangenen Nacht den Stimmen, Geräuschen aus dem nahen Dorf auf der anderen Seite der Straße. Gesehen habe ich von der Ansiedlung allerdings nichts und so vermute ich, dass es wohl doch nur ein paar Hütten sind. 

Gegen 07:00 Uhr sitze ich auf dem Rad und lasse den Tag gemächlich beginnen. Wie so oft mache ich die erste Rast nach 3 Stunden, nicht schlimm, denn der Rhythmus stimmt. Nun geht es parallel am Zambesi-River entlang. Neben dem Nil, dem Kongo und dem Niger ist der Zambesi mit ca. 2580 km der viertlängste Fluß in Afrika und der größte afrikanische Strom, der in den Indischen hen Ozean fließt. Der Okavango hingegen erreicht kein Meer, sondern versiegt als einer der wenigen Flüsse der Erde in einer Wüste. Der Zambesi nimmt seinen Weg im südlichen Afrika durch acht Staaten und umfasst dabei etwa eine Fläche von 1,33 Millionen Quadrat-kilometer, etwa die Hälfte des Nil. Damit handelt es sich um das viertgrößte Flusssystem in Afrika. Weltweit ist er vor allem durch die Victoriafälle bekannt. Nun bildet er immer wieder mal die unmittelbare Grenze zu Zambia. Gegen Mittag erreiche ich von Katima Mulilo kommend Kasane und damit die Grenze nach Botswana.Der Grenzübergang ist very easy und so stehe ich bald an dem grenznahen Eingang zum Chobe-National-Park. Dieser National Park ist Teil des geplanten grenzüberschreitenden Schutzgebiets Kavango-Zambezi-Transfrontier-Conservation-Area. An dem Eingang zum Park fahre ich langsam vorbei und ein Typ in uniformähnlicher Bekleidung winkt mich durch. Doch schon nach wenigen hundert Metern höre ich hinter mir ein Geschrei, laute aufgeregte Rufe. Zurückschauend nehme ich winkende Leute wahr und gleich darauf hält ein Pickups neben mir und erklärt mir ziemlich aufgeregt, dass ich schnell zurück muß, nicht weiterfahren darf. Ok, ich hatte etwas ähnliches gelesen und kehre halt um.

Nun steht ein dicker, bei meiner Rückkehr lächelnder, Ranger vor der Hütte. Von dem anderen Posten ist nicht mehr zu sehen. Sofort erfahre ich, dass eine Weiterfahrt mit dem Rad durch den Chobe nicht gestattet wird. Meine Fragen folgen: „Ok, wie komme ich dann weiter? Ich brauche ein Transportmittel! Könnt ihr das organisieren?“ Zufällig steht ein Pickup am der Parkschranke und nach kurzer Nachfrage erklärt sich der Fahrer auch bereit mich mitzunehmen. Alles muß schnell gehen, er sei in Eile. Doch Hilfe bekomme ich beim Aufladen allerdings von keinem der Anwesenden und so muß ich mich bei laufenden Motor ziemlich beeilen, um das schwer bepackte Rad schnell auf die Ladefläche zu hieven. Dann geht es auch schon in rasender Fahrt, in wirklich rasender Fahrt durch den Park. Ich muss mich und das Rad schon wirklich festhalten. um nicht verloren zu gehen. 

Dann in Endmaßraserei eine plötzliche, sehr spontane Vollbremsung, die mich aus der Konzentration auf die Sicherung meines Fahrrads abrupt erweckt. Ich sitze auf dem Boden des Pickups kann die Strecke nicht einsehen und frage mich, was ist denn nun los? Und oh Schreck, da steht doch wirklich wenige Meter neben der Straße im dichten Gebüsch, ein gewaltiger Elefant. Langsam umfährt der Fahrer das nährkommende Tier und rast dann um so schneller dem Parkausgang entgegen. 

Die letzten 30 Kilometer bis nach Kasane lege ich in heißen Tagestemperaturen zurück. Finde einen Supermarkt, tausche meine N$ gegen Pula. Morgen geht es über die Grenze nach Zimbabwe.

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