Mkuze, den ersten Ort nach der Grenze, wieder in Südafrika, erreiche ich am 24.02. 2017, Tag 711 meiner Tour. Die Digitalanzeige des Radcomputers zeigt 43.757 gefahrene Kilometer an. Ok, manche, einige habe ich auch geschoben. 

Kaum war ich an diesem Morgen auf der Straße, hält ein Jeep neben mir , die Scheibe geht runter und der Fahrer überhäuft mich grußlos mit seinen Fragen. Woher? Aus welchem Land? Wie lange unterwegs? Alles ok? Wohin? Dann erklärt er mir, dass die Brücke, über die ich auf meinem beschriebenen Weg nur aus dem Ort komme, also zwingend überqueren muß, wahrscheinlich überflutet ist. „ Du musst dann zurück auf die Mainroad. Also die 60 km zurück!“ Aber ich soll mal hier warten, er fährt runter zum Fluss und klärt das für mich einmal ab. Nach 20 min. kommt er zurück, gibt für mich, für meine Sicherheit die Brücke frei, allerdings soll ich vorsichtig sein, da hinter der Brücke die Strasse überflutet ist. Ausführlich erklärt er mir noch den Weiterweg auf die N2. Fragt noch mehrmals, ob alles ok ist, ich noch Hilfe brauche. Da braust er davon. 

Jeder Quadratmeter der Brücke, verlangt nach Modernisierung/Instandsetzung, ist ohne Geländer, irgendeiner seitlichen Begrenzung. Unter und über meinen Weg über die Brücke braust das Flusswasser wild bergab und sucht sich auf der Ebene in vielen kleinen Nebenarmen einen Weg weiter talwärts. Schwungvoll muß ich, will ich bereits am Morgen nasse Füße vermeiden, das schwere Rad durch Schotter-/Geröllwasser fahrend balancieren. Kann nur erahnen, wie tief das Wasser auf meinem Weg wirklich ist und hoffen, dass kein allzu großes Loch meine Fahrt abrupt beendet. Doch dann bin ich wieder auf sicherem Untergrund. Beiderseits des Weges sind einige ärmliche Hütten, die Bewohner stehen davor und winken mir skeptisch entgegen. 

Die Menschen in Swasiland reagieren anders als in Südafrika. Nicht unfreundlich, abweisend, misstrauisch wie so oft in Indien, eher skeptisch, abwartend, dann nach meinem Gruß aber immer lächelnd, offen. Oft warten die Leute ab, ob ich sie grüße, sie beachte. Hebe ich als Erster meine Hand, rufe einen Willkommen, heben sie auch freudig, überrascht die Hand. Tue ich dies nicht, grüßen sie mich nicht. Warten ab, rufen mir ggf. hinterher. 

Oft komme ich an Dörfern vorbei in denen die Schule gerade zu Ende ist. Scharren von Kindern aller Altersklassen stehen auf der Strasse, versuchen einen Mitfahrgelegenheit zu ergattern oder machen sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Oft sind es mehrere Kilometer bis zu ihrem Dorf. Die Kinder stehen dann an der Strasse und einige winken mir zu. Gleichzeitig schlagen sie sich auf den Bauch und halten die Handfläche nach oben, ihre Hände auf. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass betteln zu Afrika gehört. Wirkt es wie eine Selbstverständlichkeit, wenige haben Bedenken mir ihre leeren Hände entgegen zu halten. Viele vermitteln mir nach ihrer Kleidung nicht wirklich den Zustand von Bedürftigkeit, müssen hungern.  Immer wieder stehen auch Erwachsene an der Straße, warten auf eine Mitfahrgelegenheit, grüßen und schlagen sich auf den Bauch.

Mein Eindruck nach den wenigen Tagen in diesem Land, von den Menschen ist, insgesamt positiv. Wieder bestätigt sich, je einfacher die Menschen leben, desto freundlicher, offener geben sie sich Fremden gegenüber. Ich begegne wißbegierige, interessierten, rücksichtsvollen Menschen. 

War im Hochvield alles von der monotoner Nutzholzindustrie geprägt, so ist es nun in der Ebene der Zuckerrohr Anbau. Riesige Flächen, ähnlich den der Palmöl Plantagen, sind weithin sichtbar, beidseitig der Straße mit Zuckerrohr bepflanzt. Sämtliche Erträge sollen angeblich erst einmal in die königlichen Kassen fließen. Dieser entscheidet dann nach Abzug seiner Bedürfnisse, was für das Land, die Bevölkerung zur Verfügung steht. und das ist augenscheinlich nicht wirklich viel.

An der Grenze gibt es auf beiden Seiten keinerlei Probleme. Viele Touristen bestaunen meine Karte, die eingezeichnete, zurückgelegte Route. Machen Fotos und trauen sich mich anzusprechen. Die Grenzbeamten sind insgesamt freundlich und helfen mir mit vielen Ratschlägen, wie immer auch mit Warnungen vor den „vielen“, wilden Tieren, weiter.

Im weiteren Verlauf des verbleibenden Tages, dem nachfolgenden Auf und Ab der Piste, war nichts von den auf den Schildern am Straßenrand dargestellten BIG FIVE, dazu noch laut Schild, ein Fisch, wohl der berüchtigte südafrikanische Straßen-Killer-Fisch, also BIG SIX, zu sehen.

Nach der Grenze  nimmt der LKW-Verkehr wieder stark zu. Die Laster, immer sind es 7achsige Erz transportierende Laster, sind bis auf einige wenige sehr rücksichtsvoll. Überholen mich mit ausreichenden Sicherheitsabstand.

Immer wieder ziehen sich über mir dicke, dunkle Regenwolken zusammen, setzt kurz danach Starkregen ein. Da es doch einigermaßen warm ist, fahre ich im Shirt weiter. Lasse die Regenjacke in der Tasche.

Wieder schmerzen Beine, Knie, Hintern und Rücken. Der Regen peitscht mir ins Gesicht. Der überholende Verkehr überflutet mich mit Strassenwasser. Ab und an denke ich über meine Sicherheit nach, vergesse dann aber diesen Gedanken bis zum Ende zu verfolgen, muß mich auf den Weg der vor mir liegt konzentrieren.

Im näheren Umfeld von Mtubatuba entdecke ich auf der Karte ein Game Reserve. 66 Kilometer Umweg, lohnt sich das?  Dann noch einmal bis zum Gate 14 km und dann wie weiter? Kann ich in das, durch das Reserve fahren? Wie weit ist es bis zur ersten Lodge, denn eine Übernachtung im Zelt ist garantiert nicht möglich? Lohnt sich das alles? 

Viele Fragen, zwei Wege, wie immer eine kurze, endgültige Entscheidung, muß ich wie so oft alleine treffen. Ich nutze den schönen Tag, die Stille ohne Gegenwind und mache doch noch Strecke Richtung Süden.

Viel Verkehr, einige Chaoten, viele Sympathisanten für Radfahren. Immer noch nicht kann ich in Südafrika das Hupen der rasenden Autos einordnen. Ist es Zustimmung oder Ausdruck von: Mach dich aus dem Weg Du ….!!!

Die Erzlaster hupen besonders viel, oft um mir einen Hinweis auf ihre Annäherung zu geben, mitunter aber auch, wie ich aus Gesprächen erfahre, weil mich einige Fahrer bereits mehrfach gesehen haben. So wie Gestern, als mir ein SJV Fahrer erzählte, er hätte mich bereits mehrfach gesehen und immer gehupt. Gehalten, mich etwas zu fragen, vielleicht nach Wasser, kommt nicht vor. Dies liegt sicher daran, dass die Mehrzahl der Leute sich einfach nicht vorstellen können, was ein Radfahrer für Bedürfnisse auf der Straße hat. Aber was sind meine Bedürfnisse? Die Mehrzahl derer die ich noch zu Beginn meiner Tour hatte, sind nicht mehr relevant. Geblieben sind in erster Linie der Anspruch nach Sicherheit, Rücksichtnahme, Verständnis, Interesse, Wasser und in Südafrika ggf. eine sichere Möglichkeit der Übernachtung. 

Die konstanten 30 Grad der letzten Tage waren sehr angenehm, wohltuend und schweißtreibend. Kalte, regenreiche, quälende Etappen über das nordafrikanische Hochfeld habe ich in den vergangenen Tagen davor ausreichend ertragen müssen. 

Am Abend in Mtubatuba finde ich nicht wirklich etwas zum übernachten, aber dafür viele interessante Begegnungen gehabt. Umgeben vom Markttreiben, Händlern, Taxifahrern, Käufern, Kunden, Schleppern und vielen ärmlichen Menschen habe ich mich nicht unwohl gefühlt. Kaltes Bier sitzend auf dem Bordstein trinkend bringt mich sofort mit vielen Leuten zusammen. Alle sind interessiert! Nie aggressiv, nie bedrohend, nie abweisend. ICH LIEBE AFRIKA!!!! Immer wieder muß ich erklären, woher, wohin, warum? Muß die Strecke, da viele dies nicht glauben, bestätigen. 

Was hatte ich mir an der Grenze von Botswana nach Südafrika doch wieder alles gedanklich ausgemalt. Ich werde sofort hinter der Grenze überfallen, umgefahren. Muß mich täglich auf der Straße vor den umfangreichen, afrikanischen Gefahren schützen. Und nun sitze ich hier, alleine zwischen all diesen freundlichen Menschen, habe seit Tagen keinen Weißen wahrgenommen und fühle mich wirklich wohl, sicher und als Reisender akzeptiert.

Und die Steigerung der afrikanischen Gastfreundlichkeit, ja die soll kommen, setzt dann mit der Suche nach einer sicheren Übernachtungsmöglichkeit ein. Irgendwie finde ich heute nicht wirklich einen sicheren, Geschützen, nicht einsehbaren Platz. Also mache ich mich zurück zur N2 und will noch für ein paar Kilometer das Tageslicht nutzen. Draussen zelten, campen, in der Nähe von Großstädten ist aus meiner Erfahrung heraus nicht förderlich. Es kann einige Mitmenschen doch immer mal wieder zur Verlagerung meines Eigentums und zur Beeinflussung meines Gesundheitszustandes animieren. Zu groß sind doch, gerade auch in Afrika die „Haben“ Unterschiede und das Bedürfnis diese anzupassen. Ein Hinweis auf ein Resort ist nach dem Blick auf die Karte, für lange Zeit die letzte Möglichkeit einer Übernachtung. Bereits die Anfahrt offeriert mir, dass wird nicht kostengünstig. Aber mir bleiben nicht wirklich viele Alternativen mit dem einsetzen der Dunkelheit. 

Die ausgesprochen freundlichen Damen am Empfang, drei an der Zahl, sind sichtlich erstaunt über mein Erscheinen oder wohl eher über meine Erscheinung!? Die obligatorische Frage, ob es mir gut geht, beantworte ich unter dem Luftaustritt einer Klimaanlage stehend, mit: „JETZT HIER AN DIESEM PLATZ, JA SEEEEEHHHHR GUT!!!  

1130 R !!! soll das Zimmer kosten. Ich halte mich kurz am Tresen fest und hyperventiliert !!! Ok, eine der Damen erklärt sich bereit, hinsichtlich meines Vorschlags auf einen großzügigen Nachlass, einmal mit dem Manager zu sprechen. Die beiden verbleibenden Damen tuscheln ein wenig verlegen miteinander und ihren Mut zusammennehmend fragt mich die eine dann, ob ich der bin den sie im TV gesehen haben. Natürlich, ja der bin ich. Ich fahre mit dem Rad um die Welt. (Allerdings kann ich mich nicht an derartige Filmaufnahme in Südafrika erinnern. Egal, wenn es förderlich ist, stimme ich dem zu.)

Die erwähnte, nachfragende Dame kommt zurück, erklärt mir das nach ungefähr 15 Minuten Fahrt, sicher rechnet sie mit einem Auto, ein günstigeres Hotel, das Zimmer soll 720 R kosten, kommt. Ich sage erstaunt, dies wäre nicht wirklich günstig, mein Budget liegt so bei 100 R und es ist bereits recht dunkel! „So muß ich wohl doch im Dschungel, bei den wilden Tieren und den gefährlichen Menschen schlafen.Wollen Sie das verantworten? “ Nein das ginge auf gar keinen Fall, viel zu gefährlich. Dafür will sie nicht verantwortlich sein. Sie fragt noch mal den Manager. Und dann bekomme ich doch wirklich ein Zimmer inklusive Abendessen und Frühstück für frei! Und wird alles sehr sehr, sehrrrrrr schön. 

Die Kilometeranzeige bleibt nach einem regenreichen Tag mit fürchterlichem Verkehr auf der N2 bei 43.963 Kilometer stehen.

Die Autos, die LKWs donnern, riesige Wasserfontänen um sich herum bildend, ununterbrochen an mir vorbei. Mitunter sogar wieder sehr dicht und rücksichtslos.

Immer wieder suche ich mir auf dem schmalen Seitenstreifen eine einigermassen fahrbare Spur. Bei dem vielen Wasser in allen Lagen, von allen Seiten, und dem Dreck auf dem Seitenstreifen nicht sehr einfach. 

Leicht war es heute nicht über die Strecke zu kommen. Das Wetter ist schon sehr wechselhaft. Gestern der herrlichste Sonnenschein und heute dieses Regenchaos.

Trotz der nur 85 km war es ein harter Tag. Durban zu durchqueren war die Hölle. Der rasende, teilweise lebensgefährliche Verkehr hat mich ziemlich fertig gemacht. Nicht die Masse der Autos, sondern nur die einige wenige, die mich wirklich arg in Not gebracht haben. Immer mal wieder hat mich ein LKW, PKW in Zentimeterabstand, gefühltem Millimeterabstand, hupend überholt. Hat mich jemand kurz vor einer Ausfahrt arg geschnitten und wurde ich an die Leitplanke gezwungen. Durban ist ein Industriestandort und damit auch Verkehrsknotenpunkt an der südafrikanischen Ostküste. Entsprechend kommen und gehen täglich tausende Menschen mit den üblichen Kleinbussen. Diese fahren nur ihr Ziel an, wenn die Plätze optimal belegt sind, eher gerne auch überbelegt sind. Dementsprechend jagen die Fahrer nur den wartenden Reisenden entgegen, achten nur auf Winkende, die mitgenommen werden und sonst auf nichts anderes. Brüllen ihre Ziele unter die Wartenden, jagen so immer wieder ohne Rücksicht von links nach rechts über die Straßen. 

Durch dieses Chaos muß ich Richtung Süden raus aus Durban. Dies geht nur auf einer, mit Seitenmauer begrenzten, ohne ersehnten Seitenstreifen, am Rand mit Müll, bestehend aus Massen an Glasscherben, vierspurigen Schnellstraße stadtauswärts. Ich bin in Afrika zum Glück nicht in Indien und überlebe!

In den folgenden Tage genieße ich die vielen schönen Begegnungen mit interessierten Menschen. Immer wieder werde ich angesprochen, werde befragt und erfahre ich uneigennützige Hilfe.

So von einem Paar aus Brasilien, die mich am Abend zum Essen einladen und mir von ihrer Hochzeitsreise um die Welt mit einem selbstumgebauten Wohnmobil berichten, ein Ehepaar aus Cape Town, die mir interessante Informationen über die weitere Route zukommen lassen und eines Morgens einen Pastor, dessen Segnung ist freundlich ablehnte. 

Der heutige Tag begann mit einem defekten Hinterreifen. Bemerkt habe ich das natürlich erst, nachdem ich alles aufgeladen, alles fertig zur Abfahrt hatte. Also wieder alles abladen und die Sache reparieren. Leider wieder einmal nicht die Ursache gefunden und da war mir schon klar, dass das heute nicht  das letzte Mal war das ich das Hinterrad ausgebaut habe. Ja klar und so war dann, nach 10 Kilometern war wieder die Luft raus. Lange habe ich dann wieder mal die Ursache gesucht, nichts gefunden und kurz entschlossen den Reifen, leicht genervt, entsorgt.  Die kleinen Drahtspitzen von den geplatzten Auto-/LKW-Reifen sind schwer, teilweise unmöglich zu erfühlen. Nicht wieder wollte ich mir wie einmal in Indonesien 11 Reifenpannen an einem Tag geben. Mit dem neun Reifen ging es dann auch gleich zügig weiter. 

Ja, die Hinweise zur Strecke trafen zu. Furchtbar viele Baustellen, Schotterwege, grober Asphalt und zu all dem dann die endlosen Steigungen auf schmaler Seitenspur. Die LKW, Taxibusse, ungeduldigen Autofahrer sitzen mir im Nacken, überholen mich in Zentimeterabstand. Die Beine schmerzen gegen Mittag, mein linkes Knie bereitet mir Sorgen. Die Waden krampfen zeitweise sehr arg.

Bizana ist eine rein von schwarzen Afrikaans bewohnte Stadt. Auf der Hauptstraße ist der Teufel los, sie ist völlig übervölkert. Die Autos versuchen sich durch die Massen an Händlern, Kunden, auf was auch immer Wartende, herumschleichende Menschen, einen Weg durch die Stadt zu bahnen. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt herrscht ein heilloses Durcheinander. So bin ich dann auch der Einzige mit heller Haut, die es so hat es für mich zuerst den Anschein, zu retten gilt. Von jeder Ecke dröhnt aus riesigen Lautsprechern eine andere, afrikanische, rhythmische, mitreißende Musik.

Meine, sich darstellenden Möglichkeiten zur Sicherung von Rad, Gepäck und Ausrüstung sind, wie so oft nicht sehr umfangreich. Eigentlich bleibt nur eine, auf das Gute der Menschen vertrauen! Zur Absicherung meines Glaubens an das Gute, wende ich mich noch an einen der obligatorischen Wachmänner vor jedem öffentlichen Gebäude, bitte ihn einen Blick auf meine Sachen zu haben, stelle eine Prämie in Aussicht. Er lächelt, hebt den Daumen und ich gehe mit meinem Vertrauen und Wertsachen einkaufen. 

Meine Rückkehr zum Rad gestaltet sich dann allerdings etwas langwierig. So muß ich mich dann erst einmal durch die Menschentraube hinter meinem Rad durcharbeiten. Der freundliche Wachmann hat sich zwischenzeitlich als mein Routen-Erklärbär für die ca. 50 fragend Staunenden, etabliert. Ich schaue in durchweg freundliche, neugierige, lachende Gesichter. Natürlich muß ich jetzt auch noch die Richtigkeit der vom Wachmann gemachten Reisebeschreibungen bestätigen, für jede Menge Selfies zur Verfügung stehen und mich damit abfinden, dass der Wachmann meine Zuwendung energisch ablehnt. Mit einer Hand am Lenker, die andere brauche ich noch lange zum winken, mache ich mich auf meinen Weiterweg in den Abend.

Auch zu meinem nächsten Ziel, Flagstaff gibt es im Streckenprofil keine Änderung, es geht kontinuierlich über lange, mühevolle Anfahrten. Ich brauche unwahrscheinlich viel Kraft um mich gegen den stetigen Wind nach oben zu bringen und mich voran zu treiben. Die Strecke, die Straße ist etwas besser geworden, weniger Baustellen. Landschaftlich bleibt alles wie gehabt, viele weite Hügel mit teilweise durchgehender Besiedlung von ausschliesslich Schwarzen. Kein Farmland für Weisse. 

Den 44.444 Kilometer meiner nun 721 Tage dauernden Reise mit meinem Super-Rad (He…) nehme ich so nebenbei wahr! 

Die zurückliegenden Tage waren super anstrengend, schmerzten von morgens bis zum Abend. Immer wieder konnte ich meinen Weiterweg in der Ferne bis zum Horizont erkennen. Musste ich den Kopf senken, den Blick vor mir auf die Straße richten, um nicht an den vor mir liegenden Anstrengungen zu verzagen. 

..und es ist täglich ein immense psychische, nicht nur physische, Paket für das Weiterkommens erforderlich. Wie täglich schon erwartet – Rede ich mir das ggf. auch nur ein? – sind die zum gesetzten Tagesziel verbleibenden 5-10 km immer noch einmal mit einem Anstieg, mit Beissen verbunden. Wollen die verbleibenden Meter kein Ende nehmen. An diesem Tag zogen sich auch noch bedrohliche Gewitterwolken zusammen.  Alles verdunkelte sich und ich hatte noch die erwähnten 10 Kilometer vor mir. Thomas aus Louis Trichardt hatte mich über Tag angerufen und mir von einem heranziehenden Taifun vom Indischen Ozean, aus Richtung Madagaskar, berichtet. Waren das die Vorboten dort vor mir?

Über Tag hatte ich immer wieder Beine wie Blei, musste mich vorantreiben. Hatte nicht wirklich die Hoffnung noch Schutz gebietend anzukommen. Wie all die Tage zuvor ging es in langen Schleifen, nun mit der zunehmenden Taifun-Gefahr über die Höhenrücken. 

Das B&B erwies sich dann allerdings als Office, also hier als eine Gebäude einer gemeinnützige Einrichtung der Kirche. Ich unterhielt mich einige Zeit mit dem Sicherheitsmann und wie so oft, wie immer erwies sich meine Welt-Routen-Karte als guter Glücksbringer, Interesse hervorrufender Türöffner. So im Gespräch nebenbei fragte ich ihn, ob ich nicht hier in der Anlage in meinem Zelt schlafen könnte. Er könne das nicht entscheiden, aber er fragt mal jemanden. Und dann kam Elvis, er lebt also doch!!!, ein überaus freundlicher, selbstbewusster Zulu. Zeigte mir die Wasch-/Duschräume und Räume in einem Bungalow in denen ich kostenlos schlafen und auch kochen könnte.

Anschliessend begleitet er mich noch als Schutzmacht 🙂 zum Supermarkt. Die Südafrikaans, immer auf mein Wohl bedacht, immer anders drauf als Geschichten, Horrormeldungen vom auch so gefährlichen Südafrika. 

10.03.2017 Ankunft in East London und auf diese Tatsache hätte ich während der nicht gezählten, endlosen Anstiegen, der Quälerei auf den Höhenrücken, dem Dauerregen im herannahenden Taifun, den mir teilweise gefährlich nahekommenden Straßenverkehr, keinen Cent gewettet. Das mir dies wieder einmal gelingt. Das ich die Ziele erreiche. Der Weg schien durch die äußeren Gegebenheiten einfach zu weit zu sein. Nun und ich habe es geschafft. Allerdings kann ich mir die immer mal wieder aufkommenden Zweifel an meiner Psyche selber nicht erklären! Habe ich es nicht in 728 Tagen durch oder über all die hinter mir liegenden Berge, Pässe, Wüsten, Trockengebiete, Regenwälder, Dschungelabschnitte, schönen Länder, Despotenstaaten und in schaukelnden, mit Brechreiz kämpfenden Fähren geschafft? Ja habe ich!

Die Mehrzahl aller Reisetage bleiben auch deswegen auch in positiver Erinnerung. Wir Menschen sind ja auch so eingestellt, dass wir Anstrengungen, Qualen und schlimmer Erlebtes vergessen oder wenigstens ausblenden. Das schützt uns. 

Ein Tag der mir trotzdem in Erinnerung geblieben ist, war der folgende!

Das erste, für mich entsetzliche Erlebnis, hatte ich ca. 2 h nach dem morgendlichen Start. Ich sah an der Seite im Stacheldrahtzaun ein Fohlen hängen und hoffte, dass es nur in Schockstarre lag. Leider war dem nicht so. Als ich unmittelbar neben ihm stand und es berührte, erkannte ich, dass es tot war. Die Starre hatte bereits eingesetzt. Geschockt drehte ich mich schnell um, sah in die Runde, konnte aber keine Bewohner aus dem nahegelegenen Dorf sehen. Mit durch Tränen verschwommener Blick rannte ich zum Rad, schwang mich in den Sattel und trat kräftig in die Pedalen. Ich war einfach nur geschockt, unendlich traurig und niedergeschlagen. Noch lange hatte ich das Erlebte, Gesehene im Kopf.

Die nächste Überraschung erlebte ich einige Stunde später. Auf einer langen, leicht ansteigenden Geraden sah ich schon von Weitem zwei Menschen auf meiner Seite auf der Straße laufen. Eigentlich nichts ungewöhnliches. In den ländlichen Gegenden sind viele Südafrikaner zu Fuß unterwegs. Es stehen auch immer wieder Menschen irgendwo am Straßenrand, warten auf eine Mitfahrgelegenheit oder auf ….irgendetwas. Allerdings weichen die Leute dann immer auf den Seitenstreifen aus, damit wir uns nicht gegenseitig behindern. Einige Meter bevor ich die beiden jungen Schwarzen erreichte, merkte ich, dass die nicht ausweichen würden, sondern sich teilten, so dass ich zwischen beiden durchfahren musste. Doch das gelang mir nicht, denn der kleinere sprang von rechts in meinen Weg, so dass ich anhalten musste. Im selben Moment ging mich der größere von links an und langte nach meinem Telefon am Lenker. Schnell wich ich diesem Angriff aus, schlug seinen Arm weg. Doch der Typ blieb einfach stehen und versuchte immer wieder das Telefon zu erreichen. Leider brauchte ich erst einmal beide Hände um die Angriffe abzuwehren. Konnte so nicht nach dem Pfefferspray langen. 

Einige vorbeifahrende Autos hupten, da ich ziemlich weit auf der Straße stand. Leider hielt erst einmal keiner an, erst einige Minuten später, taten die die Leute in einem Golf einige zig Meter vor mir. In der Zwischenzeit war es mir doch gelungen, nach dem Pfefferspray zu greifen. Der sah das und machte sich einige Meter von mir weg. Den Ich stand leider immer noch über dem Rad, schlechte Situation.  Typen auf der rechten Seite mußte ich auch noch im Blick behalten. Allerdings rührte der sich nicht wirklich. Jedenfalls nutze ich jetzt meinen sich bietende Gelegenheit und sprang auf das Rad, ließ es auf der Straße liegen und …

schrie aus voller Kehle den Typen an: „Komm schon, ich verpaß Dir was, wenn ich an Dich rankomme.“ Doch rannte dieser nun seinem Kumpel, der schon weit weg war, hinterher. 

Mein Herz raste, mein Plus ging auf 120 und schnell setzte ich mich aufs Rad, schaute mich beim Treten immer wieder um. Doch es verfolgte mich keiner. 

Das reichte auch für den Tag an Überraschungen. Der weitere Verlauf hielt dann nur noch Anstiege und Abfahrten bereit. Davon zwei mächtig kräftezerrende. Natürlich sind die Abfahrten wunderschön. Doch auch dabei muß ich höllisch aufpassen, bei 67 km/h nicht die Kontrolle über das Rad zu verlieren. So schön wie diese auch sind, weiß ich doch, dass es kurz darauf mächtig, in der ähnlichen Länge und nur in umgekehrter Neigung bergauf geht. Dazu kam dann heute auch noch eine Megabaustelle. 2 Stunden trat ich bergan. Vorbei an den Warteschlangen der Autos. Nur um dann einige Zeit später von dem freigegebene Verkehr teilweise ohne Rücksicht und Verstand überholt zu werden. Links begrenzte mich die Leitplanke und konnte daher leider nicht mehr den LKWs, Bussen, PKWs weiter ausweichen. Zur Beruhigung meiner Nerven konnte ich nur noch meine Sicherheitsflagge ein Stück weiter herausziehen, um noch etwas mehr Sicherheitsabstand zu erhalten. 

Die ganze Strecke hatte mir viel Zeit gekostet. So schaute ich immer wieder auf die untergehende Sonne, auf meine Uhr, auf die verbleibende Route. Die Beine schmerzten, der Schweiß ran mir über Körper und Gesicht. Meine Lungen pumpten an der obersten Grenze. Nicht schalten, versuchen den Druck auf den Pedalen zu behalten, vor dem Sonnenuntergang die Stadt erreichen. 

Und dann wirklich, ich schaffte es nach 138 km East London noch im Hellen zu erreichen. Mehrere Anläufe waren notwendig um eine Guest House zu finden. Doch am Ende hat auch das sich wieder gelohnt. Die Besitzer des Amber Guesthouse sind super freundlich. Ich kann mir sogar einen Preis für das Zimmer wünschen und sie bringe mir nach ihrem abendlichen Kirchgang noch eine Pizza mit. 

Alles ist super, ein anstrengender Tag, viele Ereignisse und ein erholsames Ende nach diesem super anstrengenden Tag.

Die anstrengenden, mich quälenden, an meine Grenzen führenden Bergtage wollen kein Ende nehmen. Ich bin am fluchen, laut schreien. Immer wieder eröffnet sich nach einer Kurve mein Blick auf ein ähnliches, hinter mir liegendes Bild des Strecke. Vor mir, weit oben am Horizont, sehe ich die Durchfahrt in das nächste Tal und davor gilt es das lang ansteigende Band der Straße zu überwinden. Den brutalen Frontalwind, die Regenschauer, zu ertragen. 

Nun irgendwann bin ich dann doch angekommen und fand sogar noch einen offenen Supermarkt. Zum Hostel ging es dann noch einmal richtig bergan und so stand ich dann auch mal wieder im Halbdunkeln, schweißgetränkt vor der Herberge. Konnte für 50 R, ein unschlagbarer Preis, meine müden Beine im Bett ausstrecken. Den Tipp hatte ich von einem anderem Radler, wir haben uns getroffen, ein wenig gequatscht, Gedanken ausgetauscht, erhalten.

Aus Canon Rock fand ich schon schlecht raus, musste lange Wege wieder zurückfahren. Über einen Feldweg irgendwann meinen zuvor zurückgelegten Weg queren und so lange Wege ohne Voranzukommen zurücklegen.

Doch die wirklichen Anstrengungen für diesen Umweg begannen erst nach diesem Weg. Übelste Waschbrettpiste über lange Kilometer, bergan und Schotterpiste bergab, verlangte mir auch heute mal wieder alles ab.  zumal ich mich immer wieder fragte, warum ich diesem Weg gewählt habe. Einige 100 Meter parallel von meiner Piste verläuft die asphaltierte N2 auf der ich, vom Rückenwind getrieben, entspannt voran gekommen wäre. Nein, ich Held mußte einen „ Schei….weg“ wählen. Musste mich über erst 18 km und dann nachfolgenden 15 km bergauf Waschbrettpiste quälen, ohne dafür eine wirkliche Notwendigkeit zu erkennen. Das war das Übelste an diesem Weg. Hätte er mich voran gebracht, wäre der Weg notwendig gewesen, dann ok. Ich hätte das akzeptiert und mich arrangiert, doch diese Aktion war überhaupt nicht förderlich, forderte nur meine Kräfte.

Rücksichtslos brettern Autos in langanhaltenden Staub- und Schottersteinwirbeln an mir vorbei. Eine Steigung folgt der nächsten. Immer wieder kontrolliere ich meinen Weg, um ja nicht noch mehr unnötige Kilometer bewältigen zu müssen. 

Dann erreiche ich nach Stunden Alexandria, stopfe mich am ersten Take Away mit Essen voll. Heute fahre ich keinen unnötigen Kilometer mehr.

… und gestern habe ich gedacht, es geht nicht härter. Doch mitunter täusche ich mich auch, denn der heute Tag kann als einer unter vielen in meine Radtour-Analen eingehen. 

Stellenweise war der Wind so stark, so böig, dass ich tretend auf der Stelle stand. An die Planken gedrückt wurde und aufpassen musste, nicht mal wieder mit den LKWs in gefährlichen Kontakt zu kommen. Erbarmungslos fegten die Orkanböen über mich hinweg und immer wieder musste ich runter vom Rad und Pause machen. 

Auf der N2 wurde es dann noch schlimmer, da hier auch nicht der kleinster Windschutz, Büsche, Bäume oder dergleichen, vorhanden war. Die mich überholenden LKWs sogen mich 3 Sekunden in ihren Windschatten. Um so stärker gebeutelt tauchte ich dann schutzlos aus diesem hervor. 

Den Lenker fest umklammert mußte ich so auch zwei, drei LKWs überstehen. Keiner hielt an. Keiner bot mir seine Hilfe an und oft spielte ich mit dem Gedanken, den Daumen zu heben und der Qual ein Ende zu machen. Dann schaute ich wieder auf die Karte und dachte, ach das muß Du jetzt auch noch schaffen. Und ich habe es geschafft. Unter Qualen, mit schmerzenden Beinmuskeln, stechenden Knien und pumpenden Lungen erreichte ich die Vororte, den Nelson-Mandela-Radweg. Konnte mich ein wenig aus dem Wind nehmen, spürte kurz wie es auch ohne treten an diesem Tag mit Rückenwind, voran gehen kann. 

Die Beine haben in der Nacht doch richtig geschmerzt. Also habe ich in Ruhe gefrühstückt und bin dann am Anfang noch auf dem Nelson-Mandela-Radweg bis zu seinem abrupten Ende gefahren. So wie die derzeitigen ANC Führung Südafrikas das Erbe von Mandela vernachlässigen, so sah bzw. in diesem Zustand war auch der Radweg. Schade.

Irgendwann musste ich das Rad über Eisenbahngleise schleppen und mich wieder auf den N2 begeben. Auf dieser ging es dann im starken Verkehr stadteinwärts. 

Über Jeffreys Bay, Stormsrivier, Knynsa, Mossel Bay, Riversdale, Swellendam und Bredasdorp erreichte ich dann Kap L’Agulhas. 

Nicht das – Kap der guten Hoffnung -, sondern das – Kap der Nadeln – ist der südlichste Punkt des afrikanischen Kontinents. Die Gewässer gelten durch die zahlreichen Felsen und Riffe, unter und über dem Meeresoberfläche, als gefährlich. Am Kap stoßen der Atlantische und der Indische Ozean aufeinander. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Meeresströmungen führt oft zu hohem Wellengang. Die Vermischung der Weltmeere war für mich mit blossem Auge nicht zu erkennen. Allerdings kämpften auch an diesem Tag die Gewalten mächtig miteinander. Also bleibe ich lieber an Land, das ist nichts für mich. Schnell halte ich an Land meine Eindrücke fotografisch fest und mache mich dann wieder auf den Rückweg.

Es kommen auch endlich wieder wunderschöne Tage. Auf der R102 fliege ich nur so dahin. Ich habe wieder Zeit, Muse für die Landschaft. Auf der rechten Seite begleiten mich nun 170 km lang die Langeberg Mountain. Eine beeindruckende Gebirgskette der Westkap Provinz in Südafrika. Ein erholsamer Tag mit flacher Strecke, Wind von hinten, schattigen Streckenabschnitten. Der mir Unterkunft bietende Backpacker ist super. Nora ist eine gute Gesprächspartnerin. Das abendliche Mahl macht gute Laune. 

Ich merke das ich nun endlich ankommen will und das ist es wohl auch, was mich ungeduldig, gierig nach dem Tagesziel, werden läßt. Ich muß mich immer einmal wieder zur Ruhe bringen. Das Tempo rausnehmen, Pause/Fotos machen, den Moment genießen. Muß mich an den zurückgelegten Weg erinnern und mir meiner Leistung bewußt werden. 

Jeder Tag stellt mich vor neuen Anforderungen. Jeden Tag erwache ich mit anderen Gedanken. Gehen mir die unterschiedlichsten Überlegungen auf der Straße durch den Kopf. Führe ich Selbstgespräche mit für und wider. Ziehe Selbstzweifel an dem was ich tue an. Und fahre aber immer weiter auf meinem Weg durch die Welt. Mache mir aber immer wieder bewußt, dass ich nicht gegen die Straße, den Wind, die Natur kämpfen darf. Ich muß mich arrangieren, will die Natur als einen Partner ansehen. 

Wieder quäle ich mich. Quäle mich über Stunden, über Berge und über den Tag. Warum? Vielleicht weil ich dachte, dass es bis Cape Town nur noch ein Sprung ist. Alles easy. Doch das ist es nicht. Die Steigungen, die kräftezerrenden Anstiege nehmen kein Ende. Jeden Tag sehe ich sie neu, in unerwarteter Anzahl und Länge vor mir. Immer wieder frage ich mich. Wann hat der Scheiss endlich mal ein Ende. Wann geht es in eine ebene Strecke über? Wann komme ich zur Küste mit angenehmen, entspannten Straßen, Streckenverläufen. Und dann kommt doch aber wieder der Gedanke. „ Eh komm bleib positiv, denke an die freundlichen Menschen.“ 

Die Landschaft ist von riesigen, steinigen Äckern geprägt. Viele Schafherden grasen auf den abgeernteten Getreideflächen.  Welle um Welle, in braun, gelbbraun, grün, prägt die Landschaft. Das schwarze Asphaltband zieht sich immer bis an den Horizont. Der Wind verhindert um Stunden jegliche Entspannung. Jeder Schritt, jeder Meter muss erkämpft werden. 

Ich treibe mich wie sooft mit wenigen Pausen über den Tag. Trinken zwingt mich ggf. zum Aufblicken, zum registrieren der Landschaft. Schaue ich zurück auf meinem Weg, dann empfinde ich Erleichterung.

Ein Auto hält unmittelbar nach dem Überholen vor mir und ein älterer Herr springt schnell aus dem Wagen. Keine Gefahr signalisiert mir meine Erfahrung. Mit einer Wasserflasche kommt er an meine Seite. Auch die anderen Insassen, drei ältere Herrschaften sind sehr besorgt um mich. Fragen wiederholt nach der Sicherheit, nach schlechten Erlebnissen und der Strecke im Allgemeinen. Ich setze sie mit meinen Antworten in großes Erstaunen, da ich ja nur Positives berichten kann. Das ich noch nicht wirklich überfallen wurde, so alleine auf dem ganzen Weg durch Südafrika, von dem kleinen Zwischenfall erzähle ich nichts, können sie nicht begreifen. Jeder mußte doch in den Städten schon solche Erfahrungen machen! Beschenke werde ich nicht nur mit Wasser, sondern auch mit Früchte und vielen guten Wünschen für die Weiterfahrt. Das gibt mir doch wieder Mut und Kraft für den weiteren Weg. 

29.03.2017 – 744. Tag – in Summe 46.270 Kilometer und Ankunft in Cape Town !!!! 

Ich sitze vor einem Restaurant an der Camps Bay, das Glas kaltes Bier ist halb geleert. ICH HABE ES GESCHAFFT!!!

Was für eine Etappe liegt da hinter mir. Alle Strapazen, Schmerzen, Entbehrungen, Verzweiflungen sind vergessen. Alle großen Augenblicke, positive Momente, schönen Begegnungen, beeindruckende Landschaften sehe ich vor mir. Sind in meinem Bewusstsein unvergesslich verankert. Niemand kann mir dies je wieder nehmen. Die Schmerzen in den Beinen, die nächtlichen Krämpfe, die Zweifel, Ängste es nicht zu schaffen, alles ist vergessen. 

Ich bin unendlich glücklich, stolz, wieder zuversichtlich nun auch den amerikanischen Kontinent, die Pan-Amerikana Nr. 5 angehen zu können. 

Natürlich war dieser Tag landschaftlich auch noch einmal absolut beeindruckend. Einmal herum um die False Bay auf überwältigenden Küstenstraßen, dann in einen langem Anstieg, mit ungezählten Spitzkehren, Kurven auf dem Chapman’s Drive hoch an den Fuß des Chapman’s Peak. Mein Blick wird von der Aussicht links neben mir über den Südatlantischen Ozean gefesselt. Hier mit dem Wasser des Ozeans, kann sich die Farbe blau in allen Schattierungen austoben. 

Ein Radweg auf dem teilweise sehr ausgesetzten Chapman’s Drive wurde bei der Planung und im Ausbau nicht berücksichtigt.  Es gibt einen gelbe Linie die die Radspur kennzeichnet. Links davon geht es, ja auch mal einige hundert Meter, in die Tiefe. Mit vielen Stops in den Parkbuchten, ich muß immer wieder Fotos machen, meine Eindrücke festhalten, erreiche ich den Scheitelpunkt. Ich platze vor Energie. Bin trotz der Anstrengung, der dringend erforderlichen Konzentration auf die vor mir liegenden, schmalen Auffahrt nicht ausgelaugt. 

Tief über den Lenker gebeugt, wo 100 m gerader Strecke ausreichen, Autos überholend, rase ich Cape Town entgegen.

Natürlich war ich vorher noch am Kap der guten Hoffnung. Habe mir den touristischen Rummel gegeben, Fotos gemacht, wieder viele Fragen beantwortet und tief in mich reingehorcht.


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