25.10. – 31.10.2015   249. – 255. Tag

phil

leider fkt. Cycle Route nicht mehr, daher jetzt in minderer Qualität

…so sie nicht im Auto oder auf einem Moped sitzen und sich damit fortbewegen. Dann kommt es mir so vor, als ob sie ihre Gehirnfunktionen völlig ausschalten und aus den freundlich, lächelnden Menschen werden rücksichtslose Chaoten.

Diesen ersten, prägenden und bleibenden Eindruck gewinne ich in den Stunden auf der Fahrt vom Airport, etwas ausserhalb von Manila, durch die Vororte in die City.

Manila selbst, als Hauptstadt der Philippinen, hat knapp 1,7 Mio. Einwohner, ist allerdings Teil eines Großraums von 16 Städten, in dem etwa 12 Millionen Menschen ihr Leben bestreiten. Laut allgemeiner Reputation, soll Manila eines der schlimmsten Verkehrschaosse der Welt beherbergen. Bis zu diesem Zeitpunkt meiner Reise kann ich das so auch erst einmal vollumfänglich bestätigen. Ich bin um die Mittagszeit in diesem Chaos unterwegs und es ist wirklich unerträglich. Es ist auch mit dem Fahrrad so gut wie nicht möglich voran zu kommen. Keiner hält sich an irgendwelche Regeln, Linien, Verkehrsschilder oder Ampelfarben. Wo sich eine Lücke bietet wird in diese reingefahren.

Zu den Bussen, LKWs, PKWs, Mopeds kommen die gefühlt tausende Jeepneys. Eine Transporter-Hinterlassenschaften der US-Armee für den billigen Transport der Menschen. Diese halten wo sie wollen, wenn die Fahrgäste durch Handzeichen signalisieren ein- oder auszusteigen. Es ist stechend heiß, ich habe noch kein Gefühl für die philippinische Mentalität entwickeln können, muss höllisch aufpassen nicht über den Haufen gefahren zu werden und bekomme so gut wie keine Luft in den beißenden Abgaswolken. Immer wieder stehe ich hinter einem dicken LKW und werde von der schwarzen Dieselwolke eingehüllt.

Mit den wenig vorhandenen Hinweisschildern kann ich nicht viel anfangen, muss mich nachdem ich mich immer mal wieder verfahren habe ständig neu mit Hilfe des GPS orientieren.

Leider muss ich doch erst ins Zentrum, da ich unbedingt ein neues Ladekabel für mein NB brauche und dies auf mehrfache Nachfrage nur in der Manila SM-Megamall bekomme.

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Hier wimmelt es nicht nur vor Einkaufswütigen, sondern auch an jeder Ecke, vor jeder Tür von schwer bewaffneten Polizisten. Jedes Auto, dass in dieses Gebiet einfahren will, wird angehalten, mit Bodenspiegeln untersucht, die Insassen beschaut, entsprechend wird so das allgemeine Chaos noch verstärkt.

Ich lasse mein Fahrrad an einem Checkpoint stehen, frage einen der Kontrollposten, ob er mal auf meine Sachen achten kann renne in die Mall, bekomme was ich brauche und bin nach ca. einer Stunde wieder unterwegs.

Weitere Stunden brauche ich  um aus dem Dunstkreis von Manila-City rauszukommen. Ich finde einfach nicht auf die richtige Strassen bzw. nehme diese nicht wirklich als Strasse wahr. Denn obwohl auf der Karte ein große Strasse angezeigt sind es immer nur kleine Gassen. So lande ich schliesslich in den Slums, kämpfe mich mit hunderten von Jeepneys, Autos, Motorrädern, Mopeds und was weiß ich noch durch die Gassen.

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oft geht es nicht weiter

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die Kids nutzen jede Mitfahrgelegenheit

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Jeepneys

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jeder versorgt sich irgendwie mit Strom

Oft stehen die Hütten so dicht an der Strasse und sind die Marktstände dann auch noch davor aufgebaut, dass es nur einspurig und wechselseitig voran geht.

Und was zu all dem Verkehrschaos noch dazu kommt ist das nicht enden wollende Hupen !!!Aller!!! Wirklich aller motorisierten Philippinos! Sinn macht das Gehupt eh nicht, denn keiner kümmert sich darum, aber das scheint keinen zu interessieren. Jeder drückt sicher schon unbewusst aufs Horn. Die Hersteller von Höchst-Dezibel-Hupen müssen sich in den Philippinen dusslig verdienen. Eine Grenze in der Lautstärke scheint es nicht zu geben.

In den Slums sitzen die Menschen in der brütenden Sonne mit ihrer Lebensmittel auf der Strasse, bieten diese in all dem Dreck zum Verkauf an. Ich sehe in den Abwassergräben weghuschende Ratten. Kinder jeden Alters spielen mit Hühnern, Hunden, Katzen.  Rennen umher, machen schon kleine Geschäfte und versuchen in dieser chaotischen Umgebung irgendwie klar zu kommen.

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jeder Dreck landet auf der Strasse

Ich weiss noch nicht so genau wo ich eigentlich hin will. Manila liegt ja so ziemlich in der Mitte der nördlichen Hauptinsel Luzon. Die Sonne brennt mir auf den Rücken, dass ich das Gefühl habe mein Shirt brennt. Gegen Nachmittag lässt die Hitze etwas nach. Ich trete weiter Richtung Nordosten bergan und fahre immer weiter durch viele dicht besiedelte, slumähnliche Vororte.

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jeder sorgt irgendwie für seine Sicherheit

Die kommenden Tage teil ich in anstrengende und super anstrengende tage ein. Gleich ist ihnen, dass es in der tropischen Hitze nur bergan geht. Die Hitze und der Steigungsgrad zwingen mich dazu, dass ich seit langer Zeit auch wieder einmal schieben muss.  Froh das ich endlich aus dem Einzugsgebiet von Manila raus bin, ändere ich dann auch meine Route und fahre nun Richtung Süden weiter.

In den folgenden Tagen öffnet sich dann auch die Landschaft, es werden weite Flächen für Reisanbau sichtbar und die Menschen sind tüchtig mit der Ernte beschäftigt.

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endlich kann der Blick wieder ins offene Land gehen

Maschinen sehe ich allerdings keine. Alles wird noch per Hand geerntet, in der Hitze eine teuflisch, anstrengende und gefährliche  Arbeit. In den feuchten Reisfelder fühlen sich auch viele Schlangen wohl, wie ich an den breitgefahrenen Kadavern auf den Wegen erkennen kann.

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Knochenjob in der Hitze

Der geerntete Reis wird auf der Strasse getrocknet und am Abend zusammengefegt. Auch hier gibt es jede Menge Verkehr, LKW donnern die Pisten entlang. Reis aus den Philippinen, schon mal nicht ganz frei von Schadstoffen. Am Nachmittag läuft es etwas leichter, nicht so krasse Berge und ab 14:00 Uhr lässt die Hitze auch etwas nach.

Die Philippinen sind mit Südkorea, Japan und Taiwan nicht vergleichbar. Obwohl doch alle Länder in der Vergangenheit im Ergebnis des 2. Weltkrieges, sowie des nachfolgenden “Kalten Krieges” und auch immer noch in der Gegenwart massiv dem Einfluss der USA unterlagen/-liegen. Es ist eine Unart dieses Landes vorhandene Kulturen, auch die im eigenen Land, zu zerstören und nicht zu akzeptieren, dass kulturelle Wurzeln und Identität ein Land, eine Nation auszeichnen. Südkorea, Japan und Taiwan haben zum Glück in vielen Bereichen zu ihrer eigenen Kultur zurückgefunden. Für mich in erster Linie erkennbar an dem geschmackvollem Essen, der Offenheit, Freundlichkeit und Unaufdringlichkeit der Menschen.

Auf den Philippinen ist dies im Grossen und Ganzen nicht gelungen. Das Essen ist fürchterlich. Es ist schwer in den Städten eine Garküche mit traditionellen Gerichten zu finden und wenn dann sind die Gerichte einfach, fade, geschmacklos. Zu finden sind dann aber alle bekannten amerikanischen und nach dem selben Schema funktionierende, philippinische Fastfood-Ketten. Mir ist es ein Graus diese “Fress-Tempel” zu betreten und so versuche ich immer die einfachen Garküchen zu finden. Auch wenn es mitunter schon einiger Überwindung besonders beim Fleisch, bedarf die angebotenen Sachen zu essen. Weiterhin ist es mir wichtig, dass ich die kleinen Leute in ihren Bemühungen ums tägliche Leben, etwas Geld zu verdienen, unterstütze.

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einfaches, regionales Essen

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zum Abend, wenn abkühlt erwacht das Leben

 

In den kommenden Tagen gleichen sich die Bilder. Ich komme durch einige Städte, fahre aber meistens durch besiedeltes Gebiet. Allerdings immer nur links und rechts der Strasse in der ersten Reihe. Dahinter beginnt sofort der Dschungel oder es sind gerodete Flächen, die immer noch nach der Brandrodung riechen. Viele Kinder spielen direkt an der Strasse im Dieselqualm und damit im Strassendreck. Immer wieder sehe ich kleine Mädchen, die hoffentlich ihre Geschwister, nicht bereits ihre eigenen Kinder, tragen, Wäsche waschen, Essen kochen, die Hütten fegen oder sonst etwas machen. Frauen sehe ich selten direkt an der Strasse arbeiten. Immer wieder geht es durch den Dschungel die Strassen auf und ab. Kurze knackige Anstiege, die mir sofort den Schweiss aus allen Poren schiessen lassen. Oben angekommen geht es kurz ohne Steigung weiter und dann bergab.

Gegen Abend versuche ich einen Schlaf-/Zeltplatz zu finden. Der erste Versuch endet in einem Resort am Meer. Allerdings soll die Übernachtung 1.500 Peso kosten und es lässt sich auch nichts verhandeln. Also fahre ich wieder in den Ort und biege ausserhalb des Ortes direkt auf ein Kirchengelände ein. Warum nicht mal die Nächstenliebe der katholischen Kirche austesten? Der Oberprediger tritt sehr selbstbewusst auf, nennt mich seinen “Bruder”. Stellt mir andere anwesende Brüder und Schwestern vor, deren Namen ich sofort wieder vergessen bzw. mir eh nicht merken kann. Der “Ober-Bruder” stellt mir viele Fragen nach Familie, Kinder, verheiratet usw. alles immer sehr herausnehmend. Meine Antworten nimmt er teils erstaunt zur Kenntnis, irgendwann wechseln wir das Thema. Wieder frage ich nach einem Platz für mein Zelt hinter der Kirche. Er geht darauf nicht ein, weisst aber einen seiner Brüder an, sich in einem nahen Hotel über ein Zimmer für 200 Peso zu erkundigen. Natürlich lehnt das Hotel diesen Preis ab. Der Oberhirte ist wohl doch etwas weltfremd. Aber weiterhin sein Selbstbewusstsein demonstrierend, zitiert er den nächsten Bruder ran und hinterfragt eine Unterkunft für 200 Peso, denn mehr will ich nicht bezahlen.

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kaltes Wasser ist wichtig, nicht das Umfeld

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Tierschutz, diesmal für mich

Ich lande irgendwann in einer philippinischen Hütte in einem nahen Dorf. An deren Wände schon am Tage die Echsen rumrennen. Über das andere Getier das während der Nacht ggf. unterwegs ist, will ich gar nicht nachdenken. Kurz entschlossen baue ich in dem Zimmer mit Bett mein Zelt auf dem Bett auf und werde dann im „ Spa-Bereich eine wohltuende Dusche nehmen.“

Am Abend bin ich gefühlt am Anschlag meiner Leistungsfähigkeit. Die noch notwendigen 20 km bis zum nächsten Ort fahre ich, wie so oft über die vorgelagerten Bergkuppe teilweise im Dunklen. Auf der Strasse herrscht das Motto, „Der mit dem dicksten Motor hat Vorfahrt.“ So werden, mir entgegenkommende LKW, Bus usw., von Pickups auf meiner Spur mit aufgeblendeten Scheinwerfern überholt. Ich muss immer wieder auf den Seitenstreifen in Sicherheit bringen. Es ist absolut gefährlich! Die letzten Kilometer geht es bergab, aber bereits um 18:00 Uhr ist es stockdunkel.  Ich kann immer weniger von der Strasse erkennen und muss so, um keinen Sturz zu riskieren, mit angezogenen Bremsen bergab fahren. Den ersehnten Parkplatz mit Guesthouse erreiche ich am Ende meiner Kräfte. Ich stehe völlig unter Strom, unter voller Konzentration, zittere am ganzen Körper. Bin wie im Rausch und überglücklich von der Strasse runter zu sein. Ich vibriere am ganzen Körper. Ja, es war wirklich Endmass. Ohne Licht, ohne den Respekt der anderen Verkehrsteilnehmer ist es wirklich die Endstufe des Möglichen gewesen. Ja, ich hatte auch ein bisschen Angst um mich, denn Rücksicht konnte ich nicht erwarten. Und so musste ich die Situation beherrschen und das war nicht leicht.

Der nächste Tag begann für mich wieder sehr quälend. Ich habe mich am Vormittag über endlose Berge, in einer unsäglichen Hitze, gequält. Immer wieder habe ich Pausen machen müssen, da ich ziemlich am Ende war. Trinken, trinken und viel trinken ist angesagt. Die Strecke bietet ansonsten wenig Abwechslung. Immer sind es nur einfache Hütten, die den Strassenrand säumen.  Ich bin noch nicht wirklich in den Philippinen angekommen, traue mich echt nicht im Zelt im Dschungel zu schlafen. Zum einen finde ich, wenn ich mich umschaue, nicht wirklich Stellen an denen ich das Zelt aufstellen könnte, denn entweder ist immer der unmittelbare Bereich neben der Strasse besiedelt, oder es führen Wege die den Dschungel, was dann eben heisst, dass auch Menschen diese Wege regelmässig benutzen, ich also das Zelt nicht in die Nähe aufstellen kann, oder der Dschungel neben der Strasse ist so dicht und die Böschung so steil, dass ich da nicht durchkomme.

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Die Menschen sind alle sehr freundlich, aber ich fühle mich nicht wirklich wohl, sicher. So suche ich mir dann jeden Abend irgendeine sichere, einfache Bleibe. Und Heute habe ich da wirklich Glück, denn die Leute sind freundlich, das Zimmer ist sauber und vor dem Motel finde ich auch Garküchen um meinen Hunger zu stillen. Wie immer läuft die Bestellung auf schauen, kosten, kurz verhandeln und bestellen ab. Ich bin ja auch nicht sehr anspruchsvoll im Moment was das Essen betrifft. Heute musste ich wirklich nur etwas in den Bauch bekommen, denn meine Batterien sind im roten Bereich. Schnell wasche ich noch meine Radsachen und dann bin ich bereit für eine Tiefschlafnacht.

Der Verkehr wird auf den grossen Strassenammer schlimmer. Immer häufiger überholen Autos, LKW usw. auf meiner Spur mir entgegenkommend andere Autos und halten ohne Skrupel auf mich darauf. Ich muss dann doch immer wieder in den Staub bzw. Dreck ausweichen, da es oft nicht wirklich einen benutzbaren Seitenstreifen gibt. Es ist für mich erschreckend wie rücksichtslos manche Fahrer sind. Auch beim Überholen spüre ich oft genug die cm-Nähe der Chaoten. Genervte Tracks fahren so dicht auf mich auf, dass ich befürchten muss überrollt zu werden, da sie nicht an mir wegen des Gegenverkehrs  vorbeikommen. Ok, ich muss weiterhin konzentriert den Tag auf der Strasse überstehen.

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wohltuender Regen

Wieder hat es auch wie schon gestern am Nachmittag in Strömen geregnet. Aber wie auch schon gestern habe ich den warmen Regen und die kühle Luft auf der Strasse beim Weiterfahren genossen. An den nächsten Tagen erreiche ich Nasa, Tabasco trostlose, philippinischen Städte voller Chaosverkehr, fürchterlichen Fastfood Essen und Monotonie.

 

 

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