09.02.2017 – 30.03.2017 / 696. – 745. Tag 

Ankunft Grenze zu Südafrika Nähe Elefant-Logde, Vivo, Louis Trichardt, Tzaneen, Shikwari Game Reserve, Blyde Canyon Camp, Graskop, Nelspruit, Barberton, Big Bend, Grenze zu Swasiland

Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft meiner beiden Helfer vom vergangenen Tag reißt nicht ab, denn sie fahren mich an diesem Morgen auch noch zurück an die Abzweigung. So muss ich mich nicht gleich in den ersten Tagesstunden über die arge Piste und die Strasse zurück quälen und starte energiegeladen an dem Abzweig Richtung South African Border Post. 

Die nächsten 57 Kilometer sind dann allerdings auch arge Schotterpiste. Mal gut, mal weniger gut, mal arg schwer zu fahren. Ich kenne mein Tagesziel und so konzentriere ich mich darauf und weniger auf die Quälerei auf der Piste. Ein paar Jeep rasen, mich in Staub hüllend, an mir vorbei. Sonst verlaufen die Stunden damit, dass ich mich auf die Umgebung konzentriere und hoffe, dass ich die ggf. vorhandenen Elefanten, vor denen mich alle gewarnt haben, eher sehen, als sie mich. Denn ich fahre durch einen ausgewiesenen National Park und den Hinweisen folgend, sollte ich jederzeit mit einem grauen Riesen rechnen.

An dem Kontrollpunkt zum National Park werde ich von den Posten nochmals auf die Elefanten- und Löwengefahr hingewiesen, und das ich auf eigenes Risiko mit dem Rad durch den Park fahre. “Ja, ja mache ich“, rufe ich ihnen zu und denke, jeder droht mir mit den Elefanten, doch gesehen habe ich bis jetzt keinen einzigen in den Parks, die ich mit dem Rad durchquert habe. Was ja auch ein wenig schade , vielleicht für meine Gesundheit aber auch förderlich, ist.

Die Piste wird nicht leichter und die Kilometer wollen nicht weniger werden. Ich mache viele Bilder, denn Giraffen-, Zebra- und Antilopenherden sorgen doch für viele schöne Unterbrechungen. 

Die Landschaft mit immer wieder auftauchenden, braunorangen Gesteinsmassive, ist abwechslungsreich und beeindruckend. Oft erinnert mich das Landschaftsbild an Australien. Wild dahin geworfene, aufgetürmte Felsformationen leuchte ich allen erdenklichen gelb, braun und orangen Farbtönen.  Alles eingebettet, umgeben von sattem Grün der Pflanzen.

Gegen 16:00 Uhr erreiche ich endlich den Grenzposten. Eigentlich wollte ich noch eine Nacht in Botswana verbringen, um dann am Morgen über die Grenze zu gehen und so einen kompletten Tag für die erste Etappe in Südafrika zu haben. Doch und das ist wirklich unverschämt, die Übernachtung in der Lodge soll 300 US$ kosten!!! Pro Nacht/Person wohl gemerkt. Neeee, da mache ich mich dann doch noch schnell auf die andere Seite und da ist dann schon das nächste Abendteuer, denn über den Limpopo komme ich nur per Kabelbahn in einem Transportkorb.

Die ganze Reise kostet 65 Rand und dauert einige Minuten. Die Ausreise ist kein Problem, schnell habe ich meinen Stempel im Pass, muss sogar das Ausreiseformular nicht selber ausfüllen, denn die Grenzbeamtin ist von meiner Reise so begeistert, dass sie das gerne selber machen möchte. Ich kann mich in der Zeit an einem Wassertank mit kaltem Wasser erfrischen. 

Und dann bin ich in Südafrika und der erste Eindruck vermittelt mir einen kompletten Wechsel der Landschaft, der Menschen und der Mentalität. Die zurückliegenden Tage waren geprägt von karger Landschaft mit wenig abwechslungsreicher Vegetation. Vielen schlechten Straßen bzw. Schotterpisten und so gut wie keine Besiedlung. Nun stehe ich auf einer glatten Asphaltstraße vor einem modernen Grenzgebäude. Die Grenz- und Zollbeamten langweilen sich im Schatten der Grenzschalter. Na ich will sie nie hat lange stören und denke, dass ich schnell mit den Formalitäten durch bin. Doch dann erschrecke ich doch ziemlich, denn mir wird ein 90 Tage-Visum verweigert.

Der Grenzbeamte will mir nur eine Aufenthaltsdauer von 7 !!!! Tagen für Südafrika bewilligen. Nicht zu verlängern, nicht zu ändern. Er bleibt stur. Danach müsste ich ausreisen. Als Grund gibt er an, dass ich nicht aus meinem Heimatland eingereist bin und so nur die 7 Tage bekomme!!!  Ich kann es dies akzeptieren oder zurück nach Botswana fahren. In der Zwischenzeit haben die sich langweilenden Beamten mein Rad entdeckt und ich vollständig um dieses versammelt. Einige Zwischenrufe in Afrika an den sturen Beamten hinter dem Schalter ändern die Situation plötzlich. Zu was doch einmal wieder mein Schild mit der Weltroute nützlich ist. Dann nach weiteren langen Diskussionen, Telefonaten und der Vorlage meines zweiten Passes mit den vielen Visa, und dem Erscheinen einer wohl eher kompetenteren Grenzbeamtin, bewilligen mir beide 3 Monate Aufenthaltsdauer. 

Nach vielen Erklärungen an die sich auch langweilenden Zollbeamten, zahlreichen Blicken in das Innere meiner Packtaschen, fahre ich frohen Mutes und überglücklich an diesen Nachmittag nun schnell Richtung Landesinnere. Die ersten Kilometer geht es stetig bergan, dann allerdings wird die Straße eben und verläuft schnurgerade bis sie weit vor mir den Himmel berührt. 

Die Straße ist auf der nächsten 40 Kilometern von beiden Seiten mit einem Hochsicherheitswildzaun eingefaßt. „De Beer Wild Game Park“ steht auf den immer wieder angebrachten Schilder und das es sich um einen Elektrozaun handelt und hinter dem Zaun bei Zuwiderhandlung geschossen wird. Ok, die müssen ja wirklich wilde Tiere innerhalb ihres Geländes haben und all die anderen Wilden außerhalb halten wollen. Jedenfalls muß schon der Zaun eine Unsumme gekostet haben, geht es mir so Kilometer um Kilometer durch den Kopf. An irgendetwas Komisches denke ich des Öfteren mal. Später erfahre ich, dass DE Beer einer der größten multinationalen Bergbaukonzerne in Südafrika ist.

Die Warnungen, all der Leute die mich mit Infos über Südafrika versorgen wollten, gehen mir dann etwas später durch den Kopf. “Schlafe bloß nicht alleine im Busch, die schlachten Dich sofort ab, wenn sie dich finden“. „ Fahre am besten gar nicht alleine mit dem Rad durch Südafrika. Du wirst sofort überfallen“. „Das sind alles Räuber, Mörder und noch Schlimmere“. Natürlich verunsicherte mich das ein wenig und ich nehme das auch entsprechend ernst. Zumal die ersten Tage in einem neuen Land immer spannend sind. Ich mich immer erst an die Gepflogenheiten gewöhnen muß, um meine Bedenken zu vergessen. Noch lange Zeit fahre ich an dem Elektrozaun vorbei, es ist mittlerweile auch nach 17:00 Uhr und ein offenes Tor, eine Lücke ist nicht zu finden.

Hinweisschilder auf Lodges enden vor einem Schild mit der Aufschrift geschlossen und so muss ich mich noch etliche Kilometer weiter voran kämpfen. Immer wieder stecke ich mir ein neues, weiter vorankommendes Ziel und dann, wieder einmal ist das Glück auf meiner Seite, setzt sich meine wundervolle, erlebnisreiche, positiv getragene Reise fort und ich erreiche eine Lodge. 

Alles ist von der ersten Minute an schön. Freundlich werde ich empfangen. Springe, nachdem ich mein Rad abgestellt habe, in den Pool. Bekomme ein kaltes Bier und geniesse ein wundervolles, dem Umfang nach, Zweipersonen-Abendessen.

Spät komme ich nach dem Frühstück, gab es erst ab 9:00 Uhr, los. Dann setzt sich die Strecke fort, wie sie am Abend zuvor aufgehört hatte. Eine lange, gerade Strasse, vorbei an den Wildzäunen der Gameparks zu beiden Seiten. Bald zeigt sich am Horizont, erst als schwarze Masse im faden Licht, dann in grün, grau, gelb, braunen Farbschattierungen in immer klarer werdenden Konturen der Soutpansberg. Die braune Felsmassivkrone zeichnet sich wunderschön vor dem strahlend blauen, wolkenlosen Himmel ab.  Vivo, die erste größere Ortschaft die ich in Südafrika erreiche liegt am Fusse dieses auf dem Ebene steil aufragenden Massivs. Ich muß mir etwas für die Nahrungs- und damit Energieaufnahme besorgen und finde einen Einkaufszentrum  mit Tankstelle, riesigem Parkplatz und Läden für den ländlichen Bedarf. Ok, wie gehe ich jetzt vor? Kann ich meine Sachen unbeaufsichtigt lassen? Muss ich alles mitnehmen? Das Rad anschließen? Nach einigen Überlegungen, einem Blick in die Runde und der Einschätzung der Situation, entscheide ich mich wie immer. Ich stelle mein Rad in die unmittelbare Nähe des Eingangs, frage den Sicherheitsbeamten, ob er mal einen Blick auf meine Sachen werfen könnte. Schaue in ein vertrautenerweckendes Gesicht und verlassen mich auf meine Intuition. Was soll ich auch sonst machen. ich bin alleine und kann schlecht mit dem Rad in den Supermarkt fahren.  Auf dem Rückweg nach meinem Einkauf werde ich sofort mehrfach von Südafrikanern angesprochen. Immer stehe ich freundlichen, interessierten Menschen gegenüber. Niemand vermittelt mir ein Gefühl von Bedrohung, Aggressivität oder Unfreundlichkeit. Und schon nach wenigen Minuten habe ich eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit bei einem Farmer-Ehepaar. Wir müssen das Rad auf ihren Pickup laden, denn die Farm liegt ca. 20 km Busch und ist nur über eine Schotter-, Sand-,Wellenpiste zu erreichen. 

Auf der Farm gibt es dann erst einmal für mich Getränke, Dusche und Zimmer, alles in gekühlter Form. Die Einrichtung des Hauses ist aus dem 20.Jahrhundert und ungezählte Trophäen alles afrikanischen Tiere zieren dicht an dicht die Wände. Eine Unterkunft für die schwarzen Angestellten befindet sich unweit des Farmhauses. Gegen Nachmittag erwartet mich dann vor einem Tischgebet, ein reich gedeckter Tisch. Danach geht es zu einer Besichtigungstour in das Jagdgebiet des Farmers. Ein monströser, 2,50 Meter hoher Elektrozaum umgibt ein riesiges Steppen-/Waldgebiet. 

Unterhalb des Hanglip Berges, welcher zum Soutpansberg (Salzpfannenberg) bezeichneten Gebirges gehört, verbringe ich auf einem 5.000 ha großen Farmgelände mit mehreren Farmer-Familien einen wunderschönen Abend mit köstlichen afrikanischen Grillspezialitäten und leckerem Gin-Tonic. 

Das Salzpfannenberg-Gebirge erstreckt sich südlich der Grenze zu Simbabwe auf über 250 Kilometer in West-Ost-Richtung und zwischen 15-60 Kilometer in Nord-Süd-Ausdehnung. 

Auf nächsten Morgen breche ich zeitig und schnell auf. Die Schotterpiste , der Zubringer zur asphaltierten Straße, liegt bald hinter mir und dann geht es unterhalb des Salzpfannenberg-Gebirges weiter in Richtung Süden. Starker Gegenwind und lange Anfahrten, aber eine herrliche Aussicht begleiten mich bis gegen 14 Uhr. Am Nachmittag liegen noch zahlreiche Anfahrten und etliche Kilometer bis nach Louis Trichardt vor mir. Doch dann erwartet mich einmal mehr eine wunderschöne Episode. Am Fuß eines langen Anstieges mache ich noch einmal eine Drei-Schlucke-Wasser-Trinkpause, als plötzlich ein weißer Pickups hinter mir hält. Schnell springt ein Typ in Radfahrertrikot auf die Straße und bietet mir ein kaltes Mixgetränk an. Sofort werde ich mit Fragen überschüttet und zwischen den gierigen Schlucken, stammel ich auch die passenden Antworten. Nach dem nächsten und dem übernächsten und dem dann danach angebotenen Getränk fragt mich der Südafrikaner Thomas Nefdt, ob ich denn wirklich noch die verbleibenden Kilometer bis Louis Trichardt auf dem Rad zurücklegen will. Wir können uns doch viel besser im Pickup unterhalten und so finde ich doch auch schneller sein Haus, meine Unterkunft für diese Nacht. Na da lasse ich mich doch nicht lange bitten, gemeinsam packen wir schnell das Rad auf den Pickup. 

 

Ja, wirklich im klimatisierten Fahrraum, beim ..zigsten Drink erreichen wir zu meinem Erstaunen wirklich schnell die Stadt.  Schon erstaunlich was ich mir doch manchmal, auch hier wieder in dieser tropischen Hitze, antue.

 

 

Thomas, sein Frau und das befreundete Ehepaar sind extrem freundliche und hilfsbereite Menschen. Sofort nach nach der Ankunft wird die Waschmaschine angeworfen, meine noch nie innen gereinigten Trinkflaschen übernommen und mein Rad mit wieder einmal notwendigen, neuen Pedalen versorgt. Am Abend kommen weitere Familienmitglieder und Freunde und gemeinsam verbringen wir einen herrlichen Grillabend.

Wunderbar so ruhig, tief und sicher in einem festen Haus zu schlafen und nach einem reichhaltigen Frühstück sich von neuen, lieb gewonnen Freunden zu verabschieden. Der Streckenempfehlung von Thomas folgend, lege ich die ersten Kilometer erst, mit rasendem, nicht wirklich rücksechtsvollem Verkehr auf der N1 und dann nach einem Abzweig auf einer Nebenstraße mit langen, steilen Anfahrten, sehr heißen Stunden, zurück. Allerdings hängen meine Gedanken immer noch den vergangenen, schönen Stunden, dem besten BB-Abend mit kaltem Bier und den vielen angenehmen Gespräche, der herzlichen Verabschiedung, nach. So bewältige ich die vor mir liegenden Herausforderungen problemlos und geniesse das gefrorene, dadurch lange kaltes, Wasser, aus den frisch gewaschene Trinkflasche. Der Verlauf der Nebenstraße wird super schön, gegen Nachmittag geht es über lange herrliche Abfahrt, vorbei an hoch aufragenden Felsmassiven. Es ist heiß, stechend heiß auf der Straße und so gibt es nur ein kurzes Essen an einer Tankstelle. Weiter auf einer Super-Asphaltstraße, immer wieder bergab, aber doch auch mal knackig bergan. Mehrfach überquere ich gut gefüllte Flussläufe. 

Ein heißer Tag mit anstrengendem Streckenverlauf, vielem LKW-Verkehr und zahllosen Baustellen verbunden mit verrückten Überholmanövern, ist zu überstehen. Mitunter bin ich aber auch lange alleine auf der Straße unterwegs, doch dann treffen sich erstaunlicherweise immer ein einsames mir entgegenkommendes und ein mich überholendes, ebenso einsames Fahrzeug auf meiner Höhe. Einen Sicherheitsabstand zum Rad gibt es dann nicht und so komme ich immer mal wieder in arge Platznot auf einer eigentlich leeren Straße. Hat das eigentlich schon mal jemand statistisch untersucht? Gilt hier dann auch Murphys-Gesetz? 

Die Nacht verbringe ich im super luxuriösen, exklusiven Shikwari Game Reserve. Ich muß mir einmal wieder etwas Gutes antuen. Die zurückliegenden Strapazen haben mich viel Kraft gekostet. Es gibt ein phantastische Abendessen, superleckeres Steak vom Grill, besten Rotwein und eine „Sterngucker-Nacht“ am Lagerfeuer. Einer der Mitarbeiter, ein Black-People erzählt mir unter Tränen, dass jetzt wo er hier den Job hat, alles ziemlich gut ist. Früher war sein Leben sehr hart und oft gab es nichts zu essen. Er musste sich durch Wilderei ernähren. Nun hat er einen Freund gefunden. Ein kleines, mutterloses Zebra, das er großzieht und das ihm vertraut. Er besucht es jeden Morgen in einem abgelegenen Teil des Reserve. Doch am meisten vermiest er Mandela. Mit dem Satz „Er fehlt uns doch ziemlich“, bringt er seine Sehnsucht, die Sehnsucht vieler Black-People zum Ausdruck. Auch er, nicht nur die Weißen, sind mit dem akutellen Präsidenten Jacob Zuma, einem naiven, ja dummen, korrupten Präsidenten, ziemlich unzufrieden. Die Black-People sind enttäuscht und fühlen sich allein gelassen. 

Nelson Mandela, welche Magie, gewaltige spirituelle Kraft geht noch immer für den Zusammenhalt des südafrikanische Volk von diesem Menschen aus. Aber auch die große Zerrissenheit zwischen den Menschen in Südafrika wird mir in diesem Moment am romantischen Feuer bewußt. Ein weißer Farmer mit dem ich mich einige Tage vorher unterhalten hatte, bezeichnete Mandela immer noch als Terrorist, als Bombenleger, der Menschen zu Gewalt aufgerufen hat und Menschen ermordete. 1964 wurde Nelson Mandela als “Terrorist” zu lebenslanger Haft verurteilt. Dreißig Jahre später einte er als freier Mann Südafrika zu einer Nation. Wird zum Freiheitskämpfer, Versöhner, Friedensstifter, zur Stimme und zum Gewissen Afrikas. Erhält den Friedensnobelpreis und wurde als schwarzer Präsident Südafrikas weltweit verehrt und geachtet. Heute fehlt er dem südafrikanischem Menschen in einer wieder zunehmend, gespaltenen Gesellschaft unter einem vollumfänglich, korrupten Präsidenten aus dem ANC.

Aus der Gemütlichkeit meiner nächtlichen Unterkunft sehe ich bereits am frühen Morgen was ich heute zu bewältigen habe. Jedenfalls denke ich das noch als ich mich in den Sattel schwinge. Doch wieder einmal soll es anders kommen. Am Fuße zum Felsmassiv Manoutsa komme ich noch an einer Rasthaus vorbei, verabreiche mir einen Energy-Drink und mache mich dann an die vor mir aufragenden Passüberfahrt. Die riesigen Massiv-Wände sind grün gefärbt und der braune Fels schimmert nur in den unteren Regionen, am Fuß des Felsmassivs durch. 

Noch lange vor dem Einschlafen hatte ich mir mal wieder den Kopf über die vor mir liegenden Strapazen zerbrochen. Wie werde ich diesen Paß überwinden? Schaffe ich die Höhe fahrend oder erwartet mich, wie schon lange nicht mehr, eine Schiebestrecke? Wie erwartet ist es eine schweißtreibende Angelegenheit. Allerdings nicht ganz so kräftezerrend wie ich es erwartet hatte. Es geht gemächlich, aber stetig bergan und nur in den Kehren nimmt die Steigung extrem zu. Weit hinter, unter mir in der sich abzeichnenden Ebene, liegt das weite Limpopo-Gebiet in der gleichnamigen Provinz. Tagen zuvor habe ich diese Ebene durchquert. Jetzt erkenne ich auch einen Fluss, den Olifants-River, der das trockene Land teilt und mit Wasser, dem so wichtigen Lebenselixier für Natur, Menschen und Tiere, versorgt. Der erste Step zum JG Strydom Tunnelgebiet geht auf 1140 m. Der nach dem ehemaligen Premierminister JG Strijdom benannte,132,3 m lange Tunnel, wurde am 8. Mai 1959 eröffnet und liegt unterhalb des Abel Erasmus Pass.

Das erste Hochplateau erreiche ich nach 1,5 Stunden und erkenne bald, dass das nicht das Ende des Anstiegs wist. Weiter geht es nach einem menschenleere erscheinenden Dorf bergan. Die Gluthitze hält die Menschen in den Häusern. Wer sich jetzt freiwillig, ohne Muß in der flirrenden Luft bewegt ist doch wohl ….? Raus aus dem Dorf, einen Brunnen, frisches Wasser habe ich nicht gefunden, und nun wir es richtig knackig. Weit über mir, in den vor mir liegenden Massiv-Wänden, erkenne ich meinen Weiterweg, das den gewaltigen Felsen abgerungene Straßenband, und erahne was da noch auf mich zukommt. Ok, also Kopf runter, auf den kleinsten Gang runter und dann treten bis die nächste erkennbare Passhöhe erreicht ist. Mit schnellen 5 km/h fliege ich dem Durchstich entgegen! 

Endlich neigt sich das Asphaltband dem Horizont, doch trotz der Höhe ist es mittlerweile wieder um die 38 Grad heiß und ich muß mit meinem Trinkwasser arg haushalten, denn auf der schattenlosen Straße durch die schroffe Felslandschaft sehe ich meinen endlos ansteigenden Weiterweg.

Auf einer weit sich vor mir ausbreitenden Hochebene überholt mich nach Stunden auch einmal wieder ein SUV und hält kurz vor mir am Straßenrand. Eine südafrikanische Familie bestehend aus vier Personen mit Hund springt geschlossen aus dem Wagen und umringt mich sofort staunend und fragend. „Wo kommen Sie denn her? Wie überhaupt hierher? Wie aus dem Norden und da sind Sie noch nie überfallen worden? Das geht doch gar nicht!“ Das Staunen nimmt nicht ab. Meine Antworten werden ungläubig zur Kenntnis genommen. Leider können sie mich auf Nachfrage nicht mit Wasser versorgen, da sie wirklich nichts außer Cider und Eis an Bord haben. Von dem Eis geben sie mir gerne so viel ich möchte ab. So fülle ich mir zu dem brühwarmen Wasser das kalte Eis und habe so wieder kalten Genuss und doch etwas mehr Flüssigkeit für den Weiterweg. Mit der üblichen Mahnung, ich soll auf mich aufpassen und mich nicht Überfallen lassen, verabschieden sich die Leute. 

Der Nachmittag wird quälend und kostet mich viel unendlich viel Kraft und die Erweckung meiner Willensreserven. Ich muß mir bei der aktuellen Quälerei vielfach vor Augen führen, dass ich bereits höhere Pässe überwunden habe und ich die Gebirge, auch wenn es ziemlich lange dauert, immer überwunden habe und auch diesmal werde. 

Trinken kann ich jetzt nur noch in drei Minischlucken, denn ich habe nur noch 1 Liter Wasser und ein Ende des Anstiegs ist noch nicht in Sicht. Ein weiterer Stepp weit über der 1900 Metermarke. 

Irgendwann gegen Nachmittag stopfe ich dann auch noch meine letzten zwei, zermatschten, braunschwarzen Bananen, das einzige Essen über den Tag, in mich hinein, spüle mit warmen Wasser nach und setze meine Tretmonotonie fort.

Dann endlich nach einer großen Rechtskehre öffnet sich erneut ein neues Tal mit einem dahinterliegende Felsmassiv. Dem Blyde River Canyon. Riesige Felsmassiv erscheinen am Horizont und nun geht es auch endlich mal wieder bergab, runter Richtung Canyon. Blyde River Canyon gehört zu den imposantesten Naturerscheinungen Südafrikas. Drei wie Rundhütten geformten Felsen, die Three Rondavels, kennzeichnen den Canyon. Das gesamte Hauptfelsmassiv breitet sich eindrucksvoll vor mir aus.  

Treur-, Blyde- und Ohrigstad-River durchströmen das Lowveld. Ein beeindruckende grüne Flora, ein überwältigender Felsmassiv mit unfassbarem Talblick erstreckt sich bis zum Horizont. Sofort vergessen ich die hinter mir liegende Quälerei durch die unerwarteten Reizüberflutung der beeindruckenden Erdwunder, dem wunderschönen Südafrika. In talwärts rasender Abfahrt mit einem großen Linksschwäng erreiche ich das Blyde-River-Camp. Bekomme an der Tankstelle das langerträumte, kalte Bier, unterhalte mich lange mit den Wachmann und kann dann zufrieden mit der heutigen Tagesleistung auf dem Campground mein Zelt aufschlagen. Große Zufriedenheit umgibt mich am Abend bei herrlichem Essen, einer guten Flasche Stellenbosch Wein und dem anschließenden seligen Schlaf im Zelt.

Die Wetteränderung hatte sich bereits in der Nacht angekündigt. Vor dem Zelt höre ich den Wind jagen. Ununterbrochen prasselte der Regen und die zu Beginn noch trockenen Blätter auf das Zelt. 

Ein abschließendes Bad im Pool des Blyde-River-Camp ließ ich mir trotz des schlechten, kalten Wetters nicht nehmen. Raus auf die Straße und es ging weiter bergan. Heute allerdings mit Regen, böigen Wind und eben dem stetigen Anstieg. Der Wind wehte natürlich kontinuierlich von vorne und nahm bereits am Vormittag immer mal wieder Orkan-Charakter an. Hinter jeder Kehre wurde, wie so oft, meine Hoffnung auf die Passhöhe enttäuscht, immer weiter zeichnete sich der Weg über die dann vor mir liegenden Höhenrücken ab. Weit in der Ferne sah ich die Straße, den Weg den ich zu bewältigen hatte. Mitunter fegte mich der Orkan von der Straße in das Schotterbett. Oft trat ich mit aller Kraft, gesengtem Kopf, mit minimaler Geschwindigkeit gegen den Sturm an. Die Vorwärst-Bewegungs-Geschindigkeit lag unter 4 km/h. Abwechslung bietet allerdings das beeindruckende Panorama des Hochplateaus. Immer wieder schaute ich faszinierten die schroffen, an den Wänden mit ungezählten Felsnadeln bestückten Schluchten. Kann man dieses Land durchwandern? So meine Gedanken, meiner Faszination eine Richtung zu geben. Bald ließ ich allerdings die Felsformationen hinter mir und erreichte ein weiteres Hochplateau. Eine weite, offene, von grünen Wiesen gekennzeichnete Landschaft lag vor mir. Weit oben, unterhalb des Horizonts ließen sich Wälder erahnen. Nun peitschte mir der Wind so richtig, ungebremst, ungestört, hindernisfrei mit zunehmender Orkanstärke, um die Ohren. Der Regen nahm weiter zu und dann wurde alles auch noch in einem undurchsichtigen Regen-Nebel-Dunst gehüllt. Immer wieder zuckte ich zusammen, wenn mich Autos überholten, da der Wind so stark brüllte, dass ich keine Nebengeräusche wahrnehmen konnte. 

Die zuvor weit erkennbaren Wälder waren nun zur Realität geworden und säumten beidseitig meinen Weiterweg. Zunehmend verschlechterte sich das Wetter und ich kam kaum noch von der Stelle, die Heftigkeit des Windes raste unbarmherzig über mich. Völlig durchgefroren, durchnässt, an der Gliedern zitternd, entkräftet bis zum wirklich letzten Energietropfen erreichte ich Graskop. Hinter mir lag die super anstrengende „Großen Randstufe,“ die ich im Orkan, Regen, Nebel und ziemlicher Kälte, ach ja und in stetigem Anstieg entlanggefahren bin.

Graskop liegt inmitten eines landschaftlich eindrucksvollen Tals des Grabenbruches (Escarpment) und stellt das lokale Zentrum dieser Region dar. Die Mainroad kennzeichnen zahlreiche Souvenirläden, die Büros örtlicher Tourenanbieter und Cafés. Erst einmal musste mich sammeln, um überhaupt vom Rad absteigen zu können und so lehnte mich unter einem Dach an eine Mauer und resümierte, dass ich es einmal wieder geschafft hatte. Einmal wieder hatte ich bis zum Letzten gekämpft, doch nie wutentbrannt gegen die Naturgewalten, denn diesen Kampf hätte ich auf jeden Fall verloren. Irgendwie hatte ich mich arrangiert, mit der entfesselten Natur arrangiert. Stehen bleiben konnte ich eh nicht, ich musste ja irgendwie weiter kommen. Im Ort vor einem Kaffee, umringt von einer Busladung Touristen, habe ich dann als erstes erfahren, dass vom indischen Ozean kommend ein Orkan gemeldet wurde. Dies wohl die Vorläufer waren und das er wohl heute Nacht über die Region hinwegfegen wird. Ok, ich bin erst einmal in Sicherheit. Lange habe ich mich dann mit den vielen Touristen unterhalten. Wurde an einen Tisch zu Kaffee und Pan-Crackers eingeladen und immer wieder bestaunt. Auch das tut einmal gut. Hilft über den Verlust von Freunden, die sich nicht mit einer Reise identifizieren können, sich nicht mit mir über das Erreichte freuen können, mir dies alles vielleicht auch neiden, hinwegzukommen. Wieder ging es von null auf 1.589 m rauf.

Nachlässig hatte ich vor dem Besuch des Cafés eine hintere Packtasche offen gelassen und so stand dann der Inhalt nach den gewaltigen Regengüssen halb unter Wasser. Alle Medikamente sind durchweicht, die Isomatte und der Schlafsack durchweicht. Es ist klamm, umgeheizt im Hostel und so werde ich die Sachen wohl nicht wirklich trocken bekommen. Muss dann wohl doch einige der unbrauchbaren Medikamente entsorgen.

Na jedenfalls sitze ich erst einmal im Trockenen und kann so ggf. auch einen weiteren Tag die Wetterkapriolen abwarten. Im Moment sieht es jedenfalls nicht so aus, als ob das Unwetter bis morgen nachläßt. Rings um die Hütte steht alles komplett unter Wasser. Haben sich riesige Regenwasser-Seen gebildet. 

Und so sitze ich bei Regen und Sturm auch die nächsten zwei Tage in meinem Schlafsack. Lausche dem Orkan, der ohne Unterlaß all seine Kraft aufbietet. Erstaunlich wie schnell sich doch das Wetter ändern kann, denn die zwei vorangegangenen Tage waren doch extrem heiß. 180 Grad entgegen der jetzigen Situation. Ist das das echte Afrika oder sind das schon die Auswirkungen der Klimaveränderungen auf der Erde.

In den kommenden Tagen bewegte ich mich immer noch in der Hochebene. Mein Höhenmesser zeigte 1.878 m an und das ist auch spürbar, es ging kontinuierlich bergan. In Sabi machte ich an einer Tankstelle Pause und werde von dem indischen Besitzer angesprochen. Wir landen natürlich während dem Gespräch schnell bei meinem Erlebnissen. Natürlich verteidigte er sein !!!schönes Indien!!!, teilte mir mehrmals mit, dass in Südindien alles viel schöner sei und ich unbedingt nach Mumbai hätte fahren sollen. Nun bei mir stieß er mit seinen Argumenten auf fundierter Ablehnung.

Nelspruit erreicht ich dann gegen Nachmittag, wieder kam ich mit einigen Leute ins Gespräch und alle wünschten mir viel Glück, gutes Gelingen und Gesundheit. Schnell noch auf Einladung ein kaltes Bier und dann auf zum Backpacker. Dies soll zuerst ausgebucht sein, dann hört der Besitzer, Paul Kruger, wo ich herkomme, bespricht die Sache mit seinem Helfer und sag mir doch ein Bett zu. Im Zimmer angekommen stelle ich fest, dass doch noch recht viele Betten frei waren. Äh komisch. 

19.02.2017 – 706. Tag (43.365 km)  ZWEI JAHRE UNTERWEGS !!!

Der Start nach zwei Tagen Entspannung, zwei Nächten in einem Bett, fällt mir immer ein wenig schwer. In den Unterkünften vergesse ich mitunter auch, in welchem Land ich mich gerade befinde, was mich draußen erwartet. In Südafrika ist dies bis jetzt, wider aller Hinweise, aber nie etwas schlimmes, erschreckendes oder bedrohliches. So mache ich mich dann gegen 09:00 Uhr auf die Straße, verabschiede mich herzlich von Paul Kruger und finde schnell meinen Weg Richtung Grenze. Wie erwartet geht es auch an diesem Tag wieder stetig bergan. Auf einer Wandkarte mit Höhenzügen hatte ich mir bereits angesehen was mich erwartet. Dazu kommt ein leichter Regen. Nieselschauer begleiten mich über den Tag, für die Regenjacke lohnt es sich aber nicht und naß vom Schweiß bin ich sowie so.

Leider hatte vergessen mir genügend Wasser aufzupacken und an der letzten Möglichkeit für Wasser bin ich irgendwie vorbeigefahren. Am letzten Abzweig nach Barberton frage ich zwei Obsthändler wo ich denn Wasser kaufen könnte: „Ach nur 2 km, dann kommt einen Tankstelle.“ Nach 5 km bin ich an vielen Häusern, nur nicht an einer Tankstelle vorbeigekommen. Entfernungsangaben von Einheimischen, besonders von Männern sollte man nicht wirklich für maßgelblich halten.

Morgen geht es dann nun weiter in Richtung Swasiland. Ich bin gespannt. 

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