27.07. – 30.07.2015 / 159. – 1 62. Tag

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Mitunter finde ich auch mal Schatten

Jeden Morgen, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute treibe ich mich selber an. Antrieb ist super wichtig, funktioniert der Antrieb nicht geht es nicht weiter. Was ist passiert? Die neue Kette und das alte Ritzel harmonieren nicht wirklich miteinander. Die Kette springt, sobald ich Druck/Kraft auf die Pedale gebe. Ich komme nicht wirklich voran.

Irgendwie kommt mir diese Situation bekannt vor?

Ja, und hier die Geschichte:

40 Jahre ist es nun sicher her, dass ich mit meinem Bruder auf der Rückfahrt aus dem Urlaub in einer ähnlichen Situation war. Wir waren mit dem Motorrad unterwegs. Damals ging beim Motorrad auch nichts mehr. Die Kette, das Ratzel auf dem Hinterrad waren völlig runter. Wir saßen in einer rattenverseuchten Scheune, nördlich von Berlin, in Löwenberg. Nach vielen, mangels fehlendem Werkzeug, vergeblichen Reparaturversuchen, mussten wir notgedrungen irgendwie die Nacht in dieser Scheune verbringen. Mein Bruder konnte nichts basteln, da er sich Tage zuvor die Finger gequetscht hatte.  Er und seine Studienkollegen hatten versucht, einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde angestrebt. In was bleibt unser Geheimnis.

Mein Bruder schlief selig. Ich in voller Ledermontur, wachte über unsere Gesundheit.  Horchte auf jedes Geräusch in der Scheune, um ggf. jeden Rattenangriff rechtzeitig abwehren zu können. An schlafen war nicht zu denken. Ich musste meinen Ekelfaktor im Auge behalten. Mein Bruder ist einer der Menschen, die mich in meiner Kindheit extrem positiv beeinflusst haben. Mir in Dingen, die er damals kontinuierlich voran getrieben hat, immer ein Vorbild war. Sein sportlicher, gesunder Ehrgeiz hat auch mich voran getrieben. Nie entstand dabei Frust, nie blinder „.. aber du musst doch Wille…“. Meine erste Radtour machten wir gemeinsam ins 20 km entfernte Dorf unseren Großeltern. Gefühlt war es damals eine Weltreise für mich. Er ließ mir, uns die Zeit, die ich brauchte um die Strecke mit einem viel zu großem Rad zu bewältigen. Ein guter Mensch, damals wie heute.

Jetzt mache ich meine wirkliche Weltreise und fahre jeden Tag ein zigfaches der Strecke und er begleitet mich mental.

Ok, zurück zur Gegenwart.

Nun, ich komme wenigstens noch vorsichtig, mit wenig Druck weiter. Allerdings fahre ich auf der Autobahn, um so große Steigungen, die es auf den Nebenstrassen zu Hauf gibt, zu vermeiden. Am Anfang mache ich mir ziemliche Gedanken, ob das gut gehen wird. Wie groß wird die Aufregung bei den Autofahrern sein? Auf dem breiten Seitenstreifen fahre ich ganz rechts um bloß keinen zu behindern. Erstaunlich, niemand regt sich auf. Niemand hupt, keiner droht mir bzw. bedrängt mich.

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nach dem Pamir-Highway…..
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…nun im gegenseitigen Verständnis…..
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…auf dem Asian Highway

Ich fahre die ersten 100 km komplett auf der AB 7 bzw. AH 6. Man stelle sich das auf der A7 z.B. bei Göttingen vor. Die Polizei wäre sofort bei mir. Alles würde ich aufregen, obwohl ja niemand behindert werden würde. Nicht so in Korea. Keiner jagt mich mit seinem gezücktem Radkreuz von der AB.

In Yeongdeok, der nächst größeren Stadt nach 60 km, finde ich leider keinen geeigneten Fahrradladen. Also wieder auf den AH und  weiter nach Phang, weitere 40 km auf der Autobahn. Und nun doch, es hupte einer. Allerdings mit erhobenen Daumen, er will mich lediglich grüßen.

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Ach, die liebenswerten Koreaner. In Pohang finde ich nach viel Fragerei einen super Radladen.

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vollumfängliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft

Kann ohne große Umstände das Werkzeug benutzen. Natürlich ist das Staunen und die Bewunderung der Rohloff-Technologie groß und das Drehen des Ritzels anfangs ziemlich unverständlich. Nach einer Probefahrt bedanke ich mich herzlich und suche mir in der Stadt eine Übernachtungsmöglichkeit.

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Auf der M929 erreiche ich mit einigen Steigungen in der Nähe von Gomba wieder schnell die Küste. Eine große Gruppe von Kindern und Jugendlichen in mehreren Abteilungen, immer von einigen Erwachsenen begleitet, mit einheitlicher Sportkleidung kommt mir entgegen. Ich halte an und frage einen der Begleiter, was diese Tour für sie bedeutet. Erstaunt erfahre ich, dass die Kinder von Pusan bis nach Seoul mit dem Rad fahren.

Auch diesen Tag beende ich auf einem Zeltplatz inmitten von koreanischen Campern am Meer. Eine lustige, koreanische Großfamilie, 10 m von mir entfernt, ist bereits tüchtig am feiern. Sie essen, trinken und hören traditionelle Musik. Dazu wird getanzt und  tüchtig dem koreanischem Feuerwasser zugesprochen. Trotzdem geschieht dies alles irgendwie sehr rücksichtsvoll. Und, ja einer der Männer kommt mit einem kleinen Imbiss und koreanischen Schnaps. Das Essen ist lecker. Der Schnaps ist furchtbar.

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auf ein echtes Baguette konnte ich trotzdem nicht verzichten

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Am nächsten Tag geht es wieder in übermäßiger Hitze über langgezogene Steigungen. Viel Industrie bzw. endlos erscheinende Industriegebiet muß ich durchqueren. Die Straße ist irgendwann zu Ende. Ich muss mir einen Weg durch die wild durcheinander parkenden Autos der Industriearbeiter suchen. 40 km vor Busan finde ich noch einen Zeltplatz für die Nacht. Irgendwie läuft es nach dem Kettenwechsel noch nicht wirklich rund. Starke Laufgeräusche irritieren mich den ganzen Tag. Meine Gedanken kreisen um die Ursache, wo kommt das her? Habe ich etwas verkehrt zusammen-gebaut? Welche Auswirkungen hat das auf andere Komponenten? Zeit ist ja genug um sich auf diese Sache zu versteifen.

Das Meer vor der Nase, frischer Wind umweht mich , baue ich alles noch einmal auseinander und wieder zusammen.

Südkorea bringt mich zur Ruhe, ja es ist sehr schön hier. In der Nacht  finde ich wegen der Hitze keinen Schlaf. So sitze ich noch lange vor dem Zelt und schaue auf’s Meer. Denke an die bisher zurück gelegten Etappen und muss über das bisher Erreichte selber ein wenig staunen.

Strand Korea

Heute ist Ankunft in Busan!  Unterwegs hält noch ein Kim an und reicht mir eine Flasche kaltes Mineralwasser. Er mach einige Fotos, erzählt, dass er auch Rad fährt und verschwindet wieder. Ich fahre schon lange durch die Vororte von Busan, als er plötzlich mit Rad und sportlichem Outfit wieder neben mir steht. Eine wirklich freudige Überraschung und schön, denn er hat sich entschloss mich zum Hafen, zur Fähre zu lotsen. Wir fahren kreuz und quer durch die Stadt. Vorbei an Stränden, mitten in der Stadt, mit tausenden von Sonnenschirmen und ebensoviele Menschen. Durch Häuserschluchten mit Wolkenkratzern, die ich in Europa so noch nicht gesehen habe.

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..wie alle die ich getroffen habe…
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…ein hilfsbereiter Kim

Am Hafen angekommen, machen wir noch einige Bilder. Im Terminal erfahre ich dann, dass eine Fähre von hier aus nicht auf die koreanische Insel fährt, die mir noch empfohlen wurde. Also muß ich kurzentschlossen eine Planänderung durchführen und nach dem Kauf eines Tickets nach Japan ist Korea nun abgeschlossen. 19:00 Uhr geht die Fähre ab. Ab 18:00 Uhr kann ich das Rad einchecken.

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gewöhnungsbedürftige Massenkabine
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Platz für ein Dutzend Reisende

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